Verkehrswende:Petershausen baut Ruftaxi-Angebot aus

Mit einem Bündel von Maßnahmen versucht der Gemeinderat der Pendlerkommune, dem wachsenden Autoverkehr Einhalt zu gebieten. Dazu wird nun auch die Einführung eines Carsharing-Angebots geprüft. Die Bestellung eines Fahrradreferenten scheitert an rechtlichen Bedenken

Von Horst Kramer, Petershausen

Neue Mobilitätsformen stoßen im "Mobilitäts-Hub" Petershausen auf hohes Interesse. Die S-Bahn-Gemeinde wird seit Jahren von Autopendlern regelrecht überrollt. So behandelte der Gemeinderat bei seiner Sitzung im Januar gleich drei Anträge, die das Mobilitätsverhalten auf dem Land verändern könnten: das Bedarfsverkehrskonzept des Landkreises, die Einführung eines Carsharing-Angebots und die Bestellung eines Fahrradreferenten. Zwei Anträge wurden angenommen, einer scheiterte überraschend, wenn auch nur haarscharf.

Verkehrswende: Um nach Zieglberg zu kommen, braucht man ein Auto oder ein Rad und kräftige Beine. In Zukunft kann man hier auch das Ruftaxi des MVV in Anspruch nehmen. Archivfoto: Toni Heigl

Um nach Zieglberg zu kommen, braucht man ein Auto oder ein Rad und kräftige Beine. In Zukunft kann man hier auch das Ruftaxi des MVV in Anspruch nehmen. Archivfoto: Toni Heigl

Das Bedarfsverkehrsangebot des Landkreises wurde durchaus strittig diskutiert. Es geht dabei um die räumliche wie zeitliche Erweiterung des Ruftaxi-Angebots, um entlegene Ortsteile an das ÖPNV-Netz anzubinden oder auch Zeitfenster abzudecken, in denen der MVV keine Busse über das Land schicken will, die dann nur sehr dünn besetzt wären. Ein halbes Dutzend Ruftaxilinien wurden schon vor bald sieben Jahren eingeführt: etwa in den A8-Gemeinden oder auch an der S2, wo die Buslinie 7280 Hilgertshausen-Tandern, Weichs und Vierkirchen die Bahnhöfe in Röhrmoos, Hebertshausen und Petershausen Bahnhof anbindet.

Kommunalwahl 2020

Bürgermeister Marcel Fath will sich bei Grundstücksverhandlungen von niemandem dreinreden lassen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Dennoch schien ein Großteil des Gremiums mit dem Konzept nicht vertraut zu sein. Mit Ausnahme von Gerhard Weber (CSU), der seinerzeit an der Einführung selbst beteiligt war. Einige Rätinnen und Räte störten sich an der vermeintlich schlechten Kosten-Nutzen-Relation: So müsste die Gemeinde 7250 Euro jährlich für eine Linie von Markt Indersdorf nach Petershausen aufbringen, die auch mehrere Petershausener Ortsteile anfährt. Bernhard Franke (SPD) warf ein, dass die Strecke von Ebersbach nach Ziegelberg ohne weiteres mit den Rad zu bewältigen sei. "Auch im Winter", wie er nach Einwand von Margarete Scherbaum (FW) betonte. Alexander Heisler (Grüne) rief dagegen in Erinnerung, dass alkoholisiertes Radfahren zu einem Führerscheinverlust führen könne. Andrea Stang (FW) wiederum schien Zweifel an der Akzeptanz eines derartigen Angebots zu haben, sie sprach von "Einzelfällen". Außer Heisler sprachen sich auch CSU-Chef Günter Fuchs, Gerhard Weber sowie deren Mitstreiter Michael Schwappacher eindeutig für das Konzept aus. Bei drei Gegenstimmen votierte der Rat für die Nutzung des Zusatzangebots. Weitere Kosten für den Ausbau der Buslinie 707 sowie weiterer Ruftaxilinien stehen derzeit noch nicht fest. "Wenn der Landkreis die Zahlen vorlegt, werden wir darüber wieder diskutieren", kündigte Bürgermeister Marcel Fath (FW) an.

