Um 17.45 Uhr füllen sich die Holzbänke vor der Bronzeplastik an der Theodor-Heuss-Straße, während der Gedenkfeier lauschen sogar vom Balkon des Nachbarhauses aus Menschen. Am Samstag haben sich Personen aller Altersgruppen versammelt, von Jugendlichen bis Seniorinnen und Senioren. Unter ihnen sitzen fünf Zeitzeugen: Erich Finsches, Abba Naor, Ernst Grube, Jean Lafaurie und Lynn Farbman, zu der Menge spricht allerdings nur Naor. Wenn er jungen Menschen eine Sache mitgeben könnte, dann „würde [ich] den Menschen sagen, Mensch zu sein. Ich denke, das reicht.“
Ebenfalls anwesend sind Delegationen der Dachauer Partnerstädte Fondi und Léognang, sowie Vertretungen von Stadt, Kreis und Land und dem Comité International de Dachau. Die Gedenkfeier veranstaltet die Dachauer Initiative Mahnmal Todesmarsch gemeinsam mit der Stadt Dachau bereits zum 21. Mal. Zwischen den Reden spielen Florian Ewald und Zarko Mrdjanov auf Klarinette und Gitarre.
„Ich bin noch immer da“
Abba Naor, Überlebender des grausamen Gewaltmarsches vor 80 Jahren, tritt im grauen Anzug langsam ans Mikrofon. „Ich bin noch immer da“, sagt der 97-Jährige. Mit fester Stimme erzählt Naor von dem Marsch, den er „Tag für Tag, mit Schlägen, mit Hunger, mit Kälte und mit Leichen“ gegangen war. Naor war damals 17 Jahre alt, dass er überlebte, sei reiner Zufall gewesen, sagt er. Die Bronze-Statue, vor der er steht, erinnert seit 2001 mit an die Gewaltmärsche und ist heute von zwei Kränzen geziert, die vor den Reden dort abgelegt wurden.
Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) trägt mit den Delegationen der Partnerstädte den ersten Kranz zum Mahnmal. In seiner anschließenden Rede verknüpft er die historischen Geschehnisse mit der Gegenwart und verweist auf die Bedeutung von Toleranz, Solidarität und Demokratie. Er erinnert die Zuschauenden, dass sie heute des „Endpunktes“ des grausamen Nazi-Regimes gedenken. „Zu diesem Endpunkt gehört aber auch ein Anfang.“ Hartmann warnt, achtsam zu bleiben, vor allem für die Anfänge, die von Teilen der Gesellschaft oft ignoriert würden.



Der „Endpunkt“, dessen am Samstag gedacht wurde, geschah nur wenige Wochen vor Kriegsende. Die Nationalsozialisten zwangen viele tausende Häftlinge, die „Todesmärsche“ anzutreten. Oft bei Nacht, um den Flugzeugen der Alliierten zu entgehen, trieben Mitglieder der SS die Häftlinge durch Straßen und Orte, viele waren alt, krankt und ausgehungert. Diejenigen, die nicht weitergehen konnten, ermordeten die SS-Soldaten, sie hetzten Hunde auf die Menschen, erschlugen oder erschossen sie.
Auch Abba Naor richtet einen Appell an seine „Freunde hier“: „Sorgt dafür, dass Deutschland bleibt, wie es ist [und] dass die Juden in Deutschland frei leben.“ Naors Rede ist überraschenderweise allen Anscheins nach ein Abschied von den Zuhörenden. Der Zeitzeuge war bislang fester Bestandteil der Gedenkfeier zum Todesmarsch, heute aber sagt er: „Schade. Schade, dass ich aufhören muss.“ Ganz abgeschlossen scheint Naor allerdings noch nicht zu haben, er will das nächste Jahr auf sich zukommen lassen: „Man soll niemals Nein sagen. Mal sehen.“
Eine weitere Überraschung bringen zwei ungeplante Sprechbeiträge. George Hope, Sohn des ukrainischen KZ-Dachau-Überlebenden Nick Hope, richtet die Stimme spontan an das Publikum. Er spricht anstelle seines Vaters, den er im März verloren hat. George Hope hofft auf mehr Bewusstsein und eine anhaltende Erinnerung. „Ich bin entschlossen [diese Geschichte] bis ans Ende zu teilen“, sagt er. Ebenso kurzfristig tritt US-Abgeordnete Amata Radewagen vor die Menge: „Die ganze Erfahrung war sehr tiefgreifend und bewegend“, sagt sie über ihre Zeit in Dachau, in der sie die Todesmarsch-Strecke besichtigte.
„Beim Anblick der Häftlinge sagten viele: unmöglich!“
Andrzej Kacorzyk, stellvertretender Direktor des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau, erzählt über den tödlichen Weg von dem Lagerkomplex Auschwitz-Birkenau in das „Reichsinnere“, der für 9000 bis 15 000 Menschen ihr Lebensende bedeutete. Die Märsche waren für Zivilistinnen und Zivilisten teilweise die erste direkte Konfrontation mit den Verbrechen der Nazis. „Beim Anblick der Häftlinge sagten viele: unmöglich!“, erzählt Kacorzyk. Einige Personen haben versucht, die Opfer mit Nahrung oder Wasser zu versorgen, das habe die SS sofort mitleidslos untergraben.
Eine zentrale Frage stellte die jüngste Rednerin, Noémie Hernandez-Bernard, die als Freiwillige im Rahmen der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in der Evangelischen Versöhnungskirche tätig ist. „Wie war das möglich?“, fragt die 19-jährige Französin. In ihrer Rede liest sie ein Gedicht des Holocaust-Überlebenden Jean Lafaurie und warnt mit Worten von Bertolt Brecht: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“


