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Tierheim Dachau:Ausgesetzte Tiere

"Die Menschen kaufen Tiere, so wie man Spielzeug für Kinder kauft": Das Tierheim Dachau kümmert sich um Tiere, die niemand mehr will.

Benno ist ins Tierheim nach Dachau gekommen, weil sein Herrchen im Gefängnis sitzt. Rocky indes ist wegen einer Schilddrüsenunterfunktion verlassen worden. Sein früherer Besitzer hätte ihm jeden Tag eine Tablette geben und diese auch noch bezahlen müssen. Der Labrador ist gerade mal ein Jahr alt und schaut mit schrägem Kopf durch die Gitter des Zwingers.

Labrador Rocky hat eine Schilddrüsenunterfunktion. Sein Herrchen wollte ihn nicht mehr.

(Foto: Toni Heigl)

Auch Lucky würde man am liebsten sofort mitnehmen, so treuherzig blickt einen der Border-Collie an. Aber ohne Dipsy kann er nicht leben. Kaum jemand nimmt zwei Hunde auf einmal auf. Irgendwann waren sie seinem Vorbesitzer eine zu große Last. Also weg, ab ins Tierheim. Jedes dieser Tiere, ob Hund, Katze oder Hase, hat eine solch anrührende Geschichte. Zurzeit könnte man sie sich an die hundert Mal im völlig überfüllten Tierheim in der Roßwachtstraße in Dachau erzählen lassen.

Aber wie ist es möglich, dass Menschen Tiere erwerben und sie abgeben, sobald ihnen etwas nicht passt? So wie den Golden Retriever Sammy. "Bei ihm", erzählt Maren Rottleb, seit 13 Jahren Mitarbeiterin im Tierheim, "ist alles schief gegangen, was schief gehen konnte."

Zuerst war Sammy heiß geliebt, bis er eine der Töchter seines Herrchens angriff. Er musste weg. Die wahre Geschichte dahinter lautet so: Die Kinder haben den Hund ständig getriezt, ihn sogar mit Fressen gelockt und es ihm entzogen. Das Herrchen fand es lustig. Zuerst bellte Sammy nur; schließlich biss er zu. Nun hätte das Herrchen zum Tierarzt oder Tierpsychologen gehen können oder zum Hundeexperten. Aber einfacher sei es, ihn ins Tierheim abzuschieben, sagt Rottleb.

In Sittenbach bei Odelzhausen wohnt Andrea Fischer. Sie besitzt zwei Boxer. Schon ihre Eltern bevorzugten diese Rasse. Fischer kennt sich mit Menschen und mit Tieren aus. Sie ist Diplompsychologin, Unternehmensberaterin und hat sich auf Coaching spezialisiert, dazu gehört auch eine Art Moderation von Konfliktsituationen.

Diese Fähigkeit kann sie für ihren zweiten Beruf gebrauchen. Die 45-jährige Mutter eines Sohnes trainiert Besitzer mit ihren Hunden, damit eine gute Beziehung ohne Bellen, Beißen und Verhaltensstörungen entsteht.

Auf die Frage nach den Gründen für übervolle Tierheime in ganz Deutschland antwortet sie prompt: "Die Menschen kaufen Tiere, so wie man Spielzeug für Kinder kauft." Sie spricht von einer Statusfrage gerade in Mittelschichtsfamilien. Ein Hund komplettiert die Familie, wie in der Werbung. "Und dann beginnen die Probleme." Mit dem Erziehen, mit dem täglichen Spazierengehen, mit meist teuren Krankheiten. "Dann bricht die romantische Vorstellung vom Kuscheltier in sich zusammen." Zuerst werde in ein Tier viel Menschliches hineinprojiziert - und wenn das Tier die menschlichen Erwartungen nicht erfülle, werde es zur Sache.

Wie bei einem Jack-Russel, den sich eine Dachauer Familie für 280 Euro in München gekauft hatte und keine zwei Stunden später merkte, dass ihr diese Rasse zu umtriebig ist. Es gebe keine, die anstrengender sei, sagen Fachleute. In der Nacht erhielt das Tierheim Dachau einen Anruf, die Nervensäge aufzunehmen.