MVV-Ruftaxi

Das sogenannte "Ruftaxi" ist in der Regel ein Kleinbus mit acht Sitzen. Er bedient ein bestimmtes Netz im Gebiet der beteiligten Kommunen. Allerdings ist der Bus nur dann unterwegs, wenn sich ein Fahrgast vorher telefonisch oder per MVV-App angemeldet hat. Treffpunkt ist die vereinbarte Bushaltestelle, der Zeitpunkt ist durch den Fahrplan festgelegt. Bezahlt wird nach MVV-Tarif entsprechend der Zonen. Monatskartennutzer müssen keinen zusätzlichen Betrag begleichen. In manchen Kommunen dauerte es allerdings mehrere Jahre, bis sich das Angebot etabliert hatte. kram

Intensiv besprochen wurde außerdem ein Antrag der Freien Wähler. Deren Idee: in der künftigen Rosensiedlung ein professionelles Leihangebot für Elektro-Autos, E-Bikes und E-Lastenräder auf die Beine zu stellen. Die Zustimmung zur Einführung eines derartigen "Sharingsystems" war in allen Fraktionen hoch, vom Standort Rosensiedlung waren hingegen nicht alle überzeugt. Zum einen, weil er in unmittelbarer Nachbarschaft zum Bahnhof liegen wird und manche Bewohner deswegen auf einen Pkw verzichten könnten. Zum anderen, weil ein weiteres baurechtliches Verfahren für die notwendigen Stellplätze angestoßen werden müsste. Und nicht zuletzt, weil die Siedlung erst in einigen Jahren beziehbar sein wird.

Weber war es, der einen alternativen Standort ins Spiel brachte: den Vorplatzbereich des Bahnhofs. "Dort ist Raum für vier Stellplätze. Schauen wir einfach, ob sich ein Dienstleister findet." Dann könnte die Gemeinde kurzfristig Erfahrungen sammeln und das Angebot gegebenenfalls später erweitern. Einen Gutachter, der Zahlen aus München liefern würde, lehnte Weber ab: "Großstadtdaten helfen einer 6500-Einwohner-Gemeinde wie Petershausen nicht weiter." Vielleicht aber die Erfahrungen aus Oberschleißheim, einer 13 000-Einwohner-Kommune: Der Verein Stadtteilauto praktiziert dort schon seit zwölf Jahren die gemeinsame Nutzung von Autos; auf Stellplätzen direkt am Bahnhof. Der Petershausener Rat schloss sich einstimmig Webers Idee an. Die Verwaltung erhielt den Auftrag, nach einem Anbieter für ein Pilotprojekt zu fahnden.

Beim dritten Mobilitätsthema des Abends gab es am Ende ein Patt. Die Agenda 21-Organisatorin Christa Jürgensson hatte einen Antrag zur Bestellung eines Fahrradreferenten eingebracht; zusammen mit vierzig Bürgerinnen und Bürgern, der CSU-Fraktion sowie Mitgliedern aus allen anderen Parteien und Gruppierungen. Bürgermeister Fath lehnte den Vorstoß indes ab. Nicht, weil er die Förderung des Radverkehrs für unnötig hielte. Im Gegenteil, er betonte: "Das Rad ist wichtig." Zudem lobte Fath ausdrücklich das langjährige Engagement des Petershausener Radexperten Eduard Meßthaler. Der Rathauschef störte sich an einer Formulierung des Antrags, der dem künftigen Referenten eine Mitsprache bei Grundstücksverhandlungen für Radwege einzuräumen schien. "Das ist ausschließlich eine Sache des Ersten Bürgermeisters", machte Fath klar und verwies auf seine juristischen Zuständigkeiten. Er warb stattdessen für einen Nachfolger von Josef Mittl; der ehemalige FW-Chef und Kreisrat hatte sich viele Jahre um die "Bürgerwerkstatt Mobilität" gekümmert. Wolfgang Stadler (SPD) warf die Frage in die Runde, ob es überhaupt einen Interessenten für einen Radreferenten gäbe. Der CSU-Rat Schwappacher hob darauf die Hand. CSU-Chef Günter Fuchs bestand auf einer Abstimmung des eingebrachten Antrags, "so wie er formuliert ist." Zehn Rätinnen und Räte sprachen sich für einen Fahrradreferenten aus, neun sowie der Bürgermeister dagegen. Laut Bayerischer Gemeindeordnung gilt der Antrag damit als abgelehnt. Faths Anregung, einen Beauftragten für die Mobilitätswerkstatt mit zusätzlichen Fahrradkompetenzen zu installieren, fand mit acht gegen zwölf Stimmen ebenfalls keine Zustimmung. Der Rathauschef lud Schwappacher dennoch zu einer Zusammenarbeit ein.

© SZ vom 08.02.2021
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