Monti ziert sich noch ein bisschen. Der neun Wochen alte Schweizer Schäferhund soll an diesem schwülen Abend am Ufer des Karlsfelder Sees an das Wasser gewöhnt werden. Seine Besitzer, Belinda Baum und Markus Donth von der Wasserwacht, stehen knöcheltief im Weiher und versuchen, den Welpen mit Leckerlis zu locken. Das gelingt mehr schlecht als recht. Monti macht vor allem einen sehr langen Hals, um nach den dargebotenen Snacks zu schnappen. Nach ein paar vorsichtigen Schritten im 26 Grad warmen Wasser kehrt der Vierbeiner um, schüttelt sich kräftig und nimmt in sicherem Abstand zum See auf der Wiese Platz. Von dort aus gibt es schließlich auch viel zu sehen: Die beiden großen Wasserrettungshunde zum Beispiel, die gleich mit dem Training anfangen werden. Bis es für Monti soweit ist, wird es noch eine Weile dauern. Er muss wachsen und mutiger werden.

Während der Kleine noch etwas wasserscheu ist, können Fuchur, ein Golden Retriever, und sein Kollege, der schwarze Labrador Balu, kaum noch an sich halten, um in den See zu springen. Die beiden sind geprüfte Wasserrettungshunde der Ortsgruppe Karlsfeld im Wasserwachtverbund Dachau. Ihre Hundeführerinnen Barbara Seitz, 32, und Karin Saft, 44, legen ihnen gelbe Westen an, die nur Kopf und Schwanz sowie die Beine der Tiere freilassen. Fuchur und Balu, beide acht Jahre alt, sind bereit für den Einsatz. Seitz und Saft schwimmen auf den See hinaus, ihre Gefährten stehen gespannt am Ufer und warten auf die Kommandos. Und dann geht es los. Beherzt hüpfen die beiden Hunde ins Wasser und holen ihre Chefinnen ein. Das Training der tierischen Helfer bei Badeunfällen kann beginnen.
Geübt werden an dem Abend drei Szenarien: die Rettung eines im Wasser in Not geratenen Menschen, die Sicherung von zwei Personen, die unterzugehen drohen, und schließlich der Einsatz mit einem SUP-Board samt Hund. Kathi Maiwald, 21, und Erik Jungmann, 19, übernehmen dabei die Rollen der Opfer.

Karin Saft und Balu nähern sich zügig und im Gleichklang dem Ort des Geschehens mitten im See. Die Rettungsschwimmerin dreht die 21-Jährige auf den Rücken, umfasst sie mit dem rechten Arm, legt die Hand unter ihr Kinn und hält sich mit links am Griff des Hundegeschirrs fest. Und schon setzt sich Balu, der brav die übliche Armlänge Abstand zum Opfer gehalten hat, in Bewegung. Der Labrador zieht die beiden Frauen mit beachtlichem Tempo Richtung Ufer und stellt seine Schwimmbewegungen erst ein, wenn alle wieder sicheren Grund unter den Füßen haben.

Die Zwei-Personen-Rettung läuft ähnlich ab, nur dass der Labrador dann gleich drei Menschen ins Seichte geleiten muss. Wenn ein Duo in Not gerät, dann sei es für die Rettungsschwimmer wichtig, innerhalb kürzester Zeit zu entscheiden, „wer der Fittere ist“, sagt Barbara Seitz, die das Training vom Boot aus beobachtet. Dieser könne sich dann an einem Griff am Geschirr festhalten und ziehen lassen, während der oder die andere von der Einsatzkraft per Schleppgriff bewegt wird. Balu meistert das Training unaufgeregt und bravourös. Angekommen an Land, bekommt der Rüde, der seit Herbst 2025 geprüfter Wasserrettungshund ist, eine Belohnung: Leckerli und die Erlaubnis für eine kurze Spielrunde. Karin Saft wirft einen sich aufstellenden Leuchtturm ins Wasser, und Balu schwimmt ein weiteres Mal los, diesmal aber nur zum Vergnügen.


