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Widerstand gegen NS-Regime:Enkel von Carl Goerdeler eröffnet Ausstellung

Ausstellung

Berthold Goerdeler lauscht bewegt der Geschichte seines Opas.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Sein Großvater plante das Hitlerattentat, seine Familie wurde mit 139 Häftlingen von der SS nach Südtirol verschleppt

"Tatsächlich war bis zur Jahrtausendwende fast nichts von diesem Teil der Geschichte bekannt", erklärt Berthold Goerdeler im Gesprächsraum der Versöhnungskirche. Er ist der Enkelsohn von Carl Goerdeler, einem zentralen Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime. Carl Goerdeler war maßgeblich an der Planung des Attentats auf Hitler vom 20. Juli 1944 beteiligt, dafür wurde er zum Tode verurteilt. Für seine Familie bedeutete dies die Verfolgung und Gefangennahme durch die Nationalsozialisten.

Als das NS-Regime im Jahr 1945 zunehmend in militärische Bedrängnis geraten war, entwickelte es den Plan "Alpenfestung". Dieser sei im Grunde ein "unlogisches Fantasieprodukt" der Nationalsozialisten gewesen, erklärt Wissenschaftler Walter Boaretto. Teil dieses Plans war es, "besonders wertvolle" Häftlinge nach Südtirol zu bringen, um sie als Geiseln gegenüber den Alliierten einsetzen zu können. Unter ihnen waren der ehemalige französische Ministerpräsident Léon Blum, der frühere österreichische Bundeskanzler Kurt von Schuschnigg, zwei britische Geheimagenten, Pfarrer Martin Niemöller und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer. Außerdem die Angehörigen der Widerstandskämpfer von 1944, so zum Beispiel die Familien von Hammerstein, Stauffenberg und Goerdeler. Insgesamt waren es 139 Häftlinge, begleitet von dreißig Mitgliedern der SS. Ziel des Transports war das Lager Reichenau bei Innsbruck. Da hier Seuchengefahr bestand, zog der Konvoi jedoch weiter Richtung Südtirol, ein außerplanmäßiger Halt in Niederdorf stellte die SS-Männer vor eine Schwierigkeit: Die Bewohner des Dorfes kümmerten sich ohne Angst um die Häftlinge, boten ihnen Unterkünfte und Verpflegung an.

Vermutlich durch die unübersichtliche Situation wird es dem Häftling Bogislaw von Bonin möglich, Kontakt zu einem Offizier der Wehrmacht in Bozen aufzunehmen. Unter der Leitung des Hauptmanns Wichard von Alvensleben konnte eine Truppe der deutschen Wehrmacht die SS in Südtirol entwaffnen und die Häftlinge in das nahegelegene Hotel "Pragser Wildsee" umquartieren. Die Hotelbesitzerin Emma Heiss-Hellenstainer nahm die Häftlinge auf und half ihnen bei der Rückkehr in ein Leben in Freiheit. Die Enkelin der damaligen Hotelbesitzerin, Caroline Heiss, trug viel zur späteren Aufarbeitung der Geschichte um die Verschleppung der Häftlinge bei. Ihr Lebensgefährte Jens Kappel erzählt von einer informationsträchtigen Holztruhe, die Caroline Heiss von ihrem Vater überlassen wurde. Als der Autor und ehemalige Journalist der Süddeutschen Zeitung, Hans-Günther Richardi, 2003 im Zuge von Recherchen an den Pragser Wildsee kam, begannen die beiden mit der Erforschung der Geschichte.

Der Südtiroler Wissenschaftler Walter Buaretto sagt: "Es ist ein großer Verdienst von Richardi, die Geschichte der Häftlinge vom Pragser Wildsee aufgearbeitet zu haben". Heute gibt es im Hotel Pragser Wildsee ein öffentliches Zeitgeschichtsarchiv, das sich mit diesem Teil der NS-Geschichte auseinandersetzt. Aktuell ist eine Sammlung über deren Hintergründe mit dem Titel "Rückkehr ins Leben" in der Versöhnungskirche Dachau ausgestellt. Im Rahmen der Ausstellungseröffnung und vor den Bildern dieser Geschichte erzählt Berthold Goerdeler, selbst zwei Jahre nach dem Krieg geboren: "Ich habe meine Familie als junger Mensch immer gefragt, wie sie das alles ausgehalten hätten." Die beste Antwort gab seine Mutter. Für sie orientierte sich die SS an einem "Kreuz aus Brutalität, Lüge, Krieg und Willkür". Sie selbst stärkte der Glauben an vier entgegengesetzte Begriffe: Barmherzigkeit, Wahrheit, Frieden und Gerechtigkeit. Dass die Entführung der Häftlinge ausgerechnet mit der Befreiung durch die deutsche Wehrmacht endete, erklärt Walter Boaretto mit der "speziellen Situation in Südtirol". Es war zu diesem Zeitpunkt italienisches Staatsgebiet, unterlag jedoch einer deutschen Militärverwaltung. Wichtig sei auch die Reaktion der Bevölkerung in Niederdorf gewesen - die "Hilfe und Solidarität ohne Angst". In diesem Sinn schließt Claudia Mühlbacher die Veranstaltung in der Versöhnungskirche mit einem Zitat von Karl-Friedrich Goerdeler: "Der bequeme Weg ist der falsche - und der Weg, der am unbequemsten erscheint, ist der richtige."

Die Ausstellung "Rückkehr ins Leben - Der Leidensweg prominenter Häftlinge" ist bis zum 24. Oktober im Gesprächsraum der Versöhnungskirche Dachau ausgestellt