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Zeitgeschichtlicher Unterricht:"Wir werden stets Widerstand gegen Gewalt leisten"

Zeitzeugengespräch an der FOS Karlsfeld

Der Zeitzeuge Abba Naor (li.) bei seinem zweiten Besuch an der FOS Karlsfeld mit dem Lehrer Thomas Meier.

(Foto: privat/oh)

Der 91-jährige Zeitzeuge Abba Naor spricht an der Fachoberschule Karlsfeld über die Shoah. Nach seiner eindringlichen Erzählung und seinem Appell, für Freiheit und Demokratie einzustehen, geben ihm Lehrer und Schüler eine weiße Rose als Symbol ihres Versprechens

Es ist keine alltägliche Geschichtsstunde, und sie beginnt mit einer Rechenaufgabe. Abba Naor, 91, fragt die 11. Klasse der Fachoberschule Karlsfeld zu Beginn: "Wie viel sind vier Prozent von 250 000?" Die Schülerinnen und Schüler wissen natürlich die Antwort: "10 000." Als Abba Naor erklärt, dass von den 250 000 litauischen Juden nur 10 000 und von den 60 000 jüdischen Kindern nur wenige überlebt haben, ist vielen der Schüler der Schock deutlich anzusehen. Am Dienstag besuchte der Überlebende der Shoah, Vizepräsident des Internationalen Dachau-Komitees, die Schule zu einem Zeitzeugengespräch. Seit mehr als 25 Jahren erzählt er an Schulen in ganz Bayern und auch in der Schweiz von dem, was man später den Zivilisationsbruch nennen sollte, den Massenmord an den europäischen Juden, dem sechs Millionen Menschen zum Opfer fielen.

Der 22. Juni 1941. Da viele Litauer mit den nationalsozialistischen Beamten, Soldaten und SS-Einsatzgruppen kollaborierten, war das einst friedliche Zusammenleben von christlichen und jüdischen Litauern mit einem Schlag beendet. Alte Freundschaften zu den Nachbarn waren wertlos geworden - das erfuhr Abba Naors Familie am eigenen Leibe. Litauer beteiligten sich an Massakern oder führten sie selbst aus. So gut wie keiner wurde nach Kriegsende zur Rechenschaft gezogen. Alle Juden in Kaunas, Naors Heimatstadt, wurden in zwei umzäunte Ghettos getrieben, die am 15. August geschlossen wurden. Die Angst war groß. Auch die Not. Die Ghettobewohner schickten vor allem Kinder, um noch Lebensmittel zu besorgen. Niemand konnte sich vorstellen, dass die Deutschen - das Volk der Dichter und Denker - Kindern etwas zu Leide tun würden. 26 Kinder wurden aufgegriffen und zur Strafe erschossen. Unter ihnen war Naors großer Bruder Chaim. "Wir dachten, das kann doch nicht wahr sein! Wir wollten es nicht glauben. Die werden eines Tages wieder zurückkommen. Man wird doch keine Kinder umbringen!" Abba war 13 Jahre alt, und seine Kindheit endete an diesem Tag.

Am 28. Oktober 1942 begannen die Selektionen. Zehntausend Männer und Frauen mussten "nach rechts gehen". Das bedeutete nichts Gutes: Sie wurden mit Maschinengewehren im Fort IX in Gruben erschossen. "Die Kinder wurden nicht erschossen. Die wurden lebendig in die Gruben geworfen." Vergessen, Verzeihung - das kann es für solche Taten nicht geben. Abba Naor sagt: "Was hatten denn die Kinder verbrochen. Ich konnte es nicht fassen. Es ist nicht leicht, so etwas zu glauben, und es ist auch nicht leicht für mich, darüber zu reden." Die Schüler schweigen. Was soll man darauf auch sagen - sie lauschen gebannt, vielleicht lernen sie dabei, dass Menschen sich nie dem Hass ergeben dürfen. Darauf kommt es Abba Naor an. Deshalb reist er zwischen Israel und Bayern hin und her und besucht viele Schulen.

Deutsche, Litauer und auch ukrainische Helfer töteten Arbeitsunfähige, Alte, Kranke und Kinder. Abba Naor sorgte, während seine Eltern Zwangsarbeit verrichteten, für den kleinen dreijährigen Bruder Berale. Immer wenn die Mörder kamen, versteckte er ihn in einem Kachelofen oder einem Bretterverschlag. Im Juli 1944 wurde das Ghetto vor der nahenden Roten Armee aufgelöst und seine Familie mit anderen in das KZ Stutthof bei Danzig deportiert. Der Alltag war Terror: Morde, Prügel und Hunger. Am 26. Juli 1944 musste Abba mit ansehen, wie seine Mutter und Berale in das Vernichtungslager Auschwitz verschleppt wurden. Dort wurden sie gleich nach der Ankunft vergast. Verzweifelt sagt Naor: "Das war der schwärzeste Tag in meinem Leben. Wäre das Attentat auf Hitler sechs Tage vorher erfolgreich gewesen, hätten meine Mutter und mein kleiner Bruder vielleicht überlebt."

