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Zeitzeugengespräch:Ein Zivilisationsbruch, der sich nicht wiederholen darf

Natan Grossmanns Familie wurde von den Nazis umgebracht. Jetzt erzählt der 92-Jährige seine Geschichte - auch als Mahnung

Natan Grossmann sprüht vor Energie. Der kräftige, ältere Mann sitzt vor vollbesetzten Stuhlreihen in einem Saal des Karmel-Klosters an der Dachauer KZ-Gedenkstätte und erzählt aus seinem Leben. Jahrzehntelang hat er das nicht getan, hat über sein Schicksal geschwiegen. "Ich habe erst vor kurzem angefangen zu sprechen - wegen der Leute, die den Holocaust leugnen." Er spricht gut eine Stunde lang fast ohne Unterbrechung, so dass Ludwig Schmidinger, der Beauftragte des Erzbistums München-Freising für die Gedenkstättenarbeit kaum dazu kommt, seine vorbereiteten Fragen zu stellen. Dabei ist Grossmann 92 Jahre alt und hat in seinem Leben unvorstellbares Leid durch die deutschen Besatzer Polens erlitten.

1927 wurde er im polnischen Zgierz bei Łódź geboren. In einem etwa halbstündigen Ausschnitt aus dem Dokumentarfilm "Linie 41" zu Beginn der Veranstaltung können die Besucher sehen, dass der Sohn des Schusters Abraham Grossmann und seiner Frau Bluma aus ärmlichsten Verhältnissen stammte. "Wir waren bitterarm", betont er in Dachau mit Blick auf die Filmbilder seines Geburtshauses in Zgierz und weist nachdrücklich antisemitische Legenden zurück, dass alle Juden reich gewesen seien. Der Titel des Films, den Tanja Cummings 2015 über Grossmann gedreht hat, bezieht sich auf eine Straßenbahnlinie, die mitten durch das Łódźer Ghetto führte, in dem etwa 160 000 Juden auf engstem Raum eingepfercht waren - mitten in der geplanten deutschen Musterstadt Litzmannstadt, die die Nazis aus dem polnischen Łódź machen wollten. Die Fahrgäste der Tram sahen, wie es den jüdischen Menschen darin von Woche zu Woche, von Monat zu Monat und Jahr um Jahr schlechter ging; wie es immer weniger Bewohner wurden, bis das Ghetto schließlich nach vier Jahren aufgelöst wurde. In diesem Zeitraum starben dort etwa 46 000 Bewohner vor allem an Hunger, Krankheit, Erschießungen und Selbstmord. "Keiner der deutschen Bewohner konnte später sagen, er hätte nicht gewusst, was den Juden angetan wurde", so Natan Grossmann.

Nach der deutschen Besetzung Polens wurden die Grossmanns 1940 zwangsweise ins Ghetto Łódź umgesiedelt. Am 6. März 1942 verschwand sein vier Jahre älterer Bruder Ber, über dessen weiteres Schicksal er erst seit wenigen Jahren Bescheid weiß. Sein Vater wurde kurz danach ermordet, seine Mutter verhungerte am 16. September 1942 "in meinen Armen", wie er erschüttert berichtet. Später habe er lange Zeit Gewissensbisse gehabt, denn die Mutter habe mit dem Sohn stets ihre kümmerlichen Essensrationen geteilt. Mit 15 Jahren war er plötzlich allein, lebte fortan auf der Straße und zog sich dabei schwere Erfrierungen zu. Der Jugendliche erlernte im Ghetto das Handwerk des Schmieds, was ihm das Leben rettete, nachdem im August 1944 das Ghetto liquidiert wurde.

Zeitzeugengespräch

Natan Grossmann beim Zeitzeugengespräch im Karmel-Kloster.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Er kam zunächst nach Auschwitz-Birkenau, doch als Schmied wurde er mit etwa 250 Mithäftlingen schon nach wenigen Wochen weiter ins KZ-Außenlager Vechelde bei Braunschweig transportiert, weil die dortige LKW-Firma Büssing dringend Arbeitskräfte benötigte. "Dort wurden wir gut versorgt", sagt er, "wir haben sogar in einem gemauerten Haus geschlafen." Vor allem, so erinnert er sich, habe die Werksführung Misshandlungen nicht geduldet, "denn wir mussten ja arbeiten".

