An der Bierbank hinterm Festzelt gibt es ein großes Hallo, als Gregor Specht seine Tochter an das Kopfende des Tisches schiebt. Hanna ist 20 und sitzt im Rollstuhl. Sie kann sich weder selbst bewegen noch sprechen, aber stumm ist sie nicht. Als ihre Mutter Eva ihr eine Gabel Käsespätzle in den Mund schiebt, strahlt sie über das ganze Gesicht. Hanna ist gerne unter Menschen, auch auf dem Dachauer Volksfest. Auf das Riesenrad freut sie sich besonders.
Es ist nicht ihr erster Besuch auf dem Dachauer Volksfest, aber länger als eine halbe Stunde hätten sie früher nie bleiben können, erzählt Eva Specht. „Dann ist für Hanna information overload.“ Alles zu laut, zu grell, zu viel. „Dann müssen wir gehen, dann ist Sense.“ Das ist an diesem Dienstagnachmittag anders. Die Fahrgeschäfte haben einen Gang heruntergeschaltet, fahren langsamer, die Lautsprecher, aus denen sonst der Platz beschallt wird, schweigen, die Blaskapelle im Festzelt spielt nur noch sporadisch und ohne Verstärker. „Sierra Madre“ unplugged. „Reizarmes Volksfest“, so nennt sich dieser Versuch, ein absolutes Novum in der rund 140-jährigen Geschichte dieses Spektakels auf der Thoma-Wiese.
Im Netz wird gestänkert: Was soll der Schmarrn?
Es gibt Besucher, denen es gar nicht wild, laut und bunt genug sein kann, viele sogar. Und es gibt die, die von den Sinneseindrücken regelrecht überrollt werden. Das sind nicht wenige: Migräne-Patienten, Epileptiker, Autisten oder auch einfach nur hochsensible Menschen. Nach wissenschaftlichen Studien könnten das immerhin 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung sein. Für sie ist der Rummel keine Gaudi, sondern Stress pur.
Wie sich das anfühlt, lässt sich an einem gewöhnlichen Volksfestabend feststellen, wenn man alle Antennen auf Empfang stellt: überall Menschen in Tracht, Parfümwolken, Zuckerwattegeruch, Satzfetzen, die durch den Lärm der Musik geschrien werden, meist wird man von drei Fahrgeschäften gleichzeitig beschallt, man taumelt durch ein Inferno bunter Lämpchen, alles flimmert, blinkt und dreht sich. Während die kreischenden Teenager vom „Predator“ kopfüber in der Luft herumgeschleudert werden, stellt sich schon ein leichtes Gefühl von Seekrankheit ein. Wer all das nicht ausblenden kann, ist hier nicht mittendrin, er ist ausgeliefert.
Dass man es in Dachau überhaupt mit einer leiseren Version versucht, war der Wunsch einer Frau, die an schwerer Migräne leidet. Sie wandte sich an Bernard Zeidler, den Vorsitzenden der Chaoscityriders, eines gemeinnützigen Vereins. Zeidler schrieb an den Oberbürgermeister, ob man das nicht mal ausprobieren wolle mit dem „reizarmen Volksfest“. So kam die Sache ins Rollen. Doch wie bei allem, das sich bewegt, gibt es auch immer Widerstand. Im Netz folgte die übliche Häme: Was soll der Schmarrn? Wie sind diese Leute denn früher aufs Volksfest gegangen? Zeidlers Antwort ist so kurz wie schlüssig: „Gar nicht.“
Das Fluchtfahrzeug denkt Moritz immer mit
Zu denen, die sonst fernbleiben, gehört Moritz Nickl, 17 Jahre alt, Baseball-Cap auf dem Kopf, schüchternes Grinsen im Gesicht. Er wurde mit einem Gen-Defekt geboren, und obwohl er Autist mit geistiger Behinderung ist, hat er den Weg durch die Regelschule geschafft bis zum Ausbildungsplatz im Einzelhandel. Auf dem Volksfest aber ist der Weg von einer Attraktion zur nächsten für ihn normalerweise kaum zu schaffen. Fragt man ihn, was er hier am liebsten mag, sagt er: „Das Fahrrad.“ Das Fluchtfahrzeug denkt Moritz immer mit.