Abba Naor wurde in Stutthof von seinem Vater getrennt. In überfüllten Viehwaggons, in denen man kaum atmen konnte, wurden arbeitsfähige Juden nach Utting, einem Außenlager des KZ Dachau, gebracht, um für die deutsche Rüstungsarbeit Sklavenarbeit zu leisten. Während der zwölfstündigen Schicht war sogar das Trinken von Wasser verboten. Er meldete sich freiwillig für die Arbeit im Lager Kaufering I, in der Hoffnung, dort seinen Vater zu finden - sein größter Fehler, wie er sagt, denn dort musste er täglich zwölf Stunden lang auf matschigem und ungesichertem Gelände 50-Kilo-Zementsäcke schleppen - fast verhungert und in ständiger Todesangst.

Am 24. April 1945 der Todesmarsch: Wer zu erschöpft war und zurückblieb, wurde erschossen. Und absolut nichts zum Essen. "Rasen schmeckt gar nicht so schlecht. Probiert mal die Graswurzeln." Am 2. Mai wurde er bei Waakirchen durch amerikanische Soldaten befreit. Auch sein Vater hatte überlebt. Freiheit? Abba Naor fasste wieder Fuß im Leben - viele andere Überlebende aber ertrugen den Schmerz nicht, verübten Suizid oder lebten fortan in Pflegeheimen in Israel.

Abba Naor erklärt, dass nicht die Volks- und Religionszugehörigkeit für ihn den Maßstab seiner Beurteilung von Menschen gäben, sondern ihre Taten. "Karl Jäger, Kommandeur des "Einsatzkommandos 3 ", hatte sogar die Zahl der ermordeten litauischen Juden ungerührt und akribisch dokumentiert." Naor kommentier trocken: "Jäger war ein Musiker. Man meint, Musiker sind Menschen mit Herz und sensibel. Karl Jäger war ein komischer Musiker und lebte bis 1959 als freier Mensch. Dann wurde er verhaftet. Er redete sich heraus und sagte: 'Es war ein Befehl'. Er hat vergessen, dass er selbst den Befehl gegeben hat." Es gab auch den Wehrmachtsoldaten Anton Schmid, der in Litauen Hunderte von Juden gerettet hat und deshalb hingerichtet wurde. Naor betont: "Merkt Euch diesen Namen. Er hat es verdient."

"Jeder Mensch, jedes Kind hat, unabhängig von Religion und Hautfarbe, ein Recht auf Leben - auch in Afrika und im Nahen Osten." Heimat sei für ihn überall dort, wo Menschen und vor allem Kinder frei leben könnten und nicht wegen ihrer Herkunft oder Religion verfolgt würden. Diktatoren wie Stalin oder Hitler - egal ob mit großem oder kleinem Schnurrbart, egal, ob ihre Gefolgsleute rote oder schwarze Krawatten tragen - nähmen ihren Untertanen immer die Freiheit und die Würde und oft auch das Leben, sagt Naor.

Nationalismus und Nazi-Ideologie sind keine Phänomene der Vergangenheit. Die Landtagswahl in Thüringen habe gezeigt, dass heute viele Menschen extreme Parteien wählten. Auch der Angriff eines Antisemiten und Rechtsextremisten auf die Synagoge in Halle würden den warnenden Botschaften Naors eine erschreckende Aktualität und Brisanz verleihen, sagt der Lehrer Thomas Meier. "Unsere Schülerinnen und Schüler waren von Abba Naors Vortrag tief bewegt: Einerseits waren sie schockiert über die Unmenschlichkeit und Grausamkeit, die ihm von den Nationalsozialisten widerfahren war, andererseits aber auch schwer beeindruckt von seinem Lebensmut, seiner unvoreingenommenen Art gegenüber den Jugendlichen, seiner Freundlichkeit und Menschlichkeit."

Naor wurde ein Brief einer Schülerin und eines Schülers übergeben, in dem sie ihr Mitgefühl ausdrückten und für seine Besuche dankten. Dazu bekam er eine weiße Rose: "Sie symbolisiert nicht nur den Dank der Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer der Fachschaft Geschichte der FOS Karlsfeld, sondern auch ihr Versprechen, stets Widerstand zu leisten, wenn sie auf Gewalt und Neonationalsozialismus treffen, und die Freiheit und Würde eines jeden Menschen zu achten."

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