Versöhnungskirche:Leserbriefe

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Leserbriefe zum Interview "Die Empörung hätten wir uns sparen können" und dem Artikel "Hoffen auf einen Ausweg" vom 12. März:

Sparziele können eingehalten werden

Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern ist eine synodal verfasste Kirche. Spar- und Streichmaßnahmen, so notwendig sie angesichts geringerer Einnahmen auch sind, müssen von der Mehrheit der Synode genehmigt und angeordnet werden und nicht von der Verwaltung, insbesondere wenn die Gefahr besteht, dass Gemeindeglieder diese Vorgehensweise als "still und heimlich" erleben. Deshalb bin ich dankbar, dass Sie sich als Presseorgane darum bemühen, die vorgesehene Streichung der Diakonenstelle an der Evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau öffentlich zur Diskussion zu stellen. Ich war sieben Jahre Diakon der Evangelischen Versöhnungskirche und fühle mich nach wie vor persönlich und spirituell mit dieser Kirche und ihrer Arbeit sehr verbunden.

In jeder, auch in jeder demokratisch legitimierten Verwaltung besteht immer die Gefahr, dass die Verwaltung "Dienstwissen in Geheimwissen" umwandelt, um sich "immun" zu machen gegen Kontrolle, wie Max Weber in "Wirtschaft und Gesellschaft" schon 1922 schrieb. Das damalige Kuratorium der Versöhnungskirche hat bereits 1994 die Voraussetzungen für die Arbeit der Stiftung "Wings of Hope" geschaffen, die neun Jahre später durch einen Synodenbeschluss gegründet wurde. 2019 war ich zur damaligen Frühjahrssynode zum Themenschwerpunkt Frieden als Prediger für den Eröffnungsgottesdienst eingeladen worden.

Für mich war diese Einladung eine große Ehre und nach vielen Jahrzehnten des Dienstes in und an meiner Kirche eine Vergewisserung, dass diese Kirche eine Kirche ist, in der sich Macht in der Kirche, des "jesus, der geschichten erzählt hat von der weltleidenschaft des ewigen gottes ... und ... vom ende von menschenmacht über menschen" (Kurt Marti), durch unser demokratisch gewähltes Kirchenparlament abbildet und legitimieren muss. Ich möchte deshalb auf einen Punkt hinweisen, der mir wichtig ist und aus meiner Sicht die Grundlage für eine gerechte Entscheidung sein könnte: Allen derzeitigen und auch den früheren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau ist bewusst, dass wir als Kirche in der jetzigen Situation Gelder einsparen müssen. Wir stehen unter dem gleichen Druck wie all die Gemeinden und Dienste unserer Kirche, von denen das Gleiche gefordert wird. Man muss aber wissen, dass sich die Evangelische Versöhnungskirche bereit erklärt, ab 2024 aus Stiftungs- und Spendenmitteln eine halbe Diakonenstelle selbst zu finanzieren. So, wie ich das verstehe, muss also die Synode deshalb im Rahmen der neuen Landesstellenplanung lediglich die Finanzierung einer halben Diakonenstelle ermöglichen, damit die seit 1988 vorhandene Stelle ganz erhalten bleibt. Die Sparziele könnten also mehr als eingehalten werden!

Die Bundesregierung erkennt derzeit 109 Anschläge als rechtsextreme Taten an. Mit ihrem gemeinsamen und ehrlich geteilten personellen und finanziellen Engagement würden die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern unter Berücksichtigung der notwendigen Einsparungen und die Stiftung Evangelische Versöhnungskirche und ihre Spenderinnen und Spender das Erbe der Überlebenden von Dachau und ihrer Nachkommen glaubwürdig auch weiterhin aufnehmen und weiterführen: "Nie wieder!" Das wäre eine tolle Nachricht für den 2. Mai 2021, dem Tag, an dem wir mit den letzten Überlebenden an die Befreiung des Konzentrationslager Dachau am 29. April 1945, vor 76 Jahren erinnern.