Im März 1945 wurde das Lager aufgelöst und die Häftlinge auf einen Todesmarsch geschickt, den er dank seiner guten Konstitution überlebt habe. Am 2. Mai 1945 wurde er im mecklenburgischen Ludwigslust von amerikanischen Truppen befreit. Vor einigen Jahren hat ihm der Bürgermeister der Stadt neben der Ehrenbürgerschaft auch eine Geburtsurkunde für dieses Datum überreicht, so dass er heute noch stolz anmerkt: "Ich wurde am 2. Mai 1945 neu geboren."

"Mit einer Gruppe von Mithäftlingen - wir waren zionistisch beeinflusst - wollten wir in die Heimat zurück", erzählt Grossmann, der sich selbst als Atheist bezeichnet. Er hoffte, dort seinen Bruder zu finden - vergeblich. Heute weiß er, dass Ber im Vernichtungslager Chelmno ermordet wurde. Dieser hatte sich als Mitglied einer Widerstandsgruppe zu einem Transport gemeldet, um herauszufinden, was dort geschah. "Dabei ist er umgekommen". Die traurige Nachricht hat für Natan Grossmann auch eine tröstliche Seite: "Mein Bruder hat wenigstens gekämpft". Von Łódź wollte Grossmann mit einer zionistischen Organisation nach Israel, landete aber zunächst in einem Lager für "displaced persons" in Landsberg am Lech. "Der Gedanke an Rache war da", sagt er im Rückblick, aber die Amerikaner hätten verhindert, dass er und seine Freunde ihn in die Tat umsetzen konnten. "Zum Glück, sonst hätten wir Unschuldige getroffen, denn die Schuldigen haben sich über die sogenannte Rattenlinie nach Südamerika gerettet", glaubt er. Nach sechs Monaten ging es über Italien per Schiff mit 2300 Passagieren weiter nach Israel, wo er sich in einem Kibbuz in der Nähe des Sees Genezareth niederließ: "Wir haben begonnen, Bananen zu züchten und der ganzen Welt gezeigt, dass Juden auch Agronomen sein können."

Zeitzeugengespräch

Viele Besucher sind gekommen, um Natan Grossmanns Geschichte zu hören, darunter auch Kirchenrat Björn Mensing (links).

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Zirka 14 Jahre blieb er im Kibbuz, dann musste er wegen der Folgen der Erfrierungen, die er sich im Ghetto zugezogen hatte, zurück ins Land der Täter, nach Deutschland. Denn sein Arzt in Israel habe ihm geraten: "Nur die Deutschen können dir helfen." So sei er 1959/60 in einer Münchner Klinik gelandet. "In diesem Krankenhaus hat mein Hass gegen Deutschland aufgehört", sagt er. Er habe mit seinen Zimmergenossen, die in der Wehrmacht gekämpft hätten, sogar Freundschaft geschlossen. "Auch sie haben in Russland Schweres erleben müssen." Was er denn beruflich in Deutschland gemacht habe, will ein Besucher der Veranstaltung wissen. Die Antwort zeigt den ungebrochenen Humor des Schoah-Überlebenden: "In Israel waren wir Schmied, Schreiner oder Bauer, in München verkauft der Jude Unterhosen und Jeans." Seit 60 Jahren lebe er nun schon sehr zufrieden hier, seit 52 Jahren zusammen mit seiner Frau.

Zum Schluss betont er mit eindringlicher Stimme sein Grundanliegen: "Die zwölf Jahre der Herrschaft des Faschismus haben das deutsche Nest beschmutzt. Man darf nicht zulassen, dass wieder Leute kommen und es erneut beschmutzen." Trotz des wachsenden Antisemitismus müsse er dennoch nicht um sein Leben fürchten. "Auch wenn Israel vielleicht zur falschen Zeit am falschen Ort gegründet worden ist, so haben wir Juden damit doch einen Ort, an den wir notfalls gehen können - anders als 1939".

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