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Verkaufsausstellung:Aufstand gegen die Unsichtbarkeit

Die Künstlervereinigung Dachau hält an ihrer Mitgliederausstellung fest, auch wenn ihr das in diesen Zeiten einige Verrenkungen abverlangt

Von Gregor Schiegl, Dachau

Die Kunst soll nicht von der Bildfläche verschwinden, da war man sich einig in der Künstlervereinigung Dachau (KVD), und so findet trotz widrigster Umstände in diesem Jahr eine Mitgliederausstellung statt. Diesmal ist sie explizit als "Verkaufsausstellung" angekündigt, obwohl die Schau das ja schon immer war. Aber jetzt, wo die zweite Corona-Welle übers Land schwappt, hat die Politik alle Schotten dicht gemacht, damit die Wirtschaft weiter brummen kann, alles andere hat hintanzustehen nach dem Motto: Ist das nur Kunst? Dann kann es ja weg.

Diese Fixierung auf den schnöden Kommerz kann man deprimierend finden oder man nimmt es mit Humor. KVD-Vorstand Florian Marschall spricht von "Geschäftsöffnungszeiten" der Ausstellung, als wäre die KVD-Galerie irgendein Lampenladen. Marschall, dessen Markenzeichen fotorealistisch aussehende Schwarzweißgrafiken sind, die aus irre vielen winzigen schwarzen Pünktchen bestehen, zeigt eine Papprolle im Klopapierhalter, von dem das letzte Blatt hängt. Titel: "Da müssen wir jetzt durch." "Man sollte sein Augenzwinkern nicht verlieren", sagt Marschall. Auch wenn das nicht immer leicht fällt.

Mitgliederausstellung in der Künstlervereinigung Dachau.

(Foto: Toni Heigl)

Den neuen Gegebenheiten folgend hat Heiko Klohn seine ikonische Hommage an Frank Zappa überarbeitet. Während sein Wandgemälde in der Fassung von 2017 von einer Häuserfassade in der polnischen Stadt Oświęcim weiter einen exaltierten Schrei ausstoßen darf, kann man das in Zeiten hochinfektiöser Aerosole so nicht mehr stehen lassen. In Klohns aktueller Zeichnung ist Zappas halbe Gesichtspartie von einer Einwegmaske verdeckt. Hinter dem vordergründigen Gag entfaltet sich, wie so oft bei Klohn, ein ganzes Bündel tief greifender Fragen: Wie kompromissfähig darf oder muss Kunst sein? Wie anschlussfähig an das aktuell geltende Wertesystem müssen unsere alten Helden heutzutage sein? Und natürlich: Wo liegt die richtige Balance zwischen Lebenslust und Risiko? Frank Zappa singt: "There will come a time when you can even take your clothes off when you dance". Das klingt verlockend, aber das mit dem Nackttanzen wird man wohl auch im Jahr 2021 allein daheim aufs Badezimmer beschränken müssen.

Nun darf man auch nicht den Eindruck erwecken, die ganze Ausstellung drehe sich um das leidige Thema Corona, dem ist mitnichten so, aber als Lebenswirklichkeit sickert die Zeit der kollektiven Einsamkeit natürlich auch sublim in die Werke ein, etwa bei der Installation "Ausweg" von Michael Krause. Von einer kleinen LED-Lampe beleuchtet sieht man eine Art Mini-Bühne, auf der ein abgeschlagener tönerner Puppenkopf liegt. Treppen aus Grobspanplatten führen nach oben und nach unten aus der Szenerie. Ein Spiegel erweitert die räumliche Wirkung, sodass die Perspektive entscheidet, ob man tatsächlich einen Fluchtweg sieht oder nur Stufen, die im Nichts enden. Anna Dietze hat sich als Pappständerfigur in engen goldenen Pants mit bunt leuchtenden Augen dupliziert, den Torso bedeckt ein buntes, knuddeliges Gebilde, das aussieht, als habe jemand versucht, eine "vagina dentata" mit den technischen Mitteln einer Plüschtierfabrikation nachzubauen - inklusive der wehrhaften Fangzähne.

Wo es lang geht, weiß man bei Michael Krauses Installation "Ausweg" nicht.

