Süddeutsche Zeitung

Vorträge:Bäuerliche Kleinstadt und Metropole

Norbert Göttler und Karin Schuff über die Dachauer Künstlerkolonie, Adolf Hölzel und seine Malschülerinnen aus Schweden

Unter dem Apfelbaum steht ein gedeckter Tisch, ein paar Wein- und Wassergläser auf weißer Tischdecke, die schwirrende Luft kündigt einen heißen Sonntag an. Der Garten der Kleinen Moosschwaige, dessen Anblick sich an diesem Vormittag selbst wie ein malerisches Stillleben beschreiben lässt, ist heute allerdings einzig Part der Kulisse. Erzählt wird eine Reise in die Anfänge der Dachauer Künstlerkolonie von Norbert Göttler, dem Bezirksheimatpfleger von Oberbayern, und Karin Schuff, Historikerin und Künstlerin. Die Freilichtmaler, die sowohl Ursprung als auch das Zentrum der Dachauer Künstlerkolonie bildeten, hätten sich wohl noch heute in dem idyllischen Bildnis dieses Vormittages verlieren können. Gerade das Verlieren in der Natur, der Blick auf die Details ihrer Umgebung, begleitete ihren Weg hin zu Abstraktion und letztlich dem Impressionismus, beschreibt Norbert Göttler später in seinem Vortrag. Als Beispiel führt er Adolf Hölzel auf, dessen Name an diesem Vormittag noch öfter fallen wird und ohne dessen Geschichte die der Dachauer Künstlerkolonie auch nicht zu erzählen wäre.

Für eine Matinée, begleitet von zwei kunsthistorischen Vorträgen, lud die KVD in ein Atelier der Kleinen Moosschwaige ein - ein weiterer Programmpunkt der aktuellen Sommerausstellung zum hundertjährigen Bestehen der Dachauer Künstlervereinigung. Unter dem Titel "Raus" holt die KVD in diesen Wochen Künstler aus Stadt und ferner in die Öffentlichkeit, lässt sie an Straßen und Gebäuden ausstellen. Es ist selbstverständlich, dass auch die Kleine Moosschwaige ein Teil dessen sein muss, ist sie doch seit jeher eines der Kulturzentren der Dachauer Künstlerwelt - zu Anfang noch im Schatten der Großen Moosschwaige, heute ist vielmehr sie der Austauschort zwischen Künstlern und Öffentlichkeit.

Einst trug das Haus den Namen "Haug'sche Schwaige", denn im frühen 20. Jahrhundert war sie der Sommersitz des Impressionisten Robert Haug. Er war es, der das ehemalige Bauernhaus umbaute, in ein Künstlerhaus mit mehreren Ateliers. Später wohnten hier unter anderem Paula Wimmer, Richard Graef oder Karl Huber. Dachau lockte zu dieser Zeit Künstler aus ganz Europa an. Karin Schuff projiziert während ihres Vortrages einen damaligen Zeitungsartikel an die Wand ihres Ateliers, der über die Künstlerin Agnes Wieslander berichtet und dabei ganz selbstverständlich von Dachau erzählt - der bäuerliche Ort abseits der Großstadt bedurfte anscheinend keiner weiteren Erklärung; er schien die damalige Kunstwelt zu begeistern. Axel Törnemann, ein schwedischer Künstler, der zum Studium nach Dachau reiste, schrieb später in einem biografischen Rückblick von seinen "jungen Künstlerjahren in Dachau und Paris", stellte die französische Metropole neben die ländliche Kleinstadt. Diese Verbindung war zu dieser Zeit gar nicht ungewöhnlich - auch einige weitere Künstler zog es sowohl nach Dachau als auch Paris.

Nun müsse man auch der Neigung widerstehen, sich allzu sehr im Lokalkolorit zu verlieren, wirft Norbert Göttler während seines Vortrages ein - doch Dachau, die Wasserspiegelung in seinem Moos, die künstlerische Schwaige zog bedeutende Persönlichkeiten der damaligen Zeit an, beispielsweise Dichter Rainer Maria Rilke. Um 1904 zog es auch eine Baronesse nach Dachau, Marie von Berlichingen. Man stelle sich das damals vor, holt Norbert Göttler aus: Dachau, damals noch sehr bäuerlich, vielleicht rund 3000 Einwohner. "Und dann kommen diese ganzen seltsamen Personen hierher" - Künstler, Schriftsteller, Hochgeborene. Zunächst mieteten diese Wohnungen an, meist in der Dachauer Altstadt. Später jedoch, als einige der Künstler zu mehr Geld kamen und sich mit der Kunst auch Umsatz erwirtschaften ließ, begann eine Kultur der Künstlervillen, die systematisch Villenareale in der Stadt plante.

