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Sexuelle Gewalt:Prävention statt Reaktion

Bislang ist kein Fall sexueller Gewalt beim TSV Eintracht Karlsfeld bekannt. Trotzdem möchte Vereinspräsident Rüdiger Meyer für den Ernstfall vorbereitet sein und kooperiert nun mit dem Weißen Ring. Über ein Pilotprojekt

Mal ein beabsichtigter Griff an den Po, scheinbar beiläufige Berührungen oder auch Bemerkungen über die wachsenden Brüste eines jungen Mädchens - sexuelle Gewalt hat viele Facetten. Nicht immer ist sie so massiv wie bei dem Kindesmissbrauch in einer Münsteraner Gartenlaube, wo sich vier Männer an zwei Jungen auf schlimmste Art vergangen haben sollen. Doch sexuelle Gewalt verstört - und sie wirft immer wieder die Frage auf: Wie konnte das passieren?

Dabei bleiben die meisten Fälle auch nach wie vor unentdeckt. Rüdiger Meyer, der Präsident des TSV Eintracht Karlsfeld, macht sich schon lange Gedanken darüber. "Ein Sportverein ist ein idealer Ort für Täter", sagt er. Und der Verein hat immerhin knapp 1800 Kinder und Jugendliche. Noch ist kein Fall von sexueller Gewalt bekannt, betont er. "Ich hoffe, es kommt auch keiner, aber ich habe immer ein schlechtes Gefühl", gesteht der Präsident. Er mag sich den Ernstfall gar nicht ausmalen, aber er tut alles dafür, um gewappnet zu sein und Hilfe anbieten zu können, wenn es nötig ist. Deshalb will er jetzt mit dem Weißen Ring kooperieren. Der Verein kümmert sich um die Opfer von Straftaten. Es ist ein Pilotprojekt.

Weißer Ring zu mehr häuslicher Gewalt in Corona-Zeiten

Sexuelle Gewalt hat viele Gesichter. Gerade, wenn Kinder betroffen sind, stellt sich für die Verantwortlichen im Nachhinein häufig die Frage, wie es so weit kommen konnte.

(Foto: Jan-Philipp Strobel/dpa)

Am Dienstag, 30. Juni, soll der Vertrag zwischen beiden Vereinen unterzeichnet werden. Es ist ein Meilenstein. Vor etwa einem halben Jahr haben sich die Gespräche angebahnt. Inzwischen haben Landesvorsitzender und Bundesgeschäftsführerin der Helferorganisation ihr Placet gegeben. Beide Seiten versprechen sich viel von der Kooperation.

"Ich finde es toll, was der Sportverein von sich aus macht", sagt Wolfgang Bössenroth. Er ist der Vorsitzende des Weißen Rings in Dachau. Kaum ein anderer Sportverein geht so offen mit dem Thema sexuelle Gewalt um. Meist wird darüber eher geschwiegen. Rüdiger Meyer war jedoch von Anfang an elektrisiert. "Vor sechs Jahren habe ich einen Vortrag vom BLSV (Bayerischer Landessportverband) gehört, in dem drastisch geschildert wurde, wie Kinder missbraucht werden", erzählt der Präsident. Daraufhin setzte er sich für eine Satzungsänderung ein. Seit 2015 ist nun festgeschrieben: "Der Verein verurteilt jegliche Form von Gewalt, unabhängig davon, ob sie körperlicher, seelischer oder sexualisierter Art ist." Wer dagegen verstößt, kann sofort aus dem Verein geschmissen werden, erklärt Meyer. Doch bislang ist das nicht passiert. Der Präsident organisierte zudem Schulungsvorträge für Übungsleiter sowie Kinder und Jugendliche. Jeder, der mit Minderjährigen arbeitet, muss ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. "Diese Regel hatten wir schon, bevor das Landratsamt dies verlangte", betont Meyer. "Und ich kontrolliere das alle fünf Jahre." Außerdem gibt es inzwischen einen Verhaltenskodex, den jeder bekommt, der dem Verein beitritt und eine Selbstverpflichtung für Übungsleiter, die sie unterschreiben müssen. Danach sollen diese darauf achten, dass Jugendlichen nichts geschieht und dass sie sofort einschreiten, wenn etwas nicht in Ordnung ist.

Zur Strategie gegen sexuelle Gewalt gehört auch, dass der Verein nun zwei Vertrauenspersonen hat, an die sich die Opfer wenden können, aber auch Leute, die etwas beobachtet haben. Es sind Steffi Kahnt und Albrecht Hauger, zwei Grundschullehrer. Ihre Telefonnummern hängen überall im Verein aus. All das seien Empfehlungen der Bayerischen Sportjugend gewesen, erklärt Meyer.