(Foto: Toni Heigl)

Mit einem spielerischen Ansatz widmet sich Alfred Ullrich der Wegwerfgesellschaft. Wortwörtlicher Dreh- und Angelpunkt ist die Erfindung des Rads, "ein Merkmal unserer Zivilisation". Nur dass Ullrich das Thema aus der Warte des 21. Jahrhunderts anpackt. In seiner Assemblage aus plattgefahrenen Aludosen (Bier und Selters), einem bemalten Stück Bleimetall sowie Steinen eines ausrangierten Legespiels für Kinder erschafft er ein Motiv mit Weißblechglubschaugen. "Kuckuck" hat Ullrich das Werk genannt.

Eine zentrale Rolle für die Dramaturgie dieser Ausstellung spielt KVD-Mitglied und Fotograf Wolfgang Feik. Mit seinen 56 Schwarz-Weiß-Fotografien, die beide Enden des Raums bespielen, schafft er eine sowohl ästhetisch wie inhaltlich starke Klammer, für das Sammelsurium aktueller Zeichnungen, Gemälde, Skulpturen, Installationen und das Schmuckstück von Ulrike Kleine-Behnke. Feik interessierte, was seine KVD-Kollegen eigentlich so treiben während des Lockdown, und weil das oberste Gebot Abstandhalten hieß, fotografierte er sie von draußen durch die Tür oder das Fenster im Atelier. Der quadratische Schnitt der Fotos unterstreicht das Ausschnitthafte. "Die meisten Ateliers kannte ich gar nicht", sagt Feik. "Deswegen wusste ich auch gar nicht, was mich erwartet."

Nach langer Zeit ist auch wieder mal ein Werk von Winfried Herbst zu sehen aus seiner Serie "Blau".

(Foto: Toni Heigl)

Diese Offenheit der experimentellen Anordnung dürfte mit dazu beigetragen haben, dass die Aufnahmen so divers, so individuell und auch so nahbar geworden sind. Michael Krause prostet mit dem Weinglas aus dem Fenster, Margot Krottenthaler hält sich lachend Malpinsel über den Kopf wie Pinselohren, Bruno Schachtner steht vor seiner mit Kunst vollgestopften Garage, die Arme verschränkt, und natürlich mit seinen stilprägenden Hosenträgern, während Bildhauerin Gertrude Oehm-Rudert selbst wie eine Skulptur unter Skulpturen würdevoll in ihrem Atelier trohnt.

Was Feik am meisten erstaunt hat, war der große Optimismus, den er bei seinen Kollegen festgestellt hat, obwohl sie doch zu den Hauptleidtragenden der staatlich verordneten Kontaktbeschränkungen gehören: nirgendwo Depression, nirgendwo Verzagtheit. "Alle haben intensiv gearbeitet." Bei der KVD wird das Jahr 2020 jedenfalls wohl nicht als das unproduktivstes ihrer Geschichte in die Annalen eingehen.

Die Fototour von Wolfgang Feik hatte nicht nur zur Folge, dass er zahlreiche alte KVD-Kollegen kennenlernen durfte, die sich schon lange aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatten. Einige meldeten sich auch für diese Ausstellung nach langer Zeit wieder zurück. "Das hat uns einen enormen Zulauf an Arbeiten beschert", freut sich Florian Marschall. Wie viele Künstler diesmal ausstellen, weiß er auf Anhieb selbst nicht. "Aber mehr als 30 bestimmt."

Bei den Vorbereitungen zur Ausstellung ist auch Winfried Herbst dabei. Bilder von ihm hat man schon lange nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen. "Ach, Ausstellungen", sagt er mit einer wegwerfenden Handbewegung. "Das bringt doch nichts!" Was ihn nicht davon abhält, assistiert von seiner Frau, lange herumzuprobieren, welches seiner beiden mitgebrachten Bilder aus der abstrakten Serie "Blau" er nun in der Mitgliederausstellung präsentieren soll. Er entscheidet sich schließlich für das größere und blauere seiner Bilder und zeigt sich sehr erfreut, welche Wirkung es im Wechselspiel mit den Arbeiten der anderen Künstler entfaltet. "Wenn man immer nur allein daheim vor sich hinwerkelt, verliert man ein bisschen den Blick für den Reichtum der Stile", sagt er.

KVD-Mitgliederausstellung in der KVD-Galerie von 4. bis 27. Dezember. Geöffnet ist sie nur Mittwoch bis Samstag von 15 bis 19 Uhr. Genaue Regelungen für einen Besuch gibt es laufend aktuell auf der Website www.kavaude.de.

© SZ vom 03.12.2020
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