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Vernissage in Dachau:Mehr als einfach nur bunt

KVD Galerie

Petra Amerell hört, wenn sie malt, meistens rhythmische Musik, viel Jazz, manchmal Klassik, nur selten ist es leise.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Für die Künstlerin Petra Amerell sind ihre farbenfrohen Werke immer auch ein Kampf mit der Angst

Es ist, als zögen die meterhohen Bilder aus der KVD-Galerie in eine Welt, die einem so vertraut erscheint, und sich doch nicht zuordnen lässt. Die überlappenden Grüntöne, die großen Pinselzüge - vielleicht ist da die Ruhe des Waldes? Ein anderes Bild: großzügig geschwungene Tupfer in Blau, viel Tiefe, die Melancholie des Meeres? Nichts dergleichen hatte deren Künstlerin Petra Amerell vor Augen und bestreitet vehement jegliche Einflüsse, die sich aus der Außenwelt schöpfen könnten.

Das macht Sinn, gab es doch einen Moment in Amerells Leben, der ein Bild hervorbrachte, das sie später "tabula rasa" nannte. Mit diesem Bild verabschiedete sie sich in spontaner Wut, nachdem sie jahrelang gegenständlich gezeichnet hatte, von der Idee, das Äußere in ihren Werken einzufangen. Ihr Stil hatte sich damals bereits sehr abstrahiert, die Figur auf dem Bild bestand eigentlich nur noch aus Formen, doch die Künstlerin wollte ganz loslassen, sich frei von dem Äußeren und dessen Formen machen - und begann ein Experiment mit viel Farbe.

Damit dies gelingt, drängt sie sich noch heute selbst dazu, Kontrolle abzugeben; dabei hilft ihr die Musik. Wenn Petra Amerell in ihrem Wohnatelier in München vor einer Leinwand steht, zwischen Farben, Pinseln, Spachteln und Entscheidungen, begleitet die 57-Jährige meist sehr rhythmische Musik, viel Jazz, manchmal Klassik, nur selten ist es leise. Wie bei einem Tanz sollen sich dann auch die Farben aneinanderfügen. Sich nicht wehtun, aber auch nicht einfach harmonieren, sondern sich gemeinsam zu etwas Neuem steigern. Wie bei einem guten Musikstück, das in sich vibriert und so seine Zuhörer einnimmt.

Wer nun weiß, dass Petra Amerell mehrere Wochen bis Monate an einem Bild malt, und zwar nur an einem, dass sie hier jegliche Emotionen verarbeitet, es manchmal vom Frühstückstisch aus betrachtet und dem Impuls nachgibt, wieder etwas übermalen zu müssen - dem ist bewusst, dass die Künstlerin hier ihr Innerstes preisgibt. Ob das der Kern der Hemmung ist, gegen die sie ankämpft, mithilfe von Musik und dem Ergebnis lauter Farbe? "Nein, das ist es nicht.", sagt sie.

Und eigentlich merkt man das, wenn man ihr genau zuhört und sie so häufig sagen hört, dass es da immer diese Angst gebe, ein Bild doch noch zu verunstalten - zu viel zu malen, ihm die Frische zu nehmen. Es passiert selten, dass sie ein Bild wirklich aufgibt, sie kämpfe lieber weiter und arbeite sich an ihm ab. Ihre Hemmung speist sich also aus einem intrinsischen Verlangen nach Perfektion, vielleicht in jungen Jahren trainiert durch das gegenständliche Zeichnen, das sie unter anderem an der Akademie der Bildenden Künste in München erlernte: zeichnen, abbilden, und das möglichst genau. "Das ist auch heute noch das, was mir leichter fällt", gibt sie zu. Die abstrakte Malerei bedeute für sie das größere Abenteuer, mehr Freiheit - aber so auch die größere Angst vor dem Scheitern. So stellt man sich vor, dass Petra Amerells Bilder in einem Balanceakt zwischen Intuition und Reflexion entstehen. Unfertige Bilder hängt sie von ihrem Atelier in ihr Wohnzimmer, betrachtet sie und überlegt, und manchmal erkennt sie eine Unstimmigkeit, eben während des Frühstücks, und übermalt sie.

Denn dass jedes ihrer Bilder ihr Innerstes widerspiegelt, dessen ist sich die Künstlerin bewusst - das war ja der Auslöser, der sie letztlich auf die Linie des Abstrakten führte. "Früher haben die Leute nur gesehen, was ich darstelle", sagt sie, spricht von Langeweile, fehlendem Ausdruck und der seitdem anhaltenden Abneigung, monochrom zu malen. Nun ist es aber so, dass ein Betrachter in ihren neuen Bildern alles sehen kann, eben auch den Wald, das Meer. An der rechten Seite des Raumes hängt ein Bild, das außergewöhnlich viel Grau und Weiß enthält, wenige bunte Farbtupfer. Das interpretierten viele Betrachter als ruhig und positiv, erzählt Amerell. "Wenn diese Menschen wüssten, was ich während dem Malen empfunden habe, wie sehr ich an diesem Bild gekämpft habe..."

Ist es frustrierend, gar verletzend, diese Missinterpretation des Innersten? "Ich mag es nicht, wenn man einfach nur sagt, ich male 'bunte Bilder", antwortet die Künstlerin. Das klinge nach Naivität und heiler Welt. Gut, ihre Bilder sind unbestritten bunt. Was am Ende entstehe, sei wieder wie die Musik, die sie mag: ziemlich jazzig, ziemlich lebendig. "Sie zeigen den energievollen Zustand, in dem ich mich am Leben fühle" - doch das heiße ja nicht, dass in ihr und in ihrem Bild nicht auch andere Phasen steckten, dunkle und nachdenkliche. So sagt sie über den Prozess ihrer Kunst, aber wohl auch über den, der sie in ihrem Inneren begleitet: "Es ist nicht nur ein Tanz, sondern eben auch ein Kampf."

Die Ausstellung "kaleidoscope" von Petra Amerell eröffnet mit einer Vernissage am Donnerstag, den 17. Oktober, und ist bis zum 11. November in der KVD-Galerie in Dachau zu sehen.