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Virtuelle Ausstellung:Bilder ohne Worte

Die Ausstellung von Gisela Oberbeck und Thomas Petresy kann wegen der Corona-Pandemie nicht wie geplant im Dachauer Wasserturm stattfinden. Kurzerhand hat sich das Künstlerpaar deshalb entschlossen, sie in den virtuellen Raum zu verlegen

Von Andreas Förster, Dachau

"Besondere Zeiten verlangen nach besonderen Lösungen." Das schreibt Gisela Oberbeck in einer E-Mail an ihre Kontakte, um sie über die Absage ihrer Ausstellung im Dachauer Wasserturm zu informieren. Die Corona-Krise legte das Kulturleben im Landkreis lahm. Doch in Notsituationen wie diesen entstehen auch kreative Ideen und "besondere Lösungen" - beispielsweise eine für jedermann zugängliche virtuelle Galerie: ohne Erklimmen der mehr als hundert Treppenstufen des Wasserturms, zeitlich unbefristet und rund um die Uhr. Nur leider eben auch ohne Vernissage, ohne Finissage, ohne Menschen, ohne die Möglichkeit, sich unmittelbar über die Kunst auszutauschen. Die Aufzählung ließe sich fortführen.

Eine Alternative also aus der Not geboren, aber eine, die sich sehen lassen kann und die sich auszuprobieren lohnt. Möglichst mit einem Desktop-PC mit Monitor, um die Kunstwerke gut sehen zu können. Die Navigation durch die Ausstellung geschieht mit der Maus oder durch Wischen über den Touchscreen. So kann man sich in den beiden virtuellen Räumen frei bewegen, nach Herzenslust hin- und herwandern und per Zoom jedem Werk auch sehr nahekommen. Die 3-D-Animation macht die Illusion eines Galeriebesuchs nahezu perfekt. Den Titel eines Bildes und weitere Informationen erhält man durch den Klick auf das kleine "I" rechts im Menü. Wer sich für eine "geführte Tour" entscheidet, wird von Bild zu Bild automatisch weitergeleitet, ähnlich einer Diashow.

Virtuelle Kunstmatrix

Statt im Wasserturm ist die Ausstellung in der virtuellen Galerie zusehen, die man barrierefrei besuchen kann.

(Foto: Privat)

Die Ausstellung heißt sinnigerweise "Doppelspur". Gisela Oberbeck und Thomas Petresy fahren darin zweigleisig. Sie teilen sich die Räume, unterscheiden sich aber grundsätzlich in ihrer künstlerischen Ausdrucksweise. Thomas Petresy malt kleinformatige Bilder, meist Ölfarbe auf Leinwand, Gisela Oberbeck fertigt Holz- und Papierschnitte an. Auch wenn sie sich klar voneinander abgrenzen, überschneiden sie sich aber auch dann und wann. Vor allem, wenn es um das von beiden geliebte Thema Natur geht oder um den kritischen Blick auf den Menschen.

Der Ausstellungstitel "Doppelspur" verweist auch auf die parallelen Lebensbahnen des Künstlerpaars: Sie haben sich Ende der 1970er Jahre auf der Akademie der Bildenden Künste in München kennengelernt. Ihr gemeinsamer Sehnsuchtsort ist Frankreich, der Lebensmittelpunkt ist München, wo sie eine Atelierwohnung in der Messestadt Riem bewohnen. Nicht zuletzt nimmt "Doppelspur" Bezug auf die Spuren, die Oberbeck und Petresy selbst durch ihre Kunst hinterlassen.

Doppelspur

"Kriegsangst" ist das ausdrucksstarke Werk des Künstlers Thomas Petresy betitelt.

(Foto: Privat)

Gisela Oberbeck studierte Malerei und Grafik in Stuttgart und München, lebte und arbeitete viele Jahre in Lateinamerika, Frankreich, Spanien und der Türkei. Thomas Petresy kommt aus Ungarn, hat zudem viele Jahre als Maler in Paris gelebt. Oberbecks Werk stellt meisterhafte Druckgrafiken, Holzschnitte, Papierschattenbilder, Collagen und Unikatkünstlerbücher her, teilweise in außergewöhnlichen Formaten. Im Vorwort zur Ausstellung heißt es: "Oberbecks Hauptthemen sind Figur und Fläche, der Mensch im Kontext zur Natur, Pflanzenstrukturen, das Verhältnis zwischen Körper und Raum oder, im erweiterten Sinne, zwischen Mensch und Umgebung. Detailorientiert, präzise und analytisch studiert sie die Ausgangsformen, welche sie später stark abstrahiert oder aufbricht und neu ordnet." Exemplarisch für ihre Kunst steht der großformatige Holzschnitt "Sechs aus einem Stamm", der sechs verschieden farbige Baum-, Pflanzen- und Blumenstrukturen zeigt, die in ihrer Gesamtheit wie die komprimierte Schöpfungsgeschichte der Natur anmutet - kraftvoll und geheimnisvoll zugleich.

Energetisch, dem Leben zugewandt, stellen Thomas Petresys Bilder eine einzigartige Erlebniswelt dar. Ausgehend von einem konkreten Motiv suche Petresy, heißt es im Vorwort zur Ausstellung, nach universellen und archetypischen Inhalten. Auch lässt er sich, ähnlich wie Oberbeck, auf keinen eindeutigen Stil festlegen. Mal figürlich und beinahe hyperrealistisch sind seine Szenen, mal naiv und voller Urvertrauen. In ihrer bunten Farbigkeit bilden sie eine organische Gemeinschaft mit Oberbecks bunten Holzschnitten, können aber auch verstören und faszinieren wie die großen Ölgemälde "Kriegsangst" und "Der Musiker". Petresys Bilder sind eigentlich zeitlos und eigenständig und doch weisen sie gelegentlich Referenzen an die großen Malertraditionen der Postimpressionisten und Surrealisten auf: Auf der einen Seite stilisiert verklärte Städte, Landschaften oder heitere Szenen unter freiem Himmel, auf der anderen surrealistische Fantasiebilder als Ausdruck von Träumen, Visionen oder spirituellen Erlebnissen. Spannend allemal, wie die gesamte Ausstellung in der virtuellen 3-D-Galerie.

Doppelspur

"Sechs aus einem Stamm" ist ein Holzschnitt, den Partnerin Gisela Oberbeck angefertigt hat.

(Foto: Privat)

Ob das ein Modell für die Nachcoronazukunft ist, bleibt abzuwarten. Einen Link zu Oberbecks Homepage gibt es auf der Webseite des Dachauer Wasserturms unter "Aktuelles". Die Kunstmatrix sollte man auf jeden Fall im Vollbild ansehen.

© SZ vom 02.04.2020
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