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Ehrenamtliche Helfer:"Der Zusammenhalt ist immer da"

150 Jahre FFW Dachau, 2019

Nicht nur große Lastwagen gehören zum Fuhrpark des THW – auch diese Vespa.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Das THW wird heuer 70. Der Dachauer Ortsverband noch nicht, aber er schaut auf eine bewegte Geschichte zurück

Von Jacqueline Lang, Bergkirchen

So richtig angefangen hat alles im Schweinestall von Bauer Haas. 1969 wurde auf dessen Hof im Ortsteil Udlding in Dachau die erste Unterkunft des Technischen Hilfswerks (THW) gebaut und am 1. Juni desselben Jahres wurde das THW Dachau dann offiziell aus der Taufe gehoben. "Mit Brief und Siegel", wie Georg Leitenstorfer betont. Er muss es wissen, immerhin ist der 69-Jährige, den alle nur John rufen, damals dabeigewesen. Der Dachauer Ortsverband feiert deshalb zwar, anders als der Dachverband, in diesem Jahr noch nicht sein 70-jähriges Bestehen, aber auf eine lange und bewegte Geschichte können auch die hiesigen Mitglieder zurückblicken - zumal die Truppe erstmals bereits 1965 als Ortsgruppe Dachau des THW München in Erscheinung getreten ist, um bei einer Absperrung des Dachauer Radrennens zu helfen.

So richtig losgegangen mit dem THW Dachau sei es aber, so erzählt Leitenstorfer an einem sonnigen Nachmittag in der Laube in Günding, tatsächlich erst 1968, als der Zugführer Jochen Stannek eine Gruppe von acht bis zehn Leuten um sich scharte - unter ihnen auch Leitenstorfer. Anfangs sei nichts dagewesen, erinnert sich dieser, "keine Unterkunft, kein Fahrzeug, kein gar nichts". Getroffen habe man sich zu Beginn noch in der Fahrschule Irmler in Dachau. Dann seien aber schnell mehr Leute dazu gekommen, unter anderem dank des damaligen Landrats Hubert Pestenhofer (CSU), der bereits 1968 den Vorgänger von John Leitenstorfer, August Heitmeier, zum ersten Ortsbeauftragten der Ortsgruppe ernannte. Nach 1970, als die Truppe offiziell als eigenständiger THW-Ortsverband geführt wurde, kam dann der Umzug nach Feldgeding, seit 1993 hat der Verband seinen Sitz im Gewerbegebiet Günding.

Nicht nur die Örtlichkeiten, auch die Aufgabengebiete des THW haben sich über die Jahre stark verändert. So sei es anfänglich, etwa bei den Olympischen Spielen 1972, hauptsächlich um Katastrophenschutz gegangen, später dann viel um Instandsetzungsarbeiten, sagt Leitenstorfer. Heute stehe vor allem das Technische im Fokus, das auch namensgebend ist.

Viele, das gibt Leitenstorfer, der mittlerweile nur noch gelegentlich aushilft, zu, hätten seinerzeit beim THW angeheuert, um dem Wehrdienst zu entgehen. Damals habe man nämlich durch einen rund zehn Jahre dauernden Ersatzdienst der Bundeswehr entgehen können. Aber eines sei auch klar, so der 69-Jährige: "Die Zeit beim THW ist einem nicht geschenkt worden, das wurde alles sehr genau kontrolliert." Im Übrigen war das auch noch mit einer der Gründe für Pressesprecher Sven Langer, 40, und den heutigen Ortsbeauftragten Christian Weber, 39, beim THW mitzumachen. Denn vor rund 20 Jahren, als die beiden angefangen haben, konnte man sich, statt zur Bundeswehr zu gehen, ebenfalls noch beim THW verpflichten, wenn auch nur noch für sechs Jahre.

Schnell habe das aber keine Rolle mehr gespielt. "Aus diesem ,Gehst mal hin, machst mal mit' ist eine Leidenschaft geworden", sagt Langer, der neben seiner Tätigkeit als Sprecher auch im Vorstand des Fördervereins sitzt.

Anders als viele andere Vereine hat das THW Dachau kein Nachwuchsproblem - ganz im Gegenteil. Gerade bei den Jugendlichen gibt es derzeit sogar fast so etwas wie einen Einstellungsstopp. Das liege, so der Ortsbeauftragte Weber, unter anderem aber auch daran, dass die Ausbildung coronabedingt derzeit nur in Kleingruppen erlaubt und zwischenzeitlich sogar völlig untersagt gewesen sei. Grundsätzlich sei es aber so, dass nur die wenigsten die einmal dabei seien, irgendwann wieder ganz aufhören würden. "Wenn du sie über das schwierige Alter von 17 rüberbringst, dann bleiben's dir", weiß auch Leitenstorfer. Sogar Verantwortung wollen viele übernehmen: