Ungewöhnliche Architektur Dachaus goldenes Dachl

"Goldener Wohnwagen", "Toaster", "Meisterwerk": Das futuristisch anmutende Haus von Spenglermeister Michael Schrodt in der Hermann-Stockmann-Straße wird kontrovers diskutiert.

Von Benjamin Emonts, Dachau

Für manche sieht es aus wie ein Radio, für andere wie ein Toaster oder eine Handtasche ohne Henkel. Selten hat ein Gebäude, wie es neuerdings in Dachau-Süd steht, so amüsante Assoziationen und derart konträre Reaktionen hervorgerufen. Schon im Dachauer Bauausschuss wurde der Gebäudeentwurf im November 2013 scherzhaft als "goldener Wohnwagen" beschrieben - die Stadträte lehnten einen Vorbescheid damals ab. Doch inzwischen steht das ovale Haus mit goldfarbenem Dach und steingrauer Metallfassade. In den sozialen Netzwerken wurde heiß debattiert, wie viel gestalterische Freiheit eine Stadt bei Bauprojekten gestatten sollte. Die unzähligen Reaktionen der Dachauer reichten von "Denkmal der Geschmacklosigkeit" über "Schandfleck" bis hin zu "Meisterwerk".

An der Extravaganz scheiden sich die Geister

Der Weg zu dem futuristisch anmutenden Haus führt über die Hermann-Stockmann-Straße vorbei an alten Künstlervillen, klassischen Aussiedlerwohnungen der Nachkriegszeit, Fachwerkbauten, Alpenlandbalkonen und puristischen Flachbauten. Das Haus, über das nun alle sprechen, steht schließlich rechter Hand an der Kreuzung mit der Eduard-Ziegler-Straße, unmittelbar neben einem gewöhnlichen Wohnhaus. Im dazugehörigen Garten - seine Oma hat hier einst Obstbäume gepflanzt - hat der Spenglermeister Michael Schrodt aus Markt Indersdorf ein architektonisches Kunstwerk geschaffen. An dessen Extravaganz scheiden sich nun die Dachauer Geister.

Der Rohbau des Hauses besteht aus massiven Betonblöcken, die Schrodt selbst gefertigt und später wie Lego-Teile zusammengebaut hat. Die Außenfassade ist ausschließlich aus grauen und goldenen Metallen gefertigt. Für den 33-jährigen Schrodt ist das Gebäude ein Prestigeobjekt. "Wir wollten zeigen, wozu ein kleiner Betrieb imstande ist", sagt er. "Wir wollen Werbung in eigener Sache machen." An den fantasievollen, humorigen Assoziationen, welche die Dachauer im Netz mit dem Haus verbinden, will sich Schrodt "bei allem Verständnis" nicht beteiligen. Er sagt nur: "Es ist ein Projekt, in das ich viel Herzblut gesteckt habe."

100 Meter hoher Goldturm

Der Spenglermeister in fünfter Generation verfolgt eine klare Vision mit seinem modernen Bau. Kunst ist dem jungen Mann offensichtlich nicht fremd. Als Hobby-Fotograf bereiste er mehrmals die Südhalbkugel und lichtete die unberührte Natur der Arktis und Antarktis ab. Nach einer Lehre im Betrieb seines Vaters arbeitete er eineinhalb Jahre in Sydney, Australien. In dieser Zeit baute er an hochmodernen Prunkbauten wie einem 100 Meter hohen Goldturm. Arbeiten wie diese waren sein Zugang zu moderner Architektur mit zukunftsweisenden Bautechniken und Materialien, die in Mitteleuropa bis heute nicht sonderlich populär sind. Sein Betrieb hat sich vor Jahren auf Metalldächer, Metallfassaden und Foliendächer spezialisiert. Das umfassende Fachwissen, das er sich angeeignet hat, ließ er nun in sein Projekt in der Hermann-Stockmann-Straße, Hausnummer 58, einfließen.

Dabei sah es lange so aus, als würde sein Traum platzen. Bereits Ende 2013 hatte Schrodt mit der Indersdorfer Architektin Susanne Seemüller die Pläne für das aus zwei Doppelhaushälften bestehende Gebäude entwickelt. Die Entwürfe brachte er als "Testballon" in den Dachauer Bauausschuss, von dem er sich einen Bauvorbescheid erbat. Die Sitzung des Gremiums, so erinnert sich Schrodt, "war großes Kino, ein Politikum". Die CSU-Mitglieder, welche die Mehrheit im Bauausschuss bildeten, hätten es gar als Beleidigung empfunden, über ein derart extravagantes Bauprojekt abzustimmen. CSU-Stadtrat August Haas fasste die Vorbehalte damals so zusammen: "In einem schnuckeligen Wohngebiet so etwas einzubauen, das ist eine Provokation."

"Das Design ist kein Grund für eine Ablehnung"

Schrodts Bauvorbescheid wurde abgelehnt, sein Testballon platzte. Doch einfach so wollte er die Entscheidung nicht hinnehmen. Zu seiner Überraschung erhielt Schrodt einen Anruf des Dachauer Bauamts. Es wurde ihm mitgeteilt, dass der Bauausschuss keine rechtliche Handhabe besitze, um die Genehmigung zu verwehren. Schrodt legte nach. Er sah sich die Bebauung in Dachau-Süd genauer an und stellte fest, dass vielfältigste Bauweisen und Gebäude das Stadtbild dort prägen. Seine Erkenntnisse dokumentierte er in einer Broschüre, die er dem damaligen CSU-Oberbürgermeister Peter Bürgel und den Stadträten aushändigte.

In einer zweiten Abstimmung genehmigte der Dachauer Bauausschuss das Projekt mit deutlicher Mehrheit. Rechtlich betrachtet waren dem Gremium die Hände gebunden. Denn der Bauabschnitt, auf dem sich das Haus befindet, wird nach Paragraf 34 des Baugesetzbuchs behandelt. Baurechtliche Kommentare legen nahe, dass demnach ausschließlich das Volumen und nicht das Aussehen eines Baukörpers dafür ausschlaggebend ist, ob ein Gebäude genehmigt werden darf oder nicht. Da die Abstandsflächen und das vorgegebene Volumen in den Planungen eingehalten wurden, sah sich Schrodt auf der sicheren Seite. "Das Design ist kein Grund für eine Ablehnung, diverse Urteile bestätigen das immer wieder", sagt er. "Wenn ich keine Genehmigung bekommen hätte, dann hätte ich Klage eingereicht. Das hätte mich zwar ein, zwei Jahre gekostet, aber die Stadt hätte verloren."

Freche Fragen

Auf Facebook muss sich Schrodt nun Fragen gefallen lassen, ob die Architektin unter berauschenden Substanzen gestanden habe oder die Genehmigung erkauft worden sei. Freche Fragen. Schrodt antwortet nüchtern und beschreibt die Vorzüge seines Hauses. Eine Metallfassade, so schreibt er, sei nachhaltig, biete Schutz vor tierischen Eindringlingen, sei wetterresistent und müsse jahrzehntelang nicht überarbeitet werden - "und die Materialien sind zu 80 Prozent recycelbar". Die wortreiche Debatte im Netz scheint Michael Schrodt zu gefallen. Eine bessere Werbung für sein kleines Unternehmen hätte er sich nicht wünschen können.