Veranstaltung in der KZ-Gedenkstätte Die Pflicht, eigenständig zu denken

Die szenische Lesung beruht auf den Protokollen der Verhöre Elsers durch die Gestapo. Elser wird kurz vor Kriegsende im KZ Dachau erschossen.

(Foto: Toni Heigl)

Mit der szenischen Lesung "Allein gegen Hitler" erinnert eine Gruppe von Musikern und Darstellern an den Widerstandskämpfer Georg Elser und dessen Attentat auf den NS-Diktator

Von Walter Gierlich

"Schorsch, was machsch'?" Diese Frage durchzieht wie ein roter Faden die Veranstaltung in der Dachauer KZ-Gedenkstätte. "Allein gegen Hitler" ist der Titel der szenischen Lesung aus den Verhörprotokollen über das gescheiterte Attentat des schwäbischen Schreiners Georg Elser auf Adolf Hitler am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller, mit dem er die Ausweitung des Krieges verhindern wollte. "Schorsch, was machsch'?" In dieser Frage deuten sich Elsers Motive für seinen Attentatsplan und zugleich seine Verzweiflung an, dass er einsam und allein handeln muss, dass sich außer ihm niemand anders fragt, was zu tun sei. "Schorsch, was machsch'?" ist zugleich der Titel eines Liedes der Gruppe freywolf, mit dem die Musiker die Lesung umrahmen. Chronologisch schildern sie darin Elsers Entwicklung vom Entschluss zur Tat bis zu seiner Ermordung im KZ Dachau am 9. April 1945 schildern, knapp drei Wochen vor der Befreiung des KZ. Die Lesung wurde von der Georg-Elser-Gedenkstätte seiner Heimatstadt Königsbronn konzipiert. Anlass ist der im Herbst bevorstehende 80. Jahrestag des Attentats.

Am Tag, an dem die Lesung stattfindet, jährt sich die Erschießung Georg Elsers durch den SS-Oberscharführer Theodor Bongartz vor dem Krematorium des Konzentrationslagers zum 74. Mal. In ihrer Begrüßung erinnert KZ-Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann daran, dass Elser Jahrzehnte lang keine Anerkennung als Widerstandskämpfer erfuhr. Bis in die Neunzigerjahre hinein. Die Lesung gestalten Klaus-Peter Preußker (Elser), Joachim Ziller (Erzähler) und Engelbert Frey (vernehmender Beamter) aus den 1964 entdeckten Protokollen der Verhöre, die vom 19. bis zum 23. November 1939 stattfanden. Frey ist auch Sänger von freywolf, der von Hartmut Schmitt-Wolf (Gitarre) und Martin Sandel (Saxofon) begleitet wird. Neben dem selbst verfassten "Schorsch, was machsch'?" tragen sie unter anderem auch das unter dem Eindruck der Reichspogromnacht entstandene "S'brennt, Brieder, s'brennt" vor oder die Vertonung des Gedichts von Theodor Kramer "Andre, die das Land so sehr nicht liebten" - emotional und sehr bewegend.

Das Publikum im gut gefüllten Kinosaal der KZ-Gedenkstätte erhält eine Einführung in die historischen Fakten der Entwicklung von 1933 bis 1939 durch die Projektion knapper und umso eindringlicherer Texte an die Leinwand. Nach dieser Einstimmung in den rasanten Abbau der Demokratie betreten die ganz in Schwarz gekleideten Mitwirkenden die Bühne. Joachim Ziller erläutert in einer Einführung, dass Elser nicht nur Hitler, sondern auch Goebbels und Göring töten wollte. Am Abend des 8. November 1939 wurde Elser an der Schweizer Grenze festgenommen - 35 Minuten bevor die Zeitbombe in München um 21.20 Uhr explodierte. Hitler hatte den Saal überraschend bereits 13 Minuten vorher verlassen. Einige Tage später gestand Elser die Tat, er wurde nach Berlin gebracht und gefoltert, blieb aber bei der Aussage, dass er allein gehandelt habe.

