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Im April 1945:Das zum Himmel schreiende Elend der wandernden Skelette

Gebeugt, getrieben, verhungernd und von Willkür bedroht: Das Mahnmal des Bildhauers Hubertus von Pilgrim zeigt den Todesmarsch aus dem KZ Dachau Richtung Alpen eindringlich.

(Foto: Hartmut Pöstges)

In der Begegnungsstätte Badehaus in Waldram bei Wolfratshausen blicken Zeitzeugen und Historiker auf den Todesmarsch von Dachau in Richtung Alpen zurück

Heutzutage ist dies kaum noch vorstellbar: Als Ende der Achtzigerjahre die Initiative für Mahnmale an der Strecke des Todesmarschs der Häftlinge aus dem KZ Dachau Richtung Alpen begonnen hatte, lehnten die Stadt Dachau und die Nachbargemeinde Karlsfeld eine Beteiligung ab. Begründung: Bei ihnen gebe es ja die KZ-Gedenkstätte. Erst im Jahr 1999, als der Weg an vielen anderen Orten von Allach bis Waakirchen längst mit den eindringlichen Mahnmalen des Pullacher Bildhauers Hubertus von Pilgrim markiert war, wurde die Diskussion in Dachau und Karlsfeld wieder aufgegriffen. Es dauerte bis 2001, bis die bronzenen Ehrenmale auch dort eingeweiht wurden.

Wer dies miterlebt hat, konnte innerlich nur zustimmen, als kürzlich der Geschichtsstudent Emanuel Rüff im Waldramer Badehaus sagte: "Mittlerweile ist unsere Erinnerungskultur reicher geworden." Rüff sprach zur Eröffnung des Todesmarsch-Gedenkens, das in Wolfratshausen schon seit 1993 gefeiert wird, nun aber erstmals nicht an einem der Mahnmale auf offener Straße, sondern im neuen Erinnerungsort Badehaus. Veranstalter sind dessen Trägerverein, der Historische Verein Wolfratshausen, und die Stadt Geretsried mit ihrem Geschichtsmuseum.

"Was sich am Kriegsende auf offener Straße abspielte, war infernalisch", so charakterisierte der inzwischen verstorbene Historiker Jürgen Zarusky vom Münchner Institut für Zeitgeschichte die Evakuierungsmärsche der KZ-Häftlinge. In den letzten Apriltagen des Jahres 1945 begann auch im Konzentrationslager Dachau die Evakuierung, ein ebenso wahnwitziges wie brutales Unterfangen mit bis heute nicht zuverlässig belegtem Ziel.

Rüff skizzierte den Weg, den die Häftlinge bei Wolfratshausen und Geretsried nahmen. Er zitierte aus Augenzeugenberichten der Pfarrer von Degerndorf und Reichersbeuern, die von einem "zum Himmel schreienden Elend" schrieben und von "wandernden Skeletten". Bei Geretsried war das Barackenlager Buchberg - Wohnstätte der Zwangsarbeiter in den Rüstungsbetrieben im Wolfratshauser Forst - ein Ort der Befreiung.

Viele der Überlebenden aus den verschiedenen Marschkolonnen verbrachten ihre ersten Tage in Freiheit im Lager Föhrenwald, wo heute die Dokumentations- und Begegnungsstätte Badehaus Einblicke in die Zeitgeschichte gibt.

Hier, in der ständigen Ausstellung des Badehauses, können Besucher an Medienstationen auch Zeitzeugenberichte von Todesmarsch-Überlebenden hören. Zum Gedenken wurden einige dieser Interviews exemplarisch eingespielt: Channa Birnfeld aus Siebenbürgen, die in eines der Außenlager des Konzentrationslagers Dachau, nach Kaufering, deportiert worden war, erinnert sich an die Decken, die viele der von der SS getriebenen Häftlinge besaßen. Eine im nassen und winterkalten April 1945 bald drückend schwere Last auf den Schultern - und dennoch: "Man hat sich eingebildet: Diese Decke ist mein Eigentum. Ich bin ein Privatmensch, wenn ich eine Decke habe." Als Channa, ihre Schwester und ihre Tante endlich befreit waren, konnten sie es zunächst nicht glauben. Sie warteten auf den gewohnten rüden Befehl der SS: "Antreten! Los, los!" Doch da war plötzlich keine SS mehr. Und als sie endlich begriffen hatten, dass sie frei waren? "Wir haben weder gejubelt noch gesungen noch geschrien", sagt Channa Birnfeld. "Man war so ausgelaugt. Man war so apathisch von Hunger, von Kälte, von Angst."

Ein Zeitzeuge von der anderen Seite des Elendszugs ist Otto-Ernst Holthaus. Der 1931 geborene Gründer des Isar-Kaufhauses ist seit Jahrzehnten ein Motor der Erinnerung an den Todesmarsch. Er hat ihn als 14-Jähriger in Grünwald gesehen, und diese Eindrücke haben ihn nie wieder losgelassen. Holthaus macht keinen Hehl daraus, dass er als Kind von der Nazi-Ideologie geprägt war: "Händchen halten, Köpfchen senken, immer an den Führer denken", zitierte er das NS-Kindergarten-Motto. Der Todesmarsch hat das Weltbild des damaligen Hitlerjungen nachhaltig erschüttert. Er nennt diese Erfahrung "die wichtigste Säule in meinem Leben". Die letzten Kriegstage seien ohnehin "für uns alle irgendwie gespenstisch" gewesen, erzählte er: Jagdbomberangriffe, Luftschutzkeller, flüchtende Menschen allenthalben, und die Mutter braute im Waschkeller etwas, was sich Kaffee nannte. Und dann, am 29. April, hätten er und sein Freund Rudi eines Morgens dieses merkwürdige Geräusch gehört: "Holzschuhschlurfen." Gestalten "in gestreiften Pyjamas" und mit Decken seien herangekommen und hätten "Brot, Brot" gejammert. Die SS habe sofort dazwischen gebrüllt: "Gebt ihnen nichts, alles Kriminelle." Aber Rudi und er hätten sich die Taschen vollgestopft und versucht, den Verhungernden etwas zuzuwerfen.

Holthaus erinnerte auch kurz an die Nachkriegszeit, in der all die Nazi-Verbrechen totgeschwiegen worden seien: "Es wurde nicht gesprochen", sagte er. Dass dies nun geschieht, dass Zeitzeugenberichte gesammelt, bewahrt und an die Jugend vermittelt werden, das nannte Anita Zwicknagl, Leiterin des Geretsrieder Stadtmuseums, ein "tiefes Anliegen beider Städte", von Wolfratshausen und Geretsried. Und Emanuel Rüff sagte, das feierliche Gedenken sei auch ein notwendiges Signal angesichts der aktuellen gesellschaftlichen und politischen Lage.

© SZ vom 28.04.2020

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