Als Kind, erzählt seine Mutter Marianne Nickl, habe er sich auf der „Oidn Wiesn“ in München unter dem Tisch verkrochen. Rückzug, total. „Er nimmt alles in einem wahr“, sagt sie. Reize zu sortieren, Störendes auszublenden, das kann er nicht. „Ab einer bestimmten Lautstärke ist das für ihn wie eine Wand. Er bleibt dann stehen wie ein Pferd, das scheut.“ Und jetzt lehnt er lässig am Geländer vor dem Riesenrad. Bei normaler Lärmkulisse hätte er es nie bis hierher geschafft.



Hanna ist auch schon da. Die Schausteller legen Rampen über die Stufen und helfen, ihren schweren Rollstuhl hinaufzuschieben. Es gibt zwei verglaste Gondeln, in die man problemlos hineinrollen kann. Ein kleines Detail, das Hannas Papa Gregor super findet, denn es entscheidet darüber, ob jemand nur am Rand steht oder wirklich dabei ist, mittendrin und – wie Hanna jetzt – ganz oben mit Blick über die Dächer der Stadt.
Man merkt aber auch, dass den Schaustellern noch ein bisschen die Erfahrung mit dem neuen Format fehlt. Anfangs lief an den Fahrgeschäften noch Musik, nur etwas leiser. Erst als Besucher darum baten, sie ganz abzustellen, war Ruhe. „Offenbar gibt es unterschiedliche Vorstellungen von reizarmem Volksfest“, bilanziert Bernard Zeidler später. Für Schausteller-Sprecher Paul Tille gehört der laute Rummel dazu, aber auch er unterstützt die Idee, zwischendrin mal eine leisere Gangart einzulegen. Es sei ein „Versuch, neue Besuchergruppen anzusprechen“.
Ein anderes Volksfest – mit anderen Besuchern
Viele Bewohner des Franziskuswerks Schönbrunn sind an diesem Tag zu Gast, genauso wie Mitglieder und Schützlinge des Vereins „Kunterbunte Inklusion“, deren Vorsitzende Eva Specht und Marianne Nickl sind. Und so sieht man viele, die man auf dem Volksfest sonst nie sieht: die Frau mit Down-Syndrom im Autoscooter, die ältere Dame im Rollstuhl im Ziegler-Zelt. Eine Mutter mit zwei kleinen Jungen sagt, dass es für ihre Kinder hier sonst oft „ein bisschen viel“ sei. So aber sei es angenehm, auch für sie selbst. „Das gehört etabliert“, findet sie.
Natürlich wird an diesem Nachmittag nicht das Wesen des Volksfests abgeschafft. Es ist immer noch einiges los und keineswegs still. Im „Predator“ kreischen die Teenies noch immer, das Kinderkarussell blinkt weiter munter vor sich hin – wohl auch, weil es technisch nicht anders geht –, doch die Atmosphäre ist eine andere: ruhiger, gelassener, insgesamt bekömmlicher.
Blasmusik muss man schon mögen
Auch Oberbürgermeister Florian Hartmann schlendert an diesem Nachmittag über die Festwiese. Ob es das reizarme Volksfest in Dachau wieder geben wird? Hartmann will sich da noch nicht festlegen. „Das hängt vom Feedback ab“, sagt er. Alexander Lauth von den Chaoscityriders sagt, er habe nur Begeisterung und Lob von allen Seiten gehört. Was allerdings auch daran liegen könnte, dass der Verein an diesem Nachmittag Fahrchips im Wert von 1000 Euro spendiert.
Moritz gefällt es auf dem Volksfest, aber weitere Fahrten braucht er nicht mehr. Das Riesenrad hat ihm gereicht. Und einmal quer durch das ganze Festzelt zu laufen, während die Blaskapelle spielt, das war schon ein bisschen eine Zumutung für ihn. Nicht so sehr wegen der Lautstärke, die war okay, aber Blasmusik ist überhaupt nicht sein Geschmack. Moritz hört lieber deutschsprachige Malle-Hits.