Dann beginnt am 19. November das Verhör durch die Kommissare Kappler, Seibold und Schmidt, dessen Protokoll erhalten ist. Elser erzählt von seiner unehelichen Geburt 1903. Die Mutter hat erst ein Jahr später den Kindsvater Ludwig Elser geheiratet, einen Holzhändler und Bauern, und ist mit dem Buben zu ihm nach Königsbronn gezogen. "Während des Krieges war es bei uns etwas knapp", so seine Erinnerung an die Jahre 1914 bis 1918. Mit 14 Jahren beginnt der Bub eine Lehre als Eisendreher, sattelt zwei Jahre später aus gesundheitlichen Gründen um und absolviert eine Schreiner-Ausbildung. 1925 verlässt er Königsbronn, geht nach Konstanz am Bodensee. Er hat wechselnde Freundinnen, darunter Mathilde Niedermann, die einen Sohn von ihm bekommt, den er nach einem halben Jahr nie mehr zu Gesicht bekommt. Elser wechselt häufig die Arbeitgeber in jener wirtschaftlich unruhigen Zeit. 1932 kehrt er nach Königsbronn zurück, hilft der Mutter in der Landwirtschaft, erledigt Gelegenheitsarbeiten als Schreiner und muss machtlos zusehen, wie der Vater, ein Trinker, Schulden aufhäuft und schließlich bis Haus und Hof versäuft.

1936 bis 1939 arbeitet Elser in der Armaturenfabrik Heidenheim, wo er später Pulver abzweigen wird und mitbekommt, wie Zünder montiert werden. "Bis zum Entschluss zu meiner Tat im Herbst 1938 habe ich in der Fabrik weder Teile noch Pulver entwendet", sagte er allerdings in der Vernehmung. Zu den Gründen, warum er die führenden Köpfe des Nazi-Regimes beseitigen wollte, erklärt er: "Die seit 1933 in der Arbeiterschaft von mir beobachtete Unzufriedenheit und der von mir seit Herbst 1938 vermutete unvermeidliche Krieg beschäftigten stets meine Gedankengänge. Ob dies vor oder nach der Septemberkrise 1938 (Münchner Abkommen und Annexion der Sudetengebiete, d. Red.) war, kann ich heute nicht mehr angeben. Ich stellte allein Betrachtungen an, wie man die Verhältnisse der Arbeiterschaft bessern und einen Krieg vermeiden könnte."

Elser fährt 1938 nach München, um Hitlers alljährliche Rede zum 8. November, dem Jahrestag des gescheiterten Putsches von 1923, im Bürgerbräukeller anzuhören. Erstaunt stellt er fest, wie einfach man dort hinein kommt, dass es keine Kontrollen gibt. Im April 1939 begibt er sich noch einmal nach München, um die Säule, in der er seinen Sprengkörper platzieren will, auszumessen. Nach der Rückkehr arbeitet er kurzzeitig in einem Steinbruch, wo er insgesamt 105 Sprengpatronen und 125 Sprengkapseln entwendet. Im August zieht er nach München, bastelt die Bombe und lässt sich in dieser Zeit etwa 35 Mal nachts im Bürgerbräukeller einsperren, um sie in der Säule anzubringen. Oft ist er in dieser Zeit zum Beten in Kirchen gegangen, denn "ich war immer etwas beruhigter, wenn ich gebetet hatte".

Obwohl es auch in dem fünf Tage dauernden Verhör keinen Hinweis gibt, dass Elser Komplizen hatte, wird ihm nicht geglaubt. Man meint damals, er hätte im Auftrag des britischen Geheimdienstes gehandelt. Daher wird er als Sonderhäftling zunächst in Sachsenhausen und dann in Dachau eingesperrt, mit dem Ziel, ihm nach dem Krieg einen Schauprozess zu machen. Doch auf persönlichen Befehl Hitlers wird er am 9. April 1945 ermordet, am selben Tag wie Dietrich Bonhoeffer, Admiral Canaris oder Hans von Dohnanyi.

"Die NS-Führung machte damit deutlich, dass Georg Elser zu ihren bedeutendsten Gegnern gehörte", sagt Joachim Ziller am Ende der fesselnden Inszenierung. Und spannt den Bogen zur Gegenwart: Elser mahne nicht zu Gewalt, sondern an die Verpflichtung zu eigenständigem Denken und zum Mut, sich nicht vor machtbesessenen Menschen zu beugen. Engelbert Frey singt zum Schluss: "Ein Mann ganz allein, fragte er sich, warum fragen sich die anderen nicht: Was machsch'?"