Was denn nun wirklich eine Künstlerkolonie sei, wäre ein Streitthema unter Historikern, schiebt Norbert Göttler ein, als er die damaligen Verhältnisse in Dachau beschreibt. Locker ließe sich sagen, eine Künstlerkolonie sei ein Ort, an dem sich mehrere Künstler ansiedelten. Strenger definiert ist eine Künstlerkolonie jedoch ein Ort, an dem Künstler sich nicht nur versammeln, sondern auch gemeinsam bauen, einen gemeinsamen Stil entwickeln. Hiervon gebe es in Deutschland nur drei Standorte, von denen sich dies mit Sicherheit behaupten ließe. Dachau ist einer unter ihnen.

Dass Dachau damals viel mehr war als ein idyllischer Ort im Grünen, an den es die Freilichtmaler zog, um Ruhe vor der Großstadt und deren kritischem Verständnis des aufkommenden Impressionismus zu haben, hat auch wieder viel mit Adolf Hölzel zu tun. Der Künstler gründete in Dachau eine private Malschule - die im Gegensatz zu staatlichen Akademien zu dieser Zeit auch weibliche Kunstschüler aufnahm. Für 50 Mark im Monat erhielten die jungen Künstlerinnen und Künstler Vorlesungen zu Gestaltung, Farben, Komposition. Da Hölzel dafür bekannt war, Frauen als gleichwertige Künstlerinnen zu fördern und gemeinsam mit den männlichen Schülern auszubilden, zog es viele junge Künstlerinnen in die Adolf-Hölzel-Schule. So auch "Die Drei Musketiere", drei Künstlerinnen aus Schweden, die in Göteborg gemeinsam die Kunstakademie besuchten. Adelheid von Schmieterlöw, Hanna Borrie und Tora Vega Homström zogen im frühen 20. Jahrhundert zum Studium bei Adolf Hölzel nach Dachau. Sie wohnten dabei im Haus der Familie Wittmann, wie auch einige weitere junge schwedische Künstler, einer der bekanntesten unter ihnen ist Axel Törnemann. Frau Wittmann, die den drei hochgeborenen Künstlerinnen jeden Tag den Kaffee ans Bett servierte, brachte dieser Umstand den liebevollen Beinamen "Schwedenmutter" ein.

Karin Schuff, die den zweiten Vortrag an diesem Vormittag hält, geht ganz gezielt auf die vielen schwedischen Künstler ein, die sich für eine Zeit oder gar ihr restliches Leben in Dachau ansiedelten. Da gab es zum Beispiel noch Harriet Sundström, die gemeinsam mit der Baronesse von Berlichingen in die Große Moosschwaige zog. Oder Carl Olof Peterson, der auch zeitweise Schüler bei Hölzel war. Oder Axel Törnemann, dem später der Durchbruch in Paris gelang. Tora Vega Holmström, eine der schwedischen "Drei Musketiere", warb später, als sie bereits wieder zurück in Schweden war, für Hölzel und seine Malschule. Zu ihm hielt sie ihr ganzes Leben lang engen Kontakt.

Als die Blütezeit der Freilichtmalerei und des Impressionismus sich ihrem Ende zuneigte, verlor auch die Künstlerkolonie Dachau an Glanz. Die Gebäude der Moosschwaige wurden vernachlässigt und waren heruntergekommen. Rund hundert Jahre später sitzt man hier wieder zusammen, in dem Atelier mit Blick ins Grüne.. Die besondere Wertschätzung der Kunst hat sich die Stadt auch durch Orte wie der Kleinen Moosschwaige bis heute bewahrt, ein bisschen bäuerliche Idylle unter dem Apfelbaum ebenso.

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Quelle:
SZ vom 26.08.2019
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