Süddeutsche Zeitung

Vorlesewettbewerb:"Leseförderung ist eines unserer Hauptziele"

Lesezeit: 3 min

Beim Kreisentscheid für den bundesweiten Vorlesewettbewerb treten 14 schulbeste Sechstklässler aus dem Landkreis gegeneinander an. Am Ende gewinnt der zwölfjährige Leo Futh.

Von Martin Wollenhaupt, Dachau

"Einmal tief durchatmen", beruhigt Sabine Drexlmaier die jungen Lesebegeisterten, "hier beißt niemand". Drexlmaier ist seit über 20 Jahren eine der "guten Seelen" der Dachauer Stadtbibliothek. Dieses Jahr kümmert sie sich wieder um die Organisation des Kreisentscheids für den bundesweiten Vorlesewettbewerb der Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, moderiert und spricht den Kindern Mut zu. Grund zur Nervosität haben die 14 schulbesten Sechstklässler allemal, schließlich sitzt ihnen nicht nur ein ganzer Saal voll Zuhörer gegenüber, sondern auch eine sechsköpfige Jury, zu der fachkundige Bibliothekarinnen und Buchhändlerinnen zählen.

"Leseförderung ist eines unserer Hauptziele", sagt Drexlmaier, "und eine der Grundlagen der Gesellschaft". Mit einer diesjährigen Teilnehmerzahl von mehr als 6600 Schülerinnen und Schülern ist der Vorlesewettbewerb einer der größten Schülerwettbewerbe des Landes. Schon seit 1959 wird zum Anlass des Wettbewerbs der Spieß einmal umgedreht: Kinder lesen hier Erwachsenen vor.

Gelesen werden neben Klassikern auch altersuntypische Geschichten

Die jungen Vorleser haben Mut getankt, es kann losgehen. Geschickt dirigieren die Sechstklässler ihre hohen Kinderstimmen auf und ab. Altbewährte Klassiker werden zum besten gegeben, darunter "Die unendliche Geschichte" von Michael Ende und "Der Herr der Ringe" von J.R.R. Tolkien. Aber auch für Zwölfjährige eher untypische Bücher überraschen das Publikum. Darunter "10 Blind Dates für die Große Liebe" von Ashley Elston.

Den Kindern beim Lesen zuzuhören, stimmt freudig. Mal lacht und gluckst ein Mädchen über die Pointen ihres Schweinchen-Buches, mal warnt ein Junge die Zuhörer, dass sein Protagonist einer ist, "der, sagen wir mal, Deals eher unter dem Tisch abwickelt". Manche vertiefen sich buchstäblich in die Seiten, dass das Näschen fast die Wörter aus dem Buch stupst. Wiederum andere kommen in einen begeistert-glühenden Lesefluss, als kommentierten sie einen vor ihren Augen ablaufenden Zeichentrickfilm. Pause. Erfrischungen sind bereitgestellt, aber Drexlmaier mahnt zur Vorsicht: besser stilles Wasser trinken, wegen der Kohlensäure. Versteht sich aber natürlich ohnehin von selbst.

Die Jury ist jetzt schon überrascht von so viel Talent: Susanne Krüger, Lesebeauftragte für Grundschulen der Region Dachau, findet bemerkenswert, wie selbstbewusst die Kinder auftreten. Sophie Kyriakidou, Integrationsreferentin der Stadt Dachau, hält das Projekt für gelungen, auch, weil es für die Kinder "Ansporn und Motivation ist, sich zu verbessern".

Es geht in die zweite und letzte Runde. Jetzt wartet eine besondere Herausforderung: Die Kinder werden mit dem Unbekannten konfrontiert, ihre Stelle lesen sie zum ersten Mal. Drexlmaier hat sie ausgewählt und darauf geachtet, dass viele Dialoge darin sind, "damit man schön betonen kann". Ihre Entscheidung fällt auf ein Kapitel aus "SOS - Mission Blütenstaub" von Esther Kuhn.

Jetzt stolpern die Nachwuchsleser schon über die eine oder andere "Politesse", den "Poncho" oder das "All-Inclusive-Hotel". Aber alles nicht schlimm, der Einsatz zählt. Tauchen Schimpfwörter auf, verlesen die tugendhaften Kinder sie nur mit einem Fragezeichen. Schließlich hören ja die Eltern zu. Drexlmaier erklärt entschuldigend: "Das Wort verdammt ist vielleicht nicht ganz schön, aber es gehört zu dem Text."

Als das Buch Fahrt aufnimmt, wütet Leo Futh aus Schwabhausen ungehemmt in den Raum hinein. Der Garten von Opa soll schließlich weggegeben werden, dabei ist er das letzte, was von ihm noch übriggeblieben ist! Der Junge fliegt und fegt über die Dialoge, als sei ihm die Textkomposition längst geläufig. Aber kann er auch die Jury überzeugen?

Draußen ist es dunkel geworden. Die Jury hat sich zurückgezogen. Eine Weile dauert es, die Kinder und Eltern treten nervös von einem Bein aufs andere. Dann ist es soweit. Drexlmaier geht vor, zum Lesepult. "Ihr habt alle super gelesen. Die Wahl ist heuer sehr, sehr schwer", sagt sie und überreicht erst einmal allen eine Urkunde und ein Buch der Stiftung Lesen. "Aber es musste eine Wahl getroffen werden."

"Alle haben super gelesen und hätten es verdient gehabt."

Gebannt rutschen die jungen Vorlesetalente auf dem Stuhl herum. Der dritte Platz geht an: Leni-Sophie Eichler aus Einsbach. Der zweite Platz: Simon Limmer aus Dachau. "Und in der nächsten Runde des Vorlesewettbewerbs ist", sagt Drexlmaier und macht eine theatralische Pause, "Leo Futh aus Schwabhausen". Leo bekommt Applaus, Gratulationen und einen Buchgutschein der Bibliothek.

Und was sagt der zwölfjährige Gewinner zu seinem Debüterfolg? Der ist gleichermaßen enthusiastisch wie diplomatisch: "Es war mega! Alle haben super gelesen und hätten es verdient gehabt." Aber er freue sich trotzdem sehr, dann doch das Rennen gemacht zu haben. In Sachen Nervosität scheint die Mutter aufgeregter gewesen zu sein, als er selbst: "Naja, beim Schulentscheid hab ich schon vor mehr Leuten gelesen."

Auf Leo wartet jetzt erst einmal der Bezirkswettbewerb. Ist er dort erfolgreich, folgen der Länderentscheid und bei abermaligem Erfolg das Bundesfinale am 21. Juni 2023 in Berlin. Und wer weiß, vielleicht wird dem jungen Rhetoriktalent dann der Schirmherr des Wettbewerbs, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, zu einem erneuten Sieg gratulieren.

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