Zeitzeugin Agnes Hirschis schwerer Gang

Die 81-jährige Agnes Hirschi kommt zum ersten Mal zu einem Zeitzeugengespräch nach Dachau.

(Foto: Björn Mensing/oh)

Die Shoah-Überlebende besucht erstmals eine KZ-Gedenkstätte

Es war der erste Besuch, den Agnes Hirschi aus der Schweiz überhaupt in einer KZ-Gedenkstätte gemacht hat. Bisher hatte solche Orte aus nachvollziehbaren Gründen vermieden. Und auch vor ihrer Dachaureise hatte ihre beiden Söhne abgeraten, aus Sorge um die seelische Belastung der Mutter. Ihre Tante und ihre gleichaltrige Cousine, mit der sie als Kind oft in Budapest gespielt hatte, waren in deutschen Konzentrationslagern ermordet worden. Sie selbst und ihre Mutter sind diesem Schicksal nur knapp entgangen. Zu verdanken hatten sie und mehr als 50 000 weitere Juden in Budapest ihre Rettung dem Schweizer Vizekonsul Carl Lutz. Er stellte - weit über seine Kompetenzen hinaus - Tausende Schutzpässe aus. Agnes brachte er sogar in seiner Residenz in Sicherheit. Ihre Mutter Magda Csányi beschäftige er als Hausdame. Nach dem Krieg heiratet Carl Lutz Magda und holte sie mit Agnes in die Schweiz.

Pfarrerin Claudia Buchner von der Evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte hatte Agnes Hirschi zu einem Zeitzeugengespräch nach Dachau eingeladen. Die 81-Jährige, die in der Nähe von Bern lebt, nahm die Fernbusreise auf sich. Im Publikum im Gesprächsraum der Versöhnungskirche waren auch eine Schweizer und eine ungarische Konsulin. Nach dem mit historischen Fotos illustrierten Vortrag der Zeitzeugin gab es viele Fragen. Nachher bekannte Agnes Hirschi in kleiner Runde, dass sie noch bei keinem ihrer vielen Zeitzeugengespräche so viel Persönliches preisgegeben habe. Der Umzug in die Schweiz war für das Mädchen schwer. Sie musste ihren Vater, von dem ihre Mutter sich scheiden ließ, um Carl Lutz heiraten zu können, und ihr vertrautes Umfeld 1949 in Budapest zurücklassen, konnte kein Deutsch. Auch konfessionell musste sie sich umorientieren. Ihre jüdische Familie in Budapest war nicht sonderlich religiös gewesen, Carl Lutz dagegen stark in der evangelisch-methodistischen Kirche verankert. Sein Hilfe für die Juden war religiös motiviert gewesen. Und so wurde auch Agnes evangelisch. Heute engagiert sie sich in der evangelisch-reformierten Kirche.

In der Nacht nach dem Gespräch lag Agnes Hirschi lange in ihrem Dachauer Hotelzimmer wach. Dennoch blieb sie bei ihrem Entschluss, an einer Führung durch die KZ-Gedenkstätte teilzunehmen. Mehr als zwei Stunden war sie mit Kirchenrat Björn Mensing auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers unterwegs. Im Gedenkbuch für die Toten fand sie die Einträge zum Vater und zum Bruder eines guten Freundes. Beide wurden im Dachauer Außenlager Kaufering umgebracht. Tröstlich war für die sichtlich erschütterte Agnes Hirschi, dass so viele Menschen die KZ-Gedenkstätte besuchen - und damit ihr Interesse am Schicksal der Verfolgten zeigen. Sie würde sich wünschen, dass mehr Schulklassen aus der Schweiz Dachau und andere Gedenkstätte besuchen.

Bei ihrem nächsten Zeitzeugengespräch in einer Schweizer Schule in wenigen Tagen wird sie dafür werben. Und einige Tage danach wird sie sich in Budapest bei der Präsentation der ungarischen Ausgabe eines Buches über Carl Lutz' Rettungsaktion mit Ágnes Heller über die Eindrücke in Dachau austauschen. Die Philosophin und Orbán-Kritikerin verdankt ihr Überleben ebenfalls Carl Lutz.