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"Tiny Houses" für Karlsfeld:Wohnzimmerchen, Küche, Bad

Baugrundstücke im Landkreis sind teuer, vor allem in der Gemeinde Karlsfeld. Dort will die CSU nach US-Vorbild versuchsweise eine Kolonie von winzigen Häuschen errichten lassen, die zwischen 20 und 50 Quadratmeter groß sind. Ob das rechtlich so einfach ist, ist allerdings fraglich

Von Christiane Bracht, Karlsfeld

Die Karlsfelder CSU will im Wohnungsbau völlig neue Wege gehen. Eine Tiny House Siedlung schwebt den Christsozialen vor. Also eine Kolonie von winzigen Häuschen, die zwischen 20 bis maximal 50 Quadratmeter groß sind. Wer sich kein Einfamilien- oder Reihenhaus leisten kann, hat vielleicht hier die Möglichkeit sich seinen Traum von den eigenen vier Wänden zu verwirklichen. Wer immer sich aber dafür entscheidet, sehr anspruchsvoll darf er nicht sein. Es ist eine sehr minimalistische Form des Wohnens. Die Idee kommt aus den USA, doch auch hierzulande hat sie sich in den vergangenen Jahren ausgebreitet. Man möchte fast sagen, es ist ein neuer Trend.

Den meisten Bewohnern der Tiny Houses geht es jedoch weniger um die materiellen Vorzüge als vielmehr um Naturnähe und darum, die Umwelt möglichst wenig zu belasten. Andere fasziniert besonders der Gedanke, dass weniger manchmal mehr ist. Seinen Hausrat zu entrümpeln bis man nur noch das Nötigste hat, empfinden einige als Erleichterung - als Entschleunigung in einer sehr durchgetakteten, schnellen Welt. Das Stichwort ist Entmaterialisierung: Weniger Besitz bedeutet für sie mehr Leben. Tisch, Stuhl, Bett, Schrank und ein wenig Kleidung, sowie ein kleiner Raum, indem sich nichts Überflüssiges einfach anhäuft, reichen völlig.

So anspruchslos kann Leben sein: Tiny-House auf Rädern mit Solardach und kleiner Terrasse.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Doch die Karlsfelder CSU denkt weniger an derartige Philosophien. Die Fraktion denkt vor allem an den enormen Wohndruck aus München, an die gigantisch steigenden Mietpreise in ihrem Ort und sie denkt an ihre Kinder. "Tiny Houses sprechen gerade junge Leute an", sagt Christian Bieberle, Baureferent im Gemeinderat und CSU-Ortsvorsitzender. Vielleicht sei dies eine Möglichkeit für die junge Generation in Karlsfeld bleiben zu können, obwohl sie sich die hohen und immer weiter steigenden Mieten auf dem üblichen Wohnungsmarkt nicht oder zumindest noch nicht leisten kann. Auch für Senioren sieht Bieberle in den Tiny Houses eine Option, ihren Lebensabend selbstbestimmt zu verbringen, denn die winzigen Hütten sind barrierefrei - ihre alten großen Häuser meist eher nicht. Diese könnten dann von Kindern oder Enkeln bewohnt werden. Die gesamte Familie hätte so die Möglichkeit am Ort zu bleiben. Auch Alleinerziehende, Singles und Paare ohne Kinder könnten von der neuen Wohnform profitieren, so die CSU. Tiny Houses in Karlsfeld - klingt eher wie ein Sozialprojekt.

"Nicht nur", meint Bieberle. "Aber wir brauchen sozialen Wohnraum." Und wenn die Gemeinde dafür erst teuer Grundstücke kaufen müsse, könnten die Wohnungen schon nicht mehr so günstig angeboten werden. Hinzukommt, dass es um die Finanzsituation der Kommune seit dem Bau der Grundschule und besonders nach dem Corona-Lockdown prekär bestellt ist. Der Schuldenberg ist bereits auf 28 Millionen Euro angewachsen und wird in diesem Jahr noch höher werden. Angesichts dieser Situation könnte die Tiny-House-Bewegung vielleicht die Lösung des Problems sein, hofft die CSU-Fraktion.

Ein Dorf im Miniaturformat

Innen ist jeder Quadratzentimeter ausgenutzt.

