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Wenn ein Vollzeit-Job nicht reicht:Tagsüber Streife fahren und nachts Taxi

Der Mindestlohn soll sicherstellen, dass jeder von seinem Einkommen leben kann. Doch im teuren Landkreis Dachau gehen inzwischen 7600 Menschen nach Feierabend einem Zweitjob nach, darunter auch viele Polizeibeamte

Von Thomas Altvater, Dachau

Bei 8,84 Euro liegt derzeit der gesetzliche Mindestlohn pro Stunde. So viel kostet in etwa ein Kinobesuch - ohne Popcorn. Seit seiner Einführung vor knapp zwei Jahren ist der Mindestlohn zwar mittlerweile um 34 Cent gestiegen. Doch zum Leben reicht der Mindestlohn im teuren Landkreis Dachau, wo die Miet- und Lebenshaltungskosten besonders hoch sind, offenbar längst nicht aus. In den vergangenen Jahren ist es zu einem enormen Anstieg der Zweitjobber gekommen. Immer mehr Menschen kommen mit ihrem Vollzeitjob alleine nicht mehr über die Runden und nehmen deshalb eine Nebentätigkeit. Das bestätigen neue Zahlen der Agentur für Arbeit, der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) sowie eine Anfrage der SPD im Landtag. Auch Polizeibeamte übernehmen inzwischen Nebenjobs.

Derzeit üben im Landkreis Dachau knapp 7 600 Menschen neben ihrem Vollzeitberuf noch eine weitere Erwerbstätigkeit aus, 69 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Für Mustafa Öz, Geschäftsführer der NGG München, sind das alarmierende Zahlen. "Es kann nicht sein, dass immer mehr Menschen mit einem normalen Arbeitsverhältnis nicht über die Runden kommen." Christine Schöps von der Agentur für Arbeit sieht das ähnlich. Gute Löhne seien einfach extrem wichtig. Dennoch betont sie, dass die Arbeitslosigkeit in Dachau zuletzt stetig gesunken sei und immer mehr Menschen eine Stelle fänden.

Tatsächlich konnte seit 2007 ein Anstieg der sozialversicherungspflichtigen Berufe in Dachau um 41 Prozent verzeichnet werden, ungefähr 12 000 neue Jobs wurden vermittelt. Für Öz ist das jedoch nur auf den ersten Blick beruhigend. Die hohe Zahl der Zweitjobber zeige, dass "nicht alles Gold ist, was auf dem Arbeitsmarkt glänzt", wie der Gewerkschafter sagt. Doch sind die hohen Mietpreise in Dachau wirklich der Grund für den Anstieg der Zweitjobber? Christine Schöps betont, dass man nur aufgrund der Zahlen nichts über die Motivation der einzelnen sagen könne. "Die Gründe, wieso die Menschen einen Minijob haben, sind immer individuell. Manche müssen etwas dazu verdienen, andere schätzen die Flexibilität und arbeiten deshalb in zwei Berufen."

Die meisten Zweitjobber arbeiten im Gastgewerbe. Auch hier stieg die Zahl der Minijobber stark an, um 74 Prozent in den letzten zehn Jahren. Öz kritisiert das Gastgewerbe: Zu oft würden geltende Tarifbestimmungen nicht eingehalten und kein Mindestlohn gezahlt. Auch die Personalpolitik des Gewerbes greift er an: "In Hotels, Pensionen und Restaurants brauchen wir gelernte Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigte", sagt Öz. "Aushilfen können auf Dauer keine Fachkräfte ersetzen."

Michael Groß, Vorstand der Dachauer Kreisstelle des Hotel- und Gaststättenverbands, sieht den viel zitierten Fachkräftemangel ebenfalls als großes Problem an. Kellner und Köche würden im Gastgewerbe grundsätzlich fehlen, so Koch. Einen Grund dafür macht er in den verhältnismäßig geringen Löhnen sowie der Konkurrenz im Raum München aus: "Wir können einfach nicht mit den Industriefirmen mithalten." Zudem fehle es an Nachwuchs. Den Vorwurf, dass den Angestellten in den Hotels und Restaurants zu wenig gezahlt werde, kann Koch jedoch nicht nachvollziehen. "Wir sind mit unseren Löhnen weit über dem Mindestlohn und bezahlen grundsätzlich übertariflich", betont der Dachauer Hotelier.

Die geringen Löhne sowie die hohen Miet- und Lebenshaltungskosten in Dachau sind auch für Polizeibeamte ein großes Problem, wie der Dachauer Landtagsabgeordnete Martin Güll (SPD) erklärt. Laut einer SPD-Anfrage im Landtag üben rund zwölf Prozent der bayerischen Polizisten einen Nebenjob aus, allein 341 Beamte im Polizeipräsidium Oberbayern Nord, in das auch Dachau eingegliedert ist. Um einer solchen Entwicklung vorzubeugen, erhalten die Beamten bereits eine Ballungsraumzulage. Ungefähr 80 Euro pro Monat und 21 Euro für jedes Kind bekommen die Beamten zusätzlich. Doch das ist anscheinend zu wenig. Güll fordert nun, die Ballungsraumzulage für die Beamten zu erhöhen. "Die Zahlen verdeutlichen, dass die Gehälter bei der Polizei oftmals in keinem Bezug mehr zu den Lebenshaltungskosten stehen, vor allem in den Ballungsräumen und speziell bei uns im Landkreis Dachau", sagt der Landtagsabgeordnete.

Weiterbildung kann eine Chance für viele Betroffene sein, die zu wenig verdienen. Denn Fachkräfte seien, anders als Aushilfen, in Dachau weiterhin stark gesucht, teilt die Agentur für Arbeit mit. Es gebe eine gute Auswahl an Stellen. "Wer sich weiterbildet, vielleicht eine Ausbildung nachholt oder altes Wissen auffrischt, dem kann so ein zweiter Job erspart werden", sagt Schöps. "Es gibt auf jeden Fall vielfältige Möglichkeiten, die Situation zu ändern."

Allein die Eigeninitiative der Betroffenen zu unterstützen, geht Mustafa Öz nicht weit genug. Er fordert ein Umdenken in der Politik. Den Mindestlohn als Schritt gegen Niedriglöhne begrüßt der Gewerkschafter. Der gesetzliche Mindestlohn sei jedoch viel zu niedrig, "um davon allein als Vollzeit-Beschäftigter etwa eine bezahlbare Wohnung in der Stadt zu finden." Auch auf die unzureichende Altersvorsorge der Zweitjobber will er aufmerksam machen: "Ein Großteil der Menschen, die heute auf einen Zweitjob angewiesen sind, wird im Alter mit Armutsbezügen leben müssen."

© SZ vom 02.11.2017
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