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Wildtiere in Gefahr:Der Tod im Kornfeld

(Foto: Imago/Blickwinkel/oh)
  • Rehe, Hasen und Fasane leben zur Zeit wieder besonders gefährlich: Viele Tiere werden beim Mähen von Wiesen schwer verletzt oder getötet.
  • Allein im Landkreis Dachau werden jährlich etwa 1500 Tiere getötet, schätzt der Jäger- und Jagdschutzverein.
  • Besonders empört sind Jäger, wenn Landwirte verletzte Tiere einfach liegen und damit qualvoll verenden lassen.

Von Christiane Bracht

Es ist ein trauriger Trend: Je größer und effektiver die Mähmaschinen der Landwirte werden, desto mehr Wildtiere bleiben bei der Mahd auf der Strecke. Rehe, Hasen und Fasane nutzen das relativ hohe und dichte Grün gerne, um ihre Jungen vor Feinden zu verstecken beziehungsweise dort zu brüten. Doch der Schutz der Halme und Ähren kann schnell zur tödlichen Falle werden. Wenn die Bauern mit mehr als 20 Stundenkilometern ihre bis zu zehn Meter breiten Kreiselmäher durch die Grünflächen oder Getreidefelder treiben, merken sie nicht einmal, wenn die Jungtiere mit abrasiert werden. Die Jäger schlagen schon seit einigen Jahren Alarm.

Wie viele Tiere auf diese Weise getötet oder grausam verstümmelt werden, weiß man nicht. Es gibt keine Statistik. Ernst-Ulrich Wittmann, stellvertretender Vorsitzender des Dachauer Jäger- und Jagdschutzvereins, schätzt, dass es im Landkreis jedes Jahr etwa 1500 sind. "Das muss nicht sein", sagt er. Man könne die Tiere vorher vertreiben oder die Felder mit Hunden absuchen. Die meisten Landwirte informieren die Jäger inzwischen bevor sie aufs Feld hinausfahren. Dazu fordere auch der Bayerische Bauernverband (BBV) auf, sagt sein Bezirkspräsident und CSU-Landtagsabgeordnete Anton Kreitmair. Doch es gibt Ausnahmen: Etwa wenn das Wetter widererwarten schöner ist, da kommt es schon vor, dass der eine oder andere Bauer eine schnelle Entscheidung zuungunsten der Wildtiere trifft, hat Wittmann festgestellt.

Besonders empört, ja sogar schwer erzürnt hat Wittmanns Kollegin, die Jägerin Barbara Karcher der Fund von "zwei ausgemähten Rehkitzen" in der vergangenen Woche, die der Bauer einfach seinem Schicksal überließ ohne irgendjemanden zu informieren, der sie von ihren Qualen hätte erlösen können. "Es kann mir keiner erzählen, dass der Landwirt das nicht gesehen hat", sagt sie noch immer wütend. Wittmann indes beschwichtigt: "Ich glaube nicht, dass es Absicht war." Vermutlich habe der Mann im Stress des Alltags nicht darauf geachtet, ob sich auf dem Feld noch etwas rührt. Ein zermalmtes Rehkitz sehe sehr grausam aus, das lasse auch einen Landwirt nicht kalt. "So junge Tiere elendiglich verstümmelt zu sehen, das geht an die Nerven. Da hätte ich fast die Jagd an den Nagel gehängt", sagt der Jurist, der den Anblick toter Tiere gewöhnt und mit der Schicksalshaftigkeit der Natur durchaus vertraut ist.

Angesichts des grausamen Funds der vergangenen Woche appellieren Kärcher und der Jagdschutzverein "noch einmal eindringlich an alle Landwirte, sie doch spätestens am Abend vor der Mahd zu informieren." Überreste von toten oder verstümmelten Tieren im Viehfutter habe schließlich auch gefährliche Konsequenzen für die Kühe, die die Silage später zu fressen bekommen. Sie könnten dadurch an Botulismus erkranken und sterben, so Kärcher. Außerdem erinnern die Jäger daran, dass der Verstoß gegen das Tierschutzgesetz kein Kavaliersdelikt ist. Auch die Gerichte sehen das inzwischen so.

Mehrere Landwirte haben jüngst bereits Freiheitsstrafen auf Bewährung kassiert, weil sie bei der Mahd Wildtiere verstümmelt und getötet hatten, weiß Wittmann. "Ein verletztes Rehkitz einfach zu ignorieren und seinem Schicksal zu überlassen, das ist nicht hinnehmbar", findet auch Bauernsprecher Kreitmair. Deshalb sei er der Sache nachgegangen. Man wolle sich mit den Jägern treffen und in den nächsten Tagen vor die Presse treten, kündigt er an.

Das wirksamste Mittel gegen den sicheren Tod im Kornfeld ist eine Drohne mit Wärmebildkamera. In den frühen Morgenstunden, wenn die Temperaturunterschiede noch relativ hoch sind, könne man die Kitze so leicht aufspüren und wenn nötig vorsichtig wegtragen, erklärt Wittmann. Einziger Nachteil: Die Drohnen sind sehr teuer. Bis zu 10 000 Euro koste die Anschaffung. "Und wer macht das schon für ein bis zwei Stunden im Jahr?", fragt der Jurist. Einige Jäger aus dem Dachauer Hinterland haben bereits so ein Gerät und verleihen es. Doch es sind viel zu wenige.

"Die Verbände müssten sich zusammen tun, dann könnte es funktionieren. Die Technik ist gut, aber es braucht noch einen Kick, damit sie auch angeschafft und eingesetzt wird", sagt Wittmann. Der Maschinenring etwa könnte Drohnen anschaffen, auch der Bauern- und der Jägerverband. Kreitmair wiegelt indes sofort ab: "Das ist nicht die Aufgabe des Bauernverbands", sagt er. Und in Jahren wie diesem, in denen das Wetter lange schlecht ist und die Bauern dann alle zur gleichen Zeit hinausfahren, um die Mahd schnell einzuholen, könne der Maschinenring ohnehin nur einige wenige bedienen. "Wenn der Jagdverband Drohnen anschafft, ist das positiv", sagt er.

Derzeit werden Rehe, Hasen und Fasane vor allem durch Scheuchen vertrieben, die am Tag vor der Mahd aufgestellt werden. Auch akustische Alarmsignale helfen dabei, die Tiere zu beunruhigen, damit sie ihre Jungen woanders hintragen. Oft suchen Jäger und Landwirte auch mit Hunden die Felder ab. Trotzdem können sie oft nicht alle Tiere aufstöbern. Die Rehkitze ducken sich reflexartig in den Boden, wenn Gefahr droht und sind in den ersten zwei Wochen selbst für die feinen Nasen der Hunde kaum zu erschnüffeln. "Trotzdem müssen wir nach Lösungen suchen, diese Unfälle zu verhindern", sagt Wittmann entschieden. Für dieses Mal ist es zu spät: Die kritische Zeit ist von Mitte bis Ende Mai.

© SZ vom 29.05.2017

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