(Foto: Nicolas Armer/dpa)

Während es in Schweden, Norwegen und Dänemark bereits einige Tiny House-Siedlungen gibt, stoßen die Initiatoren und Befürworter einer solchen Wohnform hierzulande aber meist auf die Tücken des Baurechts. "Wir wissen nicht, wie die Bauverwaltung dazu steht. Welche Auflagen sie macht oder welche Grundstücke überhaupt dafür in Frage kommen", sagt Bieberle. Entscheidend wird sein, ob die Winzighäuser als Immobilie oder als Mobilie betrachtet werden und wie dauerhaft sie stehen bleiben sollen. Um all diese Fragen klären zu lassen, hat die CSU jetzt einen Antrag gestellt, wonach die Realisierung von Tiny Houses in Karlsfeld untersucht werden soll.

"Wir könnten uns die Siedlung sowohl an zentralen Stellen vorstellen als auch am Feldrand, je nachdem ob sie auf Bauland errichtet werden muss oder nicht", sagt der Baureferent. Denkbar wären Flächen im Anschluss an den Prinzenpark oder an der Allacher Straße, aber auch an der Nibelungenstraße oder bei der Kirche Sankt Anna. Anders als bei Einfamilienhäusern sei für die transportablen Hütten nicht viel Infrastruktur nötig, lediglich Kanal- und Stromanschluss, sowie vier kleine Fundamente für jeden Wohnwürfel.

Bungalows im Olympiadorf in München, 2012

Die älteste Siedlung für Minimalisten steht im Olympidorf.

(Foto: Florian Peljak)

Doch bedeutet eine Tiny-House-Siedlung nicht auch viel Flächenverbrauch? In Zeiten, wo Bauträger in die Höhe streben, um den teuren Grund maximal auszunutzen, denkt man über viele kleine erdgeschossige Hütten nach, die zwar für den einzelnen nicht viel Platz und Komfort bieten, aber in ihrer Masse durchaus raumgreifend sind. Als Referenz gibt die CSU das olympische Dorf in München an - als "echtes Pionierprojekt der Tiny-House-Kultur". Damals baute die Stadt 800 Unterkünfte aus Beton für die Athleten von 1972. Inzwischen ist es ein Studentenviertel mit 1052 Minihäusern geworden - auf beachtlicher Fläche. Im Fichtelgebirge gibt es nun auch ein modernes Tiny House Village. 20 Hütten stehen dort, in denen 30 Personen wohnen. Geplant ist eine Erweiterung auf die doppelte Zahl an Bewohnern.

Bieberle gibt zu, dass "der Flächenverbrauch nicht ganz optimal" wäre. Aber die Gemeinderäte hätten beschlossen, keine großen Bauprojekte in nächster Zeit mehr entwickeln zu wollen. Nach dem Bau des Ludl-Areals an der Münchner Straße soll erst einmal Schluss sein mit der großen Nachverdichtung. "Wir kommen mit der Infrastruktur sonst nicht mehr nach. Neue Einwohner brauchen Strom, Kläranlage, Schule, Kindergarten und noch vieles mehr", sagt Bieberle. Die Tiny-House-Siedlung stellt er sich eher als eine Art Zwischennutzung vor. Das Areal, auf dem sie entstehen soll, soll nicht dauerhaft vergeben werden, sondern lediglich als Erbpacht für etwa 50 oder gar nur für 30 Jahre. Dann müssten die Eigentümer ihre Häuschen wieder auf einen Sattelschlepper packen und woanders hinstellen.

Für die Gemeinde eröffnen sich dann wieder alle Möglichkeiten, das Grundstück zu nutzen. Es wird durch die Tiny Houses ja nicht versiegelt, so der Bauingenieur. Vorerst denkt die CSU an etwa zehn Minihäuschen. "Auf diese Weise könnte man erst einmal schauen, ob überhaupt ein Markt dafür da ist und wie die Sache funktioniert", so der CSU-Chef. Investor soll aber keinesfalls die Gemeinde sein. Bieberle ist sich jedoch sicher, dass sich schnell ein anderer finden wird.

Im Großraum München wäre Karlsfeld mit der Idee einer Minihaus-Siedlung zwar kein Vorreiter mehr, aber eine der ersten Kommunen, die sie fördert. Im Landkreis Wolfratshausen-Bad Tölz hatte der Verein "Einfach gemeinsam leben" nahe Gelting ein Dorf aus sieben mobilen Kleinhäusern ansiedeln wollen. Doch im Juli 2019 scheiterte das Projekt, weil die Tiny Houses vom Bauamt als reguläre Häuser eingestuft wurden und die waren außerhalb des städtischen Innenbereichs nicht geduldet. Im Pasinger Gleisdreieck gibt es zwei "Tiny pop ups". Vier junge Leute werben dort für die neue Wohnform und leben sie auch. Doch sie befinden sich in einer rechtlichen Grauzone auf Privatgrund, wo sie sich vom Eigentümer lediglich geduldet fühlen.

© SZ vom 24.08.2020
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