Werke von Alfred Ullrich Das Grinsen der Mona Lisa

Alfred Ullrichs neue Ausstellung lädt ein zu einem "Spiel mit Kunst und deren Betrachtung bis hin zur Scharlatanerie". Zu sehen sind Werke von ästhetischer Brillanz und doppelbödigem Hintersinn

Von Gregor Schiegl, Dachau

An der Stirnseite der KVD-Galerie sieht man das Lächeln der Mona Lisa. Und es ist wirklich nur das Lächeln: Auf einem großformatigen Panel ist ein stark vergrößerter Ausschnitt mit der Augenpartie von La Gioconda zu sehen, darunter ein zweites Panel, die hellen, geheimnisvoll gekräuselten Lippen. Leonardo da Vinci als Pop-Art. Warum nicht? Das weltberühmte Renaissance-Portrait ist längst eine Ikone der Popkultur geworden und es liefert nebenbei ein schönes eingängiges Motiv für Alfred Ullrichs Ausstellung mit dem schalkhaften Titel "Für den Connaisseur".

In der Bildenden Kunst nannte man im 19. Jahrhundert jene Experten so, die ihre Fachkenntnis einem intensiven Studium der Kunst an Originalen verdankten, ihre Zuordnungen aber in der Regel ohne wissenschaftliche Begründungen vornahmen. Ihre Methode war intuitiv, die Autorität ihrer Aussagen beruhte allein auf jahrelanger Kennerschaft und Hingabe an die Materie - sei es bei Genussmitteln, bei Zigarren, bei Kaffee oder in der Musik. Wer sich auf diese Ausstellung mit allen Sinnen einlässt, kommt hier in einen exquisiten Kunstgenuss gewürzt mit einer Prise Wiener Schmäh.

In seiner neuen Ausstellung in der KVD-Galeriekann man die Schönheit plattgewalzter Dosen bewundern.

(Foto: Toni Heigl)

Alfred Ullrich integriert und kombiniert in seinen Werken kundig verschiedene Techniken, Formen und Traditionen, er bewegt sich zwischen den Kulturen. Ullrich wuchs in Wien auf, seine Mutter war Sinteza, die Nazis steckten sie ins Konzentrationslager; noch heute wird die Volksgruppe vielerorts drangsaliert, diskriminiert und ausgegrenzt. Natürlich haben diese Verletzungen Spuren hinterlassen und natürlich fließen sie in Ullrichs Werke ein, wie sollte es anders sein. Aber das sieht man oft erst, wenn man genau hinschaut. "Ich bin in erster Linie jemand, der sich mit bildender Kunst beschäftigt", sagt Ullrich. "Meine Kunst ist nicht aktivistisch."

In seinen abstrakten Druckgrafiken hat er eine ästhetische Form gefunden, um Verwerfungen, Brüche und Deformationen darzustellen, und das gelingt ihm mit einer bemerkenswerten Anmut, weil er sein Handwerk versteht wie kaum ein anderer. "Ich arbeite mit dem Material", sagt der Künstler. "Manchmal arbeite ich auch dagegen." Mit Kaltnadelradierung verdichtet er feinste Linien zu massigen Flächen, die an den Rändern zart ausfransen, plattgefahrene Bierdosen entfalten im Druck ein filigranes, fast floral anmutendes ineinander verwobenes Muster. Farbgetränkte Luftpolsterkissen werden auf der Leinwand zerdrückt und zur Explosion gebracht. Das Resultat ist ein abstraktes, aber rhythmisch strukturiertes knall-buntes Bild. Das ist künstlerische Synästhesie, effektvolle Aktionskunst und souverän-subversive Blödelei. Ullrich ist ein ernsthafter Künstler, aber er hat auch einen feinen Humor, das merkt man schnell.

Alfred Ullrich spielt gerne mit Farben und Formen.

(Foto: Toni Heigl)

An der Decke schwebt eine hellblaue Wolke aus Tuch und Hasendraht. "Light Denim" heißt das dafür verwendete Blau. Die Jeans in den Siebzigerjahren hatten dieselbe Farbe. Am Boden findet sich ein ähnliches Objekt, es sieht aus wie ein riesiger zerkauter Kaugummi in befremdlichem Zartrosa. Chewing-Gum-Connaisseure denken richtigerweise an die amerikanische Marke "Bazooka", die penetrant nach Wintergrün schmeckte, aber, wie bereits angedeutet, sehr rosa ist. "Diese Farbe hat mich fasziniert", sagt Ullrich. Den Kaugummi kann man heute nur noch im Internet kaufen. Für stolze 4,95 Euro die Packung.

Manche Objekte spinnt Ullrich nachträglich ein in wunderbaren Geschichten, in denen sich das Kunstobjekt verpuppt und in neue Bedeutungssphären entschwirrt. Ein Werbeschild für Motorenöl der Marke Shell erklärt er zum Symbol für das Pilgern auf dem Jakobsweg - und verweist auf einen Kratzer in der Oberfläche. "Das macht es besonders authentisch." In diesem Moment glaubt man, die Mona Lisa an der Wand lächele nicht, sondern grinse.

Der Untertitel der Ausstellung lautet übrigens "Ein Spiel mit Kunst und deren Betrachtung bis hin zur Scharlatanerie." Alfred Ullrichs Kunst ist doppelbödig, es gibt Falltüren und versteckte Referenzen, die man wie Geheimgänge erst nach einer Weile entdeckt und die zu erstaunlichen Orten führen. Der Besucher wird in der Ausstellung auch einen gefalteten Stapel mit aufgedruckten Fußnoten finden, auf denen er seine Gedanken und Eindrücke aufschreiben kann. Am Ende wird Alfred Ullrich sie signieren. Unter Umständen kommt dabei wieder neue Kunst heraus.

Das einzigartige Zartrosa amerikanischer Kaugummis der Marke "Bazooka".

(Foto: Toni Heigl)

Für den Connaisseur. Anschauungsbeispiele aus dem Bereich der Malerei, der Druckgrafik und dem Dreidimensionalen. Ausstellung von Alfred Ullrich in der KVD-Galerie. Vernissage am Donnerstag, 25. April, um 19.30 Uhr. Zu sehen bis 19 Mai. Der Künstler ist jeden Sonntag persönlich anwesend.