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Zeitzeugengespräch:"Gerechter unter den Völkern"

adolph kurt böhm foto: maike freese-spott

Der Komponist Adolph Kurt Böhm, 91, kommt in die Versöhnungskirche.

(Foto: oh)

Der Komponist Adolph Kurt Böhm besucht Dachau. Als 15-Jähriger rettete er viele Juden, nach dem Krieg spielte er zunächst in Pariser Bars

Es ist ein Leben, das nach einer Verfilmung geradezu schreit: Als Junge flüchtet Adolph Kurt Böhm, dessen Vater Jude und Dachau-Häftling ist, mit seiner Familie vor den Nazis nach Paris. Der 15 Jahre alte, sehr begabte Junge besucht eine private Kunstakademie und nimmt Klavierunterricht. Als auch die französischen Juden von den Deportationen bedroht werden, hilft Maria Böhm mehreren Verfolgten, versteckt sie in ihrer Wohnung. "Mutz", wie Adolph Böhm genannt wird, beschließt sein Zeichentalent einzusetzen. Er fälscht Lebensmittelkarten und Ausweise, verhilft Juden zu einer neuen Identität und rettet gemeinsam mit seiner Mutter mehreren Menschen das Leben. Dafür verleiht ihm der israelische Staat 1994 den Titel "Gerechter unter den Völkern". Mutz konzentriert sich nach dem Krieg ganz auf die Musik. Als Pianist begleitet er im Pariser Viertel Montmartre Chansonniers, Sängerinnen und Tänzerinnen, auch in Nachtlokalen mit Striptease-Vorführungen. Zudem spielt er auf Tourneen und Tanzbällen.

Erst spät kommt Mutz zum Komponieren von Liedern. In Murnau, der Heimat seiner Mutter, entdeckt er das deutsche Kunstlied. Erste Kompositionen ergeben sich dann fast von selbst. Und in Murnau lernt er seine jetzige Frau Christine kennen, die mit ihm die Begeisterung für die schönen Künste teilt. In Murnau lebt Adolph Kurt Böhm seit Mitte der Achtzigerjahre, unablässig komponiert er, bis heute sind schon mehr als 450 Lieder und Klavierkompositionen entstanden. 2014 erscheinen seine Erinnerungen unter dem programmatischen Titel "Musik und Menschlichkeit". Wenige Tage vor seinem 92. Geburtstag kommt Adolph Kurt Böhm an den Ort der Haft seines Vaters vor 85 Jahren und spricht dort erstmals als Zeitzeuge. Am 27. Juli 1926 wurde Mutz als Kind eines jüdischen Fabrikanten und einer Christin im oberfränkischen Oberlangenstadt geboren und wächst katholisch auf.

Sein Vater Josef Böhm wird von einem beruflichen Konkurrenten und SA-Mitglied beschuldigt, sich kritisch über die Nationalsozialisten geäußert zu haben, und verhaftet. Zunächst kommt er ins Gefängnis im nahen Kronach, dann in Bayreuth und am 24. April 1933 ins KZ Dachau. Über die brutalen Misshandlungen durch die SS-Männer wollte oder konnte er später in seiner Familie nicht sprechen. Unter anderem wird ihm die linke Niere kaputt geschlagen, die später entfernt werden muss. Nach drei Wochen wird Josef Böhm unter Auflagen entlassen. Bald beschließt das Ehepaar, aus Deutschland zu fliehen. Im Dezember 1933 kommt die Familie in Paris an. Als mittellose Flüchtlinge leben sie die ersten Jahre in bitterer Armut und in ständiger Angst vor der Abschiebung nach Deutschland. Schließlich findet die Mutter eine Putzstelle in einem Hotel, der Vater wird Buchhalter der deutschsprachigen "Pariser Tageszeitung".

Als die Wehrmacht 1940 in Paris einmarschiert und Juden auch dort ihres Lebens nicht mehr sicher sind, flieht Josef Böhm zunächst in den unbesetzten Teil von Frankreich und dann mit Hilfe von Schleusern weiter in die Schweiz. Die "arische" Maria Böhm bleibt mit den beiden Söhnen in Paris. Als Maria Böhm sich nicht von ihrem jüdischen Mann scheiden lassen will, droht auch ihr die Verhaftung. Sie taucht mit den Söhnen unter. Doch sie haben Glück. Wenig später wird Paris 1944 von den Alliierten befreit. Bald kehrt der Vater aus der Schweiz zurück, für die Familie geht ein Albtraum zu Ende.

Kirchenrat Björn Mensing moderiert das Gespräch in der Versöhnungskirche an der KZ-Gedenkstätte. Florian Prey singt von Adolph Kurt Böhm vertonte Gedichte von Hermann Hesse (1877-1962) und Manfred Kyber (1880-1933) und trägt ein Gedicht vor, das der Vater Josef Böhm im Exil in der Schweiz (1942-44) geschrieben hat. Josef Böhm war nie wieder in Dachau - diesen Ort hätte er nicht mehr ertragen. Auch für seinen Sohn wird es nicht einfach werden - um so mehr freut sich Pfarrer Mensing über seine Zusage für die Veranstaltung am Donnerstag, 19. Juli, um 19.30 Uhr in der Versöhnungskirche.

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