Trauerfeier Ein Anwalt für historische Gerechtigkeit

Angehörige, Freunde und Weggefährten nehmen Abschied von Historiker Jürgen Zarusky. Sein größtes Vermächtnis: Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus

Von Robert Stocker, Dachau

Angehörige, Freunde und Weggefährten aus Wissenschaft und Politik haben am Freitag im Dachauer Waldfriedhof Abschied von Jürgen Zarusky genommen. Der promovierte Historiker galt als ausgewiesener Experte für die Geschichte des Nationalsozialismus und des Konzentrationslagers Dachau. Er trug dazu bei, die Stadt zu einem Gedenk- und Erinnerungsort zu machen und setzte sich für eine internationale Jugendbegegnungsstätte ein. "Seine große Stärke war seine Fähigkeit, das Leid der Opfer von politischer Verfolgung und Gewalt zu spüren", sagte Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) bei der Trauerfeier in der Aussegnungshalle des Waldfriedhofs. Zarusky war am vergangenen Montag nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben. Er wurde nur 60 Jahre alt.

Die Besucher der Trauerfeier zogen zu Jürgen Zaruskys Grab, das neben einem Gräberfeld mit NS-Opfern liegt.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Jürgen Zarusky stammte aus Miesbach und ließ sich Anfang der Achtziger Jahre in Dachau nieder. An der Ludwig-Maximilians-Universität studierte er Geschichte, Sozialkunde und Literaturwissenschaft. Nebenbei arbeitete er von 1984 an als freier Journalist für die Dachauer Landkreisausgabe der Süddeutschen Zeitung. Zarusky war aber nicht nur ein Experte für den Nationalsozialismus, sondern auch für die Geschichte der Sowjetunion. 1990 schloss er sein Promotionsstudium mit einer Doktorarbeit über "Die deutschen Sozialdemokraten und das sowjetische Modell 1917-1933" ab. Der Stalinismus und die deutsch-sowjetischen Beziehungen wurden für ihn ein weiterer Forschungsschwerpunkt im Institut für Zeitgeschichte, in dem er von 1990 an als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig war. Zarusky habe das Institut in drei Jahrzehnten maßgeblich mitgestaltet und mitgeprägt, betonte Direktor Andreas Wirsching. "Er war ein unbestechlicher Anwalt für die historische Gerechtigkeit." Zarusky reiße eine tiefe Lücke in das Institut. Er fungierte als Chefredakteur der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, eines bedeutenden zeitgeschichtlichen Periodikums in Deutschland. Zudem wurde Jürgen Zarusky Mitglied der deutsch-russischen Historikerkommission. Im Oktober 2018 übernahm er die wissenschaftliche Leitung des 18. Symposiums zur Zeitgeschichte, bei dem es um den Vernichtungskrieg der deutschen Wehrmacht gegen die Sowjetunion ging. Auch Referenten aus Russland und der Ukraine nahmen teil. Zarusky habe viele Kontakte in Russland gehabt und sei ein ausgewiesener Kenner der Geschichte des Landes gewesen, sagte ein russischer Historiker, der mit seinem Dachauer Kollegen eng befreundet war. Man sollte, so der Historiker, die Werke Zaruskys in einem Sammelband publizieren. In deutscher und in russischer Sprache.

Die Trauerfeier fand in der Aussegnungshalle des Waldfriedhofs statt.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Als Vorstandsmitglied des Fördervereins kämpfte Jürgen Zarusky in Dachau für eine internationale Jugendbegegnungsstätte. Der Historiker engagierte sich auch für die Neugestaltung der Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte. Das Gedenken an den Dachauer Aufstand vom 28. April 1945 lag ihm besonders am Herzen. Zum 70. Jahrestag organisierte er 2015 mit der Stadt eine Ausstellung. Sie erinnerte an Dachauer Bürger, die aus Verantwortung für die Stadt und für die Häftlinge im Lager ihr Leben riskiert oder verloren haben. Der Dachauer Aufstand müsse ein Fixpunkt der Erinnerungskultur sein, sagte der Historiker bei der Eröffnung der Schau. Sein plötzlicher Tod reiße eine unfassbare Lücke, sagte Oberbürgermeister Florian Hartmann bei der Trauerfeier. Die Stadt werde Jürgen Zaruskys Vermächtnis in ehrendem Andenken bewahren. Sein Bedürfnis nach historischer Gerechtigkeit habe sich immer wieder artikuliert. So habe er sich im Streit um die Gettorenten für die Rechte der Überlebenden stark gemacht und Richter Jan-Robert von Renesse unterstützt, der 2017 den Dachau-Preis für Zivilcourage erhielt.

Oberbürgermeister Florian Hartmann würdigte die Verdienste des verstorbenen Historikers.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Jürgen Zarusky wurde auf eigenen Wunsch neben dem Gräberfeld mit NS-Opfern beigesetzt.