Wohnungslosigkeit "Im Landkreis wird erst betreut, wenn jemand bereits obdachlos ist"

Ein Obdachloser schläft in Freimann auf der Straße.

(Foto: Tobias Hase/dpa)

Die Arbeiterwohlfahrt in Dachau wirft dem Landrat vor, das Thema Obdachlosigkeit zu vernachlässigen.

Von Anna-Elisa Jakob, Dachau

Landrat Stefan Löwl (CSU) dämpft die Erwartungen, dass der Landkreis die Kosten für eine Fachstelle zur Verhinderung von Obdachlosigkeit (FOL) übernehmen könnte. Marese Hoffmann (Grüne) hatte im Januar im Kreistag einen entsprechenden Antrag eingereicht und erhielt dabei Unterstützung vom Caritas-Zentrum Dachau. Im Landkreis Fürstenfeldbruck gibt es eine solche Einrichtung in Trägerschaft der Caritas bereits. Stefan Löwl jedoch erklärt, er sehe den Landkreis Dachau nicht in der Verantwortung: "Das Thema Obdachlosigkeit ist Thema der Gemeinden, für uns als Landkreis wäre das eine rein freiwillige Leistung."

Doch neben Löwl haben auch die Bürgermeister laut Oskar Krahmer in den vergangenen Jahren keine Verantwortung übernommen. Krahmer ist Vorsitzender bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Dachau. Er investierte über Jahre hinweg viel Zeit und Mühe, um eine zentrale Stelle im Landkreis einzurichten, die von Obdachlosigkeit bedrohten Menschen schnell und frühzeitig helfen kann. Bereits 2014 arbeitete er ein Konzept aus und stellte dieses Landrat Stefan Löwl (CSU) persönlich vor. 2017 versuchte er es erneut, wandte sich an die Bürgermeisterdienstbesprechung des Landkreises. Beide Male ohne Erfolg.

Zweimal versucht Krahmer, Kommunalpolitikern von seinem Konzept zu überzeugen - beide Male ohne Erfolg

Der SZ Dachau liegen die ausgearbeiteten Konzepte der Arbeiterwohlfahrt sowie der Schriftverkehr zwischen AWO, Landratsamt und Bürgermeisterobmann Stefan Kolbe (CSU) vor. Als Krahmer erstmals vor fünf Jahren Landrat Löwl sein Konzept präsentierte, verwies ihn dieser an das Caritas-Zentrum, die beiden örtlichen Sozialverbände sollten sich untereinander absprechen. Die Caritas Dachau, damals noch unter der Leitung von Kreisgeschäftsführer Axel Hannemann, zeigte laut Krahmer kein Interesse an einer Zusammenarbeit.

Horst Krahmer von der AWO sagt, dass die Notwendigkeit einer zentralen Stelle bereits 2014 deutlich gewesen sei.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Löwl brachte den Vorschlag seinerseits nicht im Kreistag ein. Er sah die Zuständigkeit für eine Fachstelle bei den einzelnen Kommunen. Aus diesem Grund verwies er Krahmer 2017 an die Bürgermeisterdienstbesprechung, hier konnte dieser das Konzept erneut vorstellen. Wieder ohne Erfolg: Die Bürgermeister hätten noch "internen Gesprächsbedarf", man würde sich nach der nächsten Besprechung melden, heißt es in der letzten Nachricht, die Krahmer von Bürgermeisterobmann Stefan Kolbe zu diesem Thema erhalten hatte.

"Was nützt es denn, wenn man immer wieder gegen eine Wand läuft?"

Der Dachauer Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) erinnert sich, dass damals insbesondere die kleineren Kommunen keinen Bedarf für die Einrichtung einer Fachstelle gesehen hätten. Auch er erkannte für Dachau keine Notwendigkeit: Die Stadt verfüge selbst über eine eigene Stelle, die bei drohender Obdachlosigkeit mit Vermietern in Kontakt tritt, um den Verlust der Wohnung abzuwenden. So soll laut AWO und Marese Hoffmann auch eine FOL für den Landkreis vorgehen. In Dachau verliefe das sehr erfolgreich, erklärt Hartmann - die Einrichtung einer Fachstelle könne er den anderen Kommunen empfehlen.

