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Welttag der sozialen Gerechtigkeit:Arbeiten für 33 Euro am Tag

Einmal in der Woche verkauft Pütz "Biss" in Dachau.

(Foto: Toni Heigl)

Bei jedem Wetter ist Hans Pütz unterwegs und verkauft die Zeitung "Biss". Er bessert sich damit seine Rente auf.

Die Hände von Hans Pütz zittern. Es ist kalt an diesem Donnerstagmorgen vor dem Tengelmann in der Münchner Straße. Gegen die Wintertemperaturen schützt er sich mit einer Daunenjacke, die dünne Jeans und die schwarzen Halbschuhe passen allerdings nicht zu den Minusgraden. Hans Pütz' Freundlichkeit kann das nichts anhaben. Er hat sich in 20 Jahren als Verkäufer der Straßenzeitung "Biss" an solches Wetter gewöhnt.

Biss steht für "Bürger in sozialen Schwierigkeiten". Und ein solcher ist Hans Pütz. Biss-Verkäufer kann nur werden, wer bedürftig im Sinne des Sozialgesetzbuches ist. Eigentlich sollte er schon in Rente sein. Schließlich fängt mit 66 Jahren doch das Leben an. Das weiß man seit dem Udo-Jürgens-Hit aus den Siebzigern. Pütz kann sich dieses Best-Ager-Leben nicht leisten. Jeden Morgen steht er um 7 Uhr auf, um in München und Umgebung "Biss" zu verkaufen. Er wird es so lange weitermachen, wie es seine körperliche Verfassung zulässt.

In Dachau ist Pütz regelmäßig einen Tag in der Woche, entweder am Mittwoch oder Donnerstag. Dann steht er von 9 Uhr an vor dem Tengelmann in der Münchner Straße und spricht die Passanten an: "Hallo, gnädige Frau, die neue Biss gefällig?", fragt er gut gelaunt, oder "Guten Tag, der Herr, wie wäre es mit einer tollen Lektüre?" und hält dabei die aktuelle Ausgabe in der Hand. Die meisten eilen vorüber, einige wenige bleiben stehen. "Ich bleibe immer so lange an einem Standort, bis ich meine 30 Exemplare verkauft habe", erzählt Pütz. Von den 2,20 Euro Verkaufspreis darf er 1,10 Euro behalten. Für sechs Stunden "Knochenjob", so Pütz, sind das 33 Euro, mit Sozialleistungen und MVV-Monatskarte, die der Verlag den Festangestellten bezahlt, macht das in etwa den Mindestlohn.

Gerechtigkeit

Der 20. Februar ist der Tag der sozialen Gerechtigkeit. Eingeführt haben ihn 2009 die Vereinten Nationen. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2011 befindet sich Deutschland im Bereich der sozialen Gerechtigkeit im Vergleich der OECD-Länder nur im Mittelfeld. Besonders kritisiert wurden von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) die starke soziale Benachteiligung im Bildungssystem, die hohe Kinderarmut und eine unzureichende Förderung von Langzeitarbeitslosen. Der deutsche Sozialstaatsgedanke leitet sich aus Artikel 20, Absatz 1 Grundgesetz ab. Vor allem soll eine Mindestsicherheit zur Führung eines selbstbestimmten Lebens in Würde und Selbstachtung gewährleistet sein. sz

Als Pütz anfing, Biss zu verkaufen, lag die Gründung der Zeitschrift erst zwei Jahre zurück. "Es gab weniger Verkäufer, da konnte man am Tag schon mal 100 Zeitungen loswerden", sagt Pütz. Mit der Nachfrage stieg auch die Auflage der Zeitung. Lag die Auflage 1993 noch bei 10 000 Exemplaren, werden heute monatlich etwa 39 000 Stück verkauft. Wegen seiner guten Umsätze wurde Pütz 1998 fest angestellt, damit ist er einer von nur 42 Festangestellten. Insgesamt gibt es etwa 100 Biss-Verkäufer. Für den damals 50-Jährigen, der nirgendwo sonst mehr einen festen Job bekam, war es ein Glücksfall. Pütz ist gelernter Schneider, doch schon bald nach der Lehre gab der gebürtige Düsseldorfer den Beruf auf, weil man damit "nicht genug verdienen konnte", wie er heute sagt. Auch als Zapfer in der Gastronomie bekam er irgendwann kein Bein mehr auf den Boden, weil er mit chronischer Schuppenflechte an den Armen und Händen nicht mehr den notwendigen Gesundheitspass erhielt.

Dazwischen hatte sich Pütz mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten. Doch eine feste Arbeit, ein solides Einkommen, um sich eine eigene Wohnung zu leisten, das war es, was er suchte. Und fand: Seit zehn Jahren lebt er in einem 39 Quadratmeter großen Ein-Zimmer-Appartement in Schwabing. Die meisten Biss-Verkäufer - 87 Prozent - haben eine eigene Wohnung, zehn Prozent leben in einem Wohnheim. Auch wenn Biss oft als Obdachlosen-Zeitung gilt: Nur drei Prozent der Verkäufer leben auf der Straße.

700 Euro Miete zahlt Pütz, das ist eine Menge Geld für einen Mann, der seine bescheidene Rente aufbessern muss. "Ohne das Trinkgeld ginge es nicht", gibt er zu. In ein Wohnheim will er nicht mehr. Lieber hält er sich mit Ausgaben zurück. Zigaretten? Nein, danke. Einmal in der Woche gönnt er sich ein Bier in seiner Lieblingskneipe. Es sei ihm wichtig, keine Sozialleistungen beziehen zu müssen. "Es gibt genug, die den Staat ausnutzen", meint er, "aber für mich ist das nichts." Waltraut, eine Freundin, hilft ihm im Haushalt. "Natürlich bekommt sie Geld dafür", sagt Pütz, "jede Arbeit muss ordentlich bezahlt werden."

Das ist für ihn soziale Gerechtigkeit: "Dass jeder, der kann, arbeitet und dafür anständig bezahlt wird." Die Bettler-Banden in München seien ihm ein Dorn im Auge, auch wenn er weiß, dass diese Menschen wirklich sehr arm seien, aber: "Wer gesund ist, findet immer eine bezahlte Arbeit." Dass die Dachauer Polizei die gewerbsmäßige Bettelei rigoros unterbinde, freut ihn. Da könne sich die Münchner Kollegen mal eine Scheibe abschneiden, auch "wenn es in einer Großstadt natürlich schwieriger für die Polizei ist", meint Pütz.

Wie lange der 66-Jährige tatsächlich noch arbeiten kann, ist ungewiss. Die Schuppenflechte hat er zwar dank etlicher Klinikaufenthalte überwunden. Aber seit einigen Jahren plagen ihn Diabetes und der graue Star. Nach einer Operation ist er auf dem rechten Auge fast blind, auch das linke Auge ist angegriffen. Die Münzen erfühlt er, sehen kann er sie nicht mehr richtig. Wenn die Sehkraft noch mehr nachlasse, werde er aufhören müssen. "Aber darüber mache ich mir keine Sorgen. Bayern war immer gut zu mir, es wird schon irgendwie weitergehen." Jetzt freue er sich erst einmal auf den Frühling und die Biergarten-Saison. Für ihn bedeutet das: Weniger frieren, besser gelaunte Kunden und mehr Trinkgeld.