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Verkehrsausschuss:Anschub fürs Fahrrad

Fahrradstraße

Die SPD-Stadtratsfraktion schlägt vor, den kompletten Bereich der Inneren Schleißheimer Straße, sowie die Grubenstraße, Zur alten Schießstätt und Auf der Scheierlwiese als Fahrradzone auszuweisen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die Corona-Krise wirkt sich auf die Verkehrspolitik aus: In vielen Städten entstehen derzeit Pop-up-Bike-Lanes. Auch das Bündnis wünscht sich provisorische Radstreifen für Dachau. Die CSU plädiert für ein ganzheitliches Konzept

Von Julia Putzger, Dachau

Nur wenige Zentimeter vom eigenen Radlenker entfernt braust das überholende Auto vorbei. Ein paar Straßen weiter blockiert ein geparkter Lieferwagen den Radstreifen. Doch zügiges Vorankommen ist durch die Wartezeiten an Ampeln ohnehin schwierig. Wer nicht nur für Wochenendausflüge mit dem Fahrrad unterwegs ist, sondern seinen Alltag radelnd bewältigt, kennt Situationen wie diese. Durch die Corona-Krise verbesserte sich die Situation für Fahrradfahrer jedoch in den vergangenen Wochen: Weniger Autos waren auf den Straßen unterwegs, in Großstädten wie Berlin, Frankfurt in Wien wurden vorübergehend Radstreifen installiert, sogenannte Pop-Up-Bike-Lanes. Geht es nach dem Bündnis für Dachau, könnte auch Dachau bald zur Fahrradstadt werden.

Bereits im April brachte die Stadtratsfraktion des Bündnis einen Antrag ein, in dem es Ad-Hoc-Verkehrsmaßnahmen verlangte, um den Bürgern trotz der Krise eine sichere und nachhaltige Mobilität zu ermöglichen. Der Bündnis-Fraktionsvorsitzende Michael Eisenmann erläutert die Forderungen des Antrags, der in Sitzung des Umwelt- und Verkehrsausschusses an diesem Mittwoch behandelt wird: "Es geht um einfache und schnell umsetzbare Maßnahmen." Viele Strecken würden den Bedürfnissen der Radfahrer nicht gerecht, da sie zu schmal sind: So kann der Abstand von eineinhalb Metern beim Überholen, der seit der Neuerung der Straßenverkehrsordnung gilt und zugleich den aktuellen Hygienevorgaben entspricht, nicht eingehalten werden.

Das Bündnis fordert darum, bereits geplante Radstreifen schon jetzt durch provisorische Markierungen einzurichten. Außerdem sollen Straßen, die auch im Rahmen des Radverkehrskonzept der Stadt als dringlich eingestuft wurden, als Fahrradstraßen ausgewiesen werden. Dazu zählen die Alte Ludwig-Dill-Straße, die Augustenfelder Straße, die Langwieder Straße, die Ostenstraße und die Josef-Effner-Straße. CSU-Stadtrat Peter Strauch sieht diesen Vorschlag kritisch: Zwar sei die Verkehrswende und die Stärkung des Radverkehrs in Dachau auch erklärtes Ziel seiner Partei, doch dem Antrag des Bündnis könne man in Gänze nicht zustimmen. "Nicht alles, wo Fahrradstraße draufsteht, ist auch vernünftig", so Strauch. Man müsse auch wissen, was diese Ausweisung bedeutet, nämlich ein Tempolimit von 30 Kilometern pro Stunde und die Erlaubnis für Radler, nebeneinander zu fahren. "Das ist dann eine Straße für Fahrräder, auf der Autos dann eben noch fahren dürfen." Für die Langwieder Straße, die bereits als verkehrsberuhigte Zone ausgewiesen ist, würde das sogar einen Rückschritt bedeuten, findet Strauch, da Autos dort derzeit nur Schrittgeschwindigkeit fahren dürfen.

Auch den Vorschlag der SPD, den Bereich der Inneren Schleißheimer Straße, Grubenstraße, Zur alten Schießstätt und Auf der Scheierlwiese als Fahrradzone auszuweisen, sieht Strauch kritisch: "Es ist nicht sinnvoll, eine Hauptverkehrsstraße zur Fahrradstraße zu machen." Wenn alle mit dem Fahrrad fahren würden, spreche nichts gegen eine solche Maßnahme, "aber das sehe ich momentan nicht", meint Strauch. Deshalb brauche es vernünftige Lösungen, die die Interessen aller vertreten würden. Die SPD argumentiert hingegen mit einer durchgehenden Verbindung, die so für die Radfahrer geschaffen würde. Geschäfte und Parkplätze könnten weiterhin angefahren werden. Anstelle von Fahrradstraßen wünscht sich die CSU ein Einbahnstraßensystem, durch das Fahrstreifen als Radwege ausgewiesen werden könnten. Ein entsprechender Vorschlag der CSU für ein ganzheitliches Konzept wurde im Stadtrat aber schon im vergangenen Jahr abgelehnt.

Entgegen zweier Studien des Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt und des Beratungsunternehmens McKinsey, die jeweils die Veränderung des Mobilitätsverhalten durch Corona untersuchten und bei denen sich das Auto als Gewinner hervortat, ist sich Michael Eisenmann vom Bündnis sicher, dass das Fahrrad in den vergangenen Wochen an Bedeutung gewonnen hat. Deshalb sei jetzt ein guter Zeitpunkt, um Verkehrsprobleme endlich zu lösen. "Überall heißt es derzeit: Wir müssen in die Zukunft investieren. Und das Fahrrad ist die Zukunft." Dem kann Monika Zott, Vorsitzende des Dachauer ADFC nur zustimmen: Sie schätzt, dass auf touristischen Radwegen in letzter Zeit bis zu 60 Prozent mehr Radler unterwegs waren, auch im Alltag habe sie mehr Radfahrer beobachtet. "Es wäre super, wenn wir auf diese Entwicklung aufspringen könnten. Wir müssen gezielt daran arbeiten, dass der Autoverkehr nicht wieder die Oberhand gewinnt und es so wird, wie vor Corona", sagt Zott. Kurzfristige Maßnahmen hält sie jedoch nur für bedingt geeignet: "Etwas Nachhaltiges wäre uns lieber."

© SZ vom 27.05.2020

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