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Tradition bewahrt:Bürger übernehmen Gasthaus Gschwendtner

Georg Fischer, der das Eisenhofener Wirtshaus einstmals führte, fiel am Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Familie Gschwendtner übernahm das Gasthaus 1980 und hat es seit 2005 verpachtet.

(Foto: Toni Heigl)

Erdweg verpachtet das Gasthaus in Eisenhofen für 30 Jahre an die Dorfbewohner. Es soll Treffpunkt für sämtliche Vereine im Ort werden.

Von Benjamin Emonts, Erdweg

Durch das Wirtshaussterben geht in vielen Dörfern Bayerns unwiederbringlich ein Stück bajuwarischer Kultur und Tradition verloren. Die Zeiten, in denen noch jede kleine Ortschaft ein eigenes Wirtshaus hatte, sind längst passé. Die sozialen Treffpunkte für Dorfbewohner und Vereine werden zusehends weniger. Die Stammtische, an denen früher bis spät abends gekartelt wurde, sterben langsam aber sicher aus. Die Gemeinde Erdweg setzte Ende 2016 aber ein Zeichen gegen den unaufhaltsamen Trend. Sie kaufte im Ortsteil Eisenhofen das Gasthaus Gschwendtner samt Anwesen für rund 380 000 Euro. Schon bald soll es den Bürgern übergegeben werden. Dem Konzept, das sie für die Nutzung des Anwesens erarbeitet haben, stimmte der Gemeinderat kürzlich geschlossen zu.

Die Angst, dass das traditionsreiche Haus in die Hände eines auswärtigen Investors fallen könnte, ist gebannt, seit die Gemeinde Ende vergangenen Jahres den Kauf des Gschwendtner-Anwesens öffentlich verkündet hat. Das Gasthaus wurde im Jahr 1903 vom ehemaligen Bürgermeister Georg Neuhäusler erbaut, dem Vater des bekannten Bischofs und Widerstandskämpfers im Nationalsozialismus Johannes Neuhäusler. Es ist bis heute der Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens von Eisenhofen. Heimatliebende Bürger hatten bei der Gemeinde sofort Alarm geschlagen, als sie erfuhren, dass das Anwesen verkauft werden sollte. Sie befürchteten, dass irgendein Baulöwe Wohnungen in ihrem Wirtshaus platzieren könnte, wie es in München und dem dazugehörigen Ballungsraum inzwischen üblich ist. Es gehe überall nur noch um die Rendite, klagen sie. Die Gemeinde Erdweg aber ließ sich von den Bürgern überzeugen und kaufte das Anwesen. Altbürgermeister Michael Reindl, der in Eisenhofen lebt, lobte auf der jüngsten Bürgerversammlung: "Die Gemeinde hat gesellschaftspolitische Verantwortung übernommen."

Geplant ist, das Gebäude samt Hof und Stadel zunächst 30 Jahre umsonst an einen Verein aus Dorfbewohnern zu verpachten, der das Anwesen unterhält. Ein bereits bestehender gemeinnütziger Verein, den der Eisenhofener Burschenverein für ein Fest einst gegründet hat, soll nun eine neue Satzung und einen neuen Vorstand bekommen, der die entsprechenden Verträge mit der Gemeinde abschließt.

Förderung der Kultur und des traditionellen Brauchtums

Der Verein wird das Wirtshaus weiterhin an den jetzigen Wirt Josef Attenberger aus Kleinberghofen verpachten. Die Gemeinde wiederum stellt an die Bürger die Bedingung, auf dem Anwesen gemeindliche Aufgaben zu übernehmen. Dazu zählen "die Förderung der Kultur und des traditionellen Brauchtums, die Heimatpflege sowie die Unterstützung der örtlichen Vereine insbesondere in der Jugend- und Seniorenarbeit", so heißt es auf einem Papier der Gemeinde.

Einen Nutzungsplan haben Vertreter der Eisenhofener Vereine gemeinsam ausgearbeitet. Der Stadel im Hof soll demnach renoviert und ausgebaut werden. Den Vereinen im Dorf soll er als Lagerstätte etwa für Biertischgarnituren, Bühnenteile oder Kühlwagen dienen. Der Verein Heimatgeschichte Eisenhofen will sich im Stadel ein eigenes Archiv einrichten, das später frei zugänglich sein soll. Das Dorffest und das alljährliche Maibaumaufstellen am 1. Mai werden wie gehabt auf dem Vorplatz des Gasthauses veranstaltet. "Wir wollen dieses Brauchtum erhalten", sagt Josef Arzberger, der Vorsitzende des Vereins Heimatgeschichte Eisenhofen.

Umbauten im Gasthaus nicht geplant. Neben der Wirtsstube dient insbesondere der große Saal im ersten Stock als sozialer Treffpunkt für die Dorfbewohner und Vereine. Die Eisenhofener Blaskapelle und Schuhplattler sollen in dem Saal üben können. Die Vereine halten dort ihre Versammlungen und Veranstaltungen wie Seniorennachmittage, Starkbierfeste, Theater-Aufführungen oder Weihnachtsfeiern mit den obligatorischen Christbaum-Versteigerungen ab. Die Kommunalpolitiker stimmten den Plänen bereitwillig zu. In der Gemeinde Erdweg scheint die Welt an manchen Stellen noch in Ordnung. Ein uriges Platzerl, an dem man noch Brotzeit und Bier bekommt, findet man noch relativ leicht. Im Nachbarort Erdweg haben die Bürger zuletzt eine denkmalgeschützte Tafernwirtschaft saniert, die im Jahr 1468 erstmals schriftlich erwähnt wurde.

© SZ vom 05.04.2017/gsl

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