Nach der Bürgermeisterdienstbesprechung ließ Krahmer das Thema fallen, einzig die Ordner mit Konzepten und Schriftwechseln hob er auf. "Was nützt es denn, wenn man immer wieder gegen eine Wand läuft?", fragt er. Dass die Einrichtung einer FOL im Landkreis nun Thema im Kreistag werden soll, lässt ihn hoffen. Gesetzlich ist die Versorgung von Obdachlosen Aufgabe der Gemeinden, doch die AWO hatte sich 2014 bewusst an den Landrat gewandt: Ein Beschluss im Kreistag hätte das nötige Gewicht, um das Konzept für den gesamten Landkreis umsetzen zu können.

"Das Thema Obdachlosigkeit ist Thema der Gemeinden", sagt Landrat Stefan Löwl.

(Foto: Toni Heigl)

Nun muss der Kreistag über Marese Hoffmanns Antrag entscheiden und die Kosten abwägen. Löwl schätzt die Chancen, dass eine Mehrheit zustimmt, nicht gerade hoch ein: Der Landkreis übernehme bereits viele andere Aufgaben - die Wünsche seien zwar unbegrenzt, die Ressourcen jedoch nicht, betont er, sagt er. Der Knackpunkt sind die Kosten. Das findet sich auch in einem Konzept der AWO wieder, die darin rund 70 000 Euro für ein Jahr veranschlagte. Mehr als die Hälfte dieser Ausgaben wäre für die Anstellung einer sozialpädagogischen Fachkraft vorgesehen, die restlichen Ausgaben für Raummiete und ein Auto für die aufsuchende Arbeit.

In anderen Landkreisen gibt es eine Fachstelle zur Verhinderung von Obdachlosigkeit

Vor fünf Jahren holte sich Krahmer Hilfe von Experten, entwarf Ideen für die Koordination sowie eine Kostenkalkulation gemeinsam mit anderen AWO-Mitarbeitern, die teilweise im Landkreis München damit betraut sind. Dort gibt es seit 2007 eine Fachstelle zur Verhinderung von Obdachlosigkeit, verwaltet von der AWO, die Kosten trägt der Landkreis München. 2017 konnte die Einrichtung in 78 Prozent der betreuten Fälle verhindern, dass die jeweiligen Personen obdachlos werden. Die Hälfte derer, die sich an die FOL in München wandten, waren durch Mietschulden von Obdachlosigkeit bedroht. Bei 72 Prozent der betreuten Menschen ließ sich das Problem durch eine allgemeine Beratung lösen, meist sogar am Telefon.

Doch nicht nur München hat eine solche Stelle landkreisweit eingerichtet: Zehn weitere Landkreise im Bezirk Oberbayern bieten eine FOL an, so auch die Dachauer Nachbarlandkreise Freising und Fürstenfeldbruck. "Im Landkreis Dachau wird erst betreut, wenn jemand bereits obdachlos ist - das ist zu spät", sagt Krahmer. Die steigenden Mieten, das rasante Wachstum an Einwohnern - all das seien hohe Risikofaktoren. Die Notwendigkeit der FOL im Landkreis sei bereits 2014 deutlich gewesen, heute aber umso dringender - doch "der politische Wille fehlt".

Süddeutsche Zeitung Dachau Der Landkreis  hat Verantwortung
Kommentar

Der Landkreis hat Verantwortung

Gesetzlich ist der Landkreis nicht verpflichtet, eine Beratungsstelle für Wohnungslose einzurichten. Moralisch aber schon.   Von Anna-Elisa Jakob