Der letzte Schritt auf dem Weg zum optimalen Schutz sei nun die Kooperation mit dem Weißen Ring, erklärt Rüdiger Meyer. "Und es ist ein wesentlicher Baustein, denn beim Weißen Ring sind Fachleute, die uns bei der Sachverhaltsaufklärung helfen können und die Opfer professionell beraten." Warum sich der TSV ausgerechnet an den Weißen Ring gewendet hat, nicht etwa ans Jugendamt, liegt wohl daran, dass einige Vereinsmitglieder in beiden Organisationen sind und die Kontakte zu Wolfgang Bössenroth hergestellt haben. Nach ersten Gesprächen fühlte sich Meyer gut aufgehoben. Er ist sich sicher, dass der Weiße Ring im Fall eines Falles moderat vorgehen und nicht sofort zur Polizei rennen würde. "Schließlich gibt es ja auch noch die Möglichkeit, dass ein Kind oder Jugendlicher nur dem Trainer an den Karren fahren will und deshalb eine falsche Behauptung aufstellt", so Meyer. Er verspricht sich von den professionellen Helfern, dass sie ausloten können, wie der Fall liegt - auch wenn das schwierig ist. "Wir wollen nicht, dass das Leben von jemandem zerstört wird wegen eines falschen Verdachts."

Vereinspräsident Rüdiger Meyer macht sich schon lange Gedanken über das Thema.

(Foto: Toni Heigl)

Jedes Jahr kümmert sich der Weiße Ring Dachau um 70 bis 90 Opfer von Straftaten. "Ein Drittel kommen wegen häuslicher Gewalt, ein Drittel wegen sexueller Gewalt, aber es sind nicht nur Kinder", erklärt der Vorsitzende Wolfgang Bössenroth. Der Rest sei Opfer von Einbrüchen, Überfällen oder Morddrohungen geworden. Gerade bei sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche sei die Dunkelziffer enorm hoch, so Bössenroth. Das vermutet auch Meyer. Er glaubt nicht, dass bei einem Verein mit knapp 4000 Mitgliedern - dem größten im Landkreis - in 70 Jahren kein einziger Fall von sexuellem Missbrauch stattgefunden habe. "Nur etwa zehn Prozent, höchstens 15 werden bekannt", so der Chef des Weißen Rings. "Die Täter sind immer Leute, zu denen die Kinder Vertrauen haben. Meist erzählen sie: ,Das ist unser großes Geheimnis.' Und die Kinder neigen dazu, das ernst zu nehmen." Dass etwas nicht stimmt, könne man nur am Verhalten merken, aber vielen Eltern falle nichts auf, andere glaubten ihren Kindern nicht, wenn sie sich ihnen anvertrauen, oft weil sie es nicht wahrhaben wollten.

Die Kooperation soll jedoch nicht nur so aussehen, dass der Weiße Ring erst einschreitet, wenn etwas passiert ist. Der Verein will vielmehr aufklären, den Kindern und Jugendlichen Mut machen, sich zu melden, wenn etwas nicht passt. "Viele schämen sich", weiß Bössenroth. So ist etwa die Vorstellung eines Theaterstücks mit Marionetten geplant, das den Kindern klar machen soll, wie sie sich wehren können oder wie sie mit der Situation umgehen können. Das Stück hat den vielsagenden Titel "Pfoten weg".

Der weisse Ring

Wolfgang Bössenroth freut sich über die Initiative des Vereins.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Zudem sind Vorträge geplant, die auch Übungsleiter sensibilisieren sollen. Einerseits, dass sie nicht allein mit einem Kind im geschlossen Raum bleiben, etwa um zu üben und sich so verdächtig zu machen. Andererseits sollen sie, wenn sie bemerken, dass das Kind in gewissen Situationen auffallend reagiert, sich zum Beispiel an den Weißen Ring wenden können. Sexuelle Gewalt ist ja keineswegs nur auf den Sportverein begrenzt, sondern kann auch im familiären Umfeld stattfinden. Im Ernstfall berät der Verein Eltern und Kinder, vermittelt Psychologen, hilft beim Formulieren einer Anzeige. "Das muss juristisch sauber sein, damit was dabei rauskommt", sagt Bössenroth. Oder begleitet auch die Betroffenen zur Polizei.

Der Landesvorsitzende Bayern Süd, Manfred Hofmann, begrüßt die Kooperation. "Wir sind die Türöffner", sagt er, "die Lotsen durch das System". Das Schlimmste sei es, "nichts zu tun, denn die Täter hören nicht auf, und meist sind es auch keine Einzeltäter". Wenn die Vertreter des Weißen Rings im Sportverein bekannt seien, schaffe das Vertrauen, sagt er. Für manch einen kann das den Ausschlag geben, sich an die erfahrenen Helfer zu wenden. Bössenroth will demnächst auch auf die Dachauer Sportvereine zugehen. Vielleicht kann sich ja auch dort eine Kooperation anbahnen.

© SZ vom 23.06.2020

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