Peter Klentzan, Diakon im Ruhestand, Dachau

Es geht um Verantwortung

Oberkirchenrat Michael Martin irrt, wenn er die öffentliche Aufregung über die geplante Streichung der Diakonenstelle an der Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau auf die offene Stellenplanung zwischen EKD und Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern sowie auf die angeblich unsachgemäßen und unangebrachten Äußerungen eines ehemaligen Diakons an der Versöhnungskirche zurückführt. Das ist bürokratisch und ahistorisch.

Im Kern geht es nämlich um die Verantwortung und Verpflichtung der Evangelischen Kirche Deutschlands aus der Tatsache, dass sie im Nationalsozialismus ihre Pfarrer und Gläubigen zu wenig geschützt hat. Die Evangelische Amtskirche hat es vielfach zugelassen, dass bekennende evangelische Christen verhaftet, verfolgt und in Konzentrationslager verbracht wurden, weil sie sich den menschenverachtenden Maßnahmen der Nationalsozialisten entgegen stellten. Bereits zu Ostern 1933 ließ der Landeskirchenrat mit Blick auf das Osterfest verlautbaren: "Ein Staat, der wieder anfängt, nach Gottesgebot zu regieren, darf in diesem Tun nicht nur des Beifalls, sondern auch der freudigen und tätigen Mitarbeit der Kirche sicher sein." Wenn die evangelische Kirche auch in den Jahren danach feststellen musste, dass diese Haltung ihr keine Sonderrechte im NS-Staat sichern konnte und einige Geistliche danach (vergeblich) versuchten, dagegen zu halten, hat sie doch mit Ihrer Haltung zur Stabilisierung des NS-Staates beigetragen.

Aus dieser historischen Schuld entsteht eine immerwährende Verpflichtung, diese Verbrechen "Nie wieder" geschehen zu lassen, aber auch eine "Erziehung nach Auschwitz" aktiv mitzugestalten und dies in alltäglicher Erinnerungs- und Bildungsarbeit umzusetzen. Welcher Ort könnte hier besser geeignet sein, als das ehemalige Konzentrationslager Dachau. Die ehemaligen Häftlinge des Konzentrationslagers habe ja ganz bewusst die beiden Kirchen zu ihrem Projekt der Versöhnungskirche auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers eingeladen, damit es dauerhaft und wahrnehmbar in die bundesrepublikanische Gesellschaft und in die ganze Welt ausstrahle. Diese Aufgabe haben die Diakone bisher in beispielhafter Weise wahrgenommen, in Kontakt mit den Überlebenden, in Gesprächen und Diskursen mit jungen Menschen und mit Besuchern aus aller Welt. Diese Aufgabe darf nicht enden, sie muss dauerhaft gesichert sein. Es kann nicht sein, dass die halbe Stelle durch die Landeskirche und die andere Hälfte durch nur für einen Zeitraum von einigen Jahren eingeworbene Stiftungsmittel fundiert wird.

Noch ein Hinweis in eigener Sache: Die Initiative "!Nie Wieder - Erinnerungstag im deutschen Fußball" wurde zwei Tage vor dem 27. Januar 2004, dem Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, in der Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau von Christen und Fußballfans gegründet - geleitet von dem, was uns die Überlebenden der Konzentrationslager ans Herz gelegt haben. Der heuer zum 17. Mal an den Spiel- und Turniertagen um den 27. Januar 2021 durchgeführte "Erinnerungstag im deutschen Fußball" hat inzwischen eine breite Verankerung und Resonanz in der Zivilgesellschaft und in den Medien erreicht. Faninitiativen, Fanprojekte, Schulen, Bildungseinrichtungen, Vereine und Verbände und Vereinigungen in ganz Deutschland darunter auch DFL, DFB und die Landesverbände des DFB sowie DOSB und Makkabi Deutschland engagieren sich. Ohne die Verankerung in der Versöhnungskirche und die Unterstützung der Diakone hätte der Erinnerungstag nicht diese Ausstrahlung und gesellschaftliche Relevanz erhalten, die er heute hat. Diese Erinnerungs- und Aufklärungsarbeit darf nicht durch ein Stellengeschachere der Landeskirche gefährdet werden.

Anton Löffelmeier, Taufkirchen

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