Der „Goldie“ von Barbara Seitz hat schon vor drei Jahren die Prüfung zum Wasserrettungshund abgelegt und übernimmt zusammen mit ihr die SUP-Rettung. Fuchur sitzt vorn auf dem Board, Seitz liegt dahinter und paddelt zu Kathi, die reglos im Wasser schwebt. Dann geht es ganz schnell. Der Hund gleitet vom SUP, Seitz ergreift die Hand ihrer Kollegin, zieht sie ein Stück hinauf und dreht mit einem Schwung das Brett. Schon liegt Kathi oben, die Retterin schwimmt vorneweg, und das Tier bekommt ein Seil in die Schnauze, um das Hilfsmittel samt der geretteten Person hinauszuziehen.
Die Ausbildung von Wasserrettungshunden hat in Bayern vor einigen Jahren nach italienischem Vorbild begonnen. Die Hunde durchlaufen ein etwa zweijähriges Training, bei dem sie lernen, ihre Hundeführer bei einer Wasserrettung zu unterstützen. Damit den Tieren im Einsatz nichts passiert, tragen sie spezielle Rettungshundeschwimmwesten, die zwei bis drei Kilogramm wiegen und mit mehreren Haltegriffen und Taschen versehen sind. So können sie auch zwei oder drei Menschen ziehen, ohne unterzugehen. Hunde hätten „andere Grenzen als wir Menschen“, sagt Barbara Seitz. Die Tiere der Karlsfelder Wacht könnten zwischen einer und zwei Stunden im Wasser bleiben.
Kann jeder Hund der vierbeinige Kollege von Rettungsschwimmern werden? Im Prinzip ja, sagt Barbara Seitz. Der besondere Job ist nicht an eine bestimme Rasse geknüpft, gewisse Voraussetzungen allerdings muss das Tier mitbringen: Der Hund sollte mindestens 30 Kilogramm auf die Waage bringen, ein freundliches Wesen haben, nicht aggressiv, aber dafür „spielmotiviert“ sein, fasst die 32-Jährige zusammen. Ob das Tier geeignet ist, werde über einen Charaktereignungstest festgestellt, auch alle gängigen Impfungen seien nötig. Der zugehörige Mensch muss einen Erste-Hilfe-Kurs sowie die Ausbildung bis zum Wasserretter absolvieren. Erst wenn Hund und Herrchen oder Frauchen all das erfüllen, kann das Duo bei der Wasserwacht seinen Dienst verrichten.
Das Tandem aus Mensch und Hund der Karlsfelder Wasserwacht hat in den vergangenen zwei Jahren den rund um das Gewässer stattfindenden Triathlon abgesichert, wie Seitz erzählt. Und jeweils eine Person aus dem Weiher gezogen. Wenn jemand in Not gerät, dann gibt es nach den Worten der Rettungsschwimmerin für das Tier einen sogenannten Kaltstart. Mit dem laut gerufenen Kommando „Go, go“ geht es für den Vierbeiner ins Wasser, zusammen mit seiner Halterin. Nach der Prüfungsordnung darf das Ausrücken von beiden nicht länger als zehn Sekunden dauern. Während der Ausbildung haben die Vierbeiner der Wasserwacht auch gelernt, in besonderen Stresssituationen, etwa im Falle einer Wiederbelebung eines Opfers, ganz friedlich in der Nähe ihres Halters oder ihrer Halterin zu liegen, um keinesfalls im Weg zu stehen. Daher ist absoluter Gehorsam in jeder Situation so wichtig, wie Seitz betont.


Ruhig endet das Training der Wasserwacht am Karlsfelder See an diesem Abend nicht: Balu und Fuchur haben noch große Lust, ihre ganze Kraft und ihr Können zu zeigen. Zuerst zieht einer der zwei Hunde das Boot, in dem die Besucher von der Süddeutschen Zeitung das Geschehen aus der Nähe beobachten konnten, zurück an den Steg. Und dann „rettet“ der Labrador auch noch die Reporterin, die zum Selbstversuch hinausschwimmt und auf Geheiß der erfahrenen Wasserwachtfrauen mit den Armen rudert, als sei sie in Not geraten. Der Rüde eilt in Begleitung von Karin Saft herbei. Nach dem Griff zur Schlaufe an der Schwimmweste des Hundes und dem Kommando „To Beach“ seiner Chefin wird die soeben Gerettete von Balu schnell und sicher zum Ufer gebracht, ohne dass diese dafür nur einen einzigen Beinschlag machen muss. Ein großartiges Gefühl.

