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Umwelt:"Es gibt immer weniger Flächen für Vögel"

Der LBV-Kreisvorsitzende Cyrus Mahmoudi ist alarmiert. Zwar gibt es viele, die sich bei den Zählungen engagieren, aber der Lebensraum der Tiere im Landkreis Dachau ist noch schlechter geworden

Interview von Emily Strunk

DachauDie Kreisgruppe Dachau des Landesbunds für Vogelschutz (LBV) setzt sich aktiv für den Schutz von Arten und deren Lebensräumen ein. Teil davon ist die landesweite Mitmachaktion "Die Stunde der Gartenvögel", die dieses Frühjahr alle bisherigen Teilnehmerrekorde gebrochen hat - auch in Dachau. Eine Stunde lang haben Naturfreunde die Vögel in ihrem Garten gezählt und die Zahlen anschließend dem LBV übermittelt. Cyrus Mahmoudi ist Vorsitzender der LBV-Kreisgruppe Dachau. Die Süddeutsche Zeitung sprach mit ihm über die Hintergründe der Langzeitstudie und die Herausforderungen, denen sich der LBV Dachau in Zeiten der Corona-Krise stellen muss.

SZ: Glauben Sie, die verstärkte Teilnahme an der Aktion hängt mit den Anfang Mai noch geltenden Kontaktbeschränkungen zusammen?

Mahmoudi: Es ist mit Sicherheit ein Teilaspekt. Als Hauptgrund sehe ich aber das gestiegene Interesse und das erweiterte Bewusstsein der Menschen in puncto Naturschutz. Diese Entwicklung hat sich gerade in den letzten Jahren nachhaltig bestätigt. Wir konnten das an einem deutlichen Anstieg der Mitgliederzahlen beim LBV Dachau erkennen, die sich in den vergangenen zwei Jahren mehr als verdoppelt haben.

Warum ist die jährliche Zählung der Gartenvögel überhaupt von Bedeutung?

Sie hat eine sehr hohe Bedeutung in der Fläche, also deutschlandweit und europaweit. Durch die Masse an Daten, die uns die Teilnehmer übermitteln, können wir bestimmte Trends ermitteln. Außerdem sieht man Entwicklungen bei der Vogelwanderung und wir können Bestände über längere Zeiträume in einzelnen Flächen und Regionen ermitteln. Nur so sind wir in der Lage, fundierte Aussagen zu treffen.

Frühling in Niedersachsen

Gartenvögel, wie auch die Blaumeise einer ist, werden seit Jahren weniger häufig gesichtet - bundesweit, aber auch im Landkreis Dachau.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Und was sagen Ihnen die Ergebnisse der Zählung in Dachau?

Das zu bewerten, ist schwierig, da die Vogelbestände oft überregionalen Einflüssen unterliegen, wie beispielsweise Großwetterlagen oder klimatischen Veränderungen des europäischen, afrikanischen oder auch kontinentalen Raums. So ist beispielsweise die große Zahl der aus dem Baltikum und Skandinavien eingewanderten Eichelhäher im Jahr 2019 und 2020 auf eine ergiebige Eichelernte, eine so genannte Eichelmast, und damit auf ein verstärktes Nahrungsangebot zurückzuführen, welches zur Vermehrung und Verbreitung dieser Vogelart führte. Aus den Ergebnissen der Zählung im Landkreis Dachau lässt sich allerdings ableiten, dass die Gartenvögel in ihren Beständen erneut abgenommen haben.

Gibt es dafür einen konkreten Auslöser?

Hier spielen mehrere Faktoren eine Rolle, wie beispielsweise die stetige Verschlechterung der Biotopstrukturen für Gartenvögel. Gerade in Stadtregionen gibt es immer weniger Flächen für Vögel, da hier unter anderem immer häufiger auf neumodische Vorgärten aus Kies gesetzt wird. Daraus resultiert nicht nur eine Einschränkung des Lebensraums der Gartenvögel, auch ein Großteil des Nahrungsangebots wie zum Beispiel Grassamen oder die Insektenvielfalt gehen verloren.

Welche Einschränkungen haben sich für den LBV Dachau durch die Corona-Krise ergeben?

Am stärksten hat uns die Corona-Krise im Spendenbereich getroffen. Dort hat der LBV bayernweit bereits 500 000 Euro Einbußen verzeichnen müssen. Das Geld fehlt jetzt aktiv im Naturschutz, zum Beispiel zum Ankauf von Grundstücken oder der Unterstützung von geplanten Aktionen, aber auch bei der Ausstattung der Kreisgruppen. Eine derart enorme Summe kann man nicht so einfach kompensieren.

Cyrus Mahmoudi ist der Vorsitzende der LBV-Kreisgruppe Dachau, die sich für den Schutz von Vögeln und deren Lebensraum einsetzt.

(Foto: Lbv Dachau/dpa)

Gab es darüber hinaus weitere Einschränkungen?

Ja, leider schon. Wir mussten natürlich erst einmal alle Veranstaltungen einstellen. Das war für uns sehr problematisch, da unsere Community für gewöhnlich von einem ständigen Austausch, zum Beispiel bei den Vortragsabenden im hiesigen "Gasthaus Drei Rosen" lebt. Auch die aktiven Arbeitseinsätze konnten nicht mehr in Gruppen ausgeführt werden, weshalb beispielsweise die Nistkastenbetreuung von Familien oder Einzelpersonen übernommen wurde. Das war eine große Hilfe.

Wie ist die Lage jetzt?

Mit den aktuellen Lockerungen können wir die Einsätze jetzt wieder in größeren Gruppen machen. Das ist für die Frühjahrsbiotoppflege absolut notwendig, nur so können wir die Flächen weiterentwickeln.

Haben Sie in der Zwischenzeit alternative Konzepte entwickelt, sollte es erneut zum Lockdown kommen?

Wir arbeiten momentan daran. Es gibt bereits einige Onlineangebote, wie Vorträge und Seminare. Die digitale Präsenz des LBV wird von uns gerade stark ausgebaut, was natürlich ein Learning aus der Corona-Situation im Frühjahr war. Dadurch können wir unsere Inhalte, auch in Zeiten der Distanz besser transportieren und die Möglichkeiten für die Teilnahme an virtuelle Aktionen ausweiten. Der Stellenwert des Naturschutzes in unserer Gesellschaft muss weiter steigen und darf nicht durch die Corona-Krise sinken.

© SZ vom 01.07.2020

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