Süddeutsche Zeitung

Villa im Heimatstil:Gemeinsam gerettet

Fast wäre das alte Vereinsheim und Schulhaus in Sittenbach abgerissen worden. Doch jetzt hat es wieder neuen Glanz bekommen. Der Heimatverein, viele Bürger und die Gemeinde kümmern sich um die Sanierung

Noch vor wenigen Jahren schien es, als seien die Tage des ehemaligen Vereins- und Schulhauses in Sittenbach gezählt: Das Dach war schadhaft, der Putz bröckelte und man sah dem 1910 erbauten Gebäude deutlich an, dass es schon seit längerem nicht mehr bewohnt war. "Abreißen" lautete das Urteil nicht weniger Sittenbacher und auch einer Reihe von Gemeinderatsmitgliedern in Odelzhausen, der Kommune, zu der die ehemals selbständige Gemeinde Sittenbach seit der Gebietsreform 1972 dazugehört.

Dass sich die Dinge dann aber doch anders entwickelt haben, ist zwei Glücksfällen zu verdanken: Zum einen der Entschlossenheit und Tatkraft von Harald Edelmann, der das Haus unbedingt vor der Spitzhacke retten wollte und deshalb den "Heimatverein ad honorem Sittenbach" zusammen mit anderen im Ort gründete und sich bis zu seinem Tod im vergangenen Dezember mit aller Kraft für die Sanierung des Gebäudes eingesetzt hat.

Der zweite Glücksfall bestand darin, dass man in Sittenbach vom "Denkmalnetz Bayern" erfuhr, einem Zusammenschluss von Vereinen und Initiativen sowie interessierten Bürgern, deren Ziel der Erhalt wichtiger, oft auch ortsbildprägender Gebäude ist. Die Sittenbacher nahmen Kontakt zu der Organisation auf und bekamen von ihr wertvolle Unterstützung bei ihrem Vorhaben. Am vergangenen Freitag waren Vertreter des Denkmalnetzes und des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege in Sittenbach, um sich ein Bild von den mittlerweile weit fortgeschrittenen Sanierungsarbeiten zu machen. Eingeladen dazu hatte Elfriede Edelmann, die nach dem Tod ihres Mannes den Vorsitz im Sittenbacher Heimatverein übernommen hat, und Herbert Luy, beim Denkmalnetz zuständig für Einzelfallberatungen. Er hat die Sanierung des Hauses von Anfang an begleitet und zeichnet für die Statik des Hauses verantwortlich.

Herbert Luy führte die Besucher am Freitag durch das Gebäude, dessen Außensanierung mittlerweile abgeschlossen ist. Er schilderte beim Rundgang durchs Haus und in einer Präsentation die Stationen des Kampfes der Sittenbacher für den Erhalt des Gebäudes, verwies auf Details der Dachstuhlsanierung oder auf den schönen alten Terrazzo-Boden in einzelnen Gebäudeteilen. Man habe versucht, möglichst viel der historischen Bausubstanz zu erhalten, so Luy. Die Fenster allerdings mussten einer Neuanfertigung nach altem Vorbild weichen.

Der zweite Vereinsvorstand Johann Blank erläuterte den Gästen die Geschichte des Hauses, das 1910 als Vereinsheim erbaut und später auch als Schulhaus genutzt wurde. Anstoß für den Wunsch, das Haus zu erhalten, war 2008 der Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden". Die Jury hatte die Sittenbacher wissen lassen, dass es "eine echte Aufgabe" für sie sei, das "in seiner Gestaltung unwiederbringliche Kleinod zu erhalten."

Unwiederbringlich wäre das Haus in der Tat, hätte man es abgerissen. So spricht etwa der Kunsthistoriker Bernd Vollmar vom Denkmalnetz Bayern von der interessanten, "eigenwilligen Bauform" des Hauses mit seinen vier vorspringenden Erkern. Es sei ein für die Entstehungszeit typisches Beispiel des sogenannten "Heimatstils", einer architektonischen Gegenbewegung gegen Historismus und Jugendstil. Nach ursprünglichen Schätzungen sollte die Sanierung des Hauses mehr als 552 000 Euro kosten - zu viel, wie die Mehrheit des Gemeinderats unter dem damaligen Bürgermeister Konrad Brandmair befand. Erst als sich die politischen Rahmenbedingungen mit der Wahl von Markus Trinkl änderten, stiegen die Chancen für den Erhalt des Hauses. Die Gemeinde stellte 50 000 Euro für die Dachsanierung zur Verfügung, gleichzeitig einigte man sich auf eine Baukostenminimierung auf nur noch 250 000 Euro. Als Bauherr fungiert nicht die Gemeinde, in deren Besitz es ist, sondern der Heimatverein, der die nötigen Gelder als Kredit aufgenommen hat; die Kommune übernahm die Bürgschaft und zahlt die Zinsen. Einen wichtigen Teil zum Gelingen des Projekts tragen die Sittenbacher selber mit umfangreichen Eigenleistungen bei: Jeden Samstag wird nach wie vor gemeinsam gearbeitet.

In einem Jahr, rechnet Elfriede Engelmann, soll auch die Innenrenovierung fertig sein. Dann wird hier vielleicht wie früher wieder Theater gespielt im zentralen Saal des Hauses, es könnten Volkstanzkurse angeboten werden und auch der Burschen- und der Mädelverein von Sittenbach könnten Räume bekommen. Auf jeden Fall soll sich das ehemalige Vereins- und Schulhaus wieder mit Leben füllen - ganz so, wie es sich die Erbauer vor gut 100 Jahren gewünscht haben.

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Quelle:
SZ vom 25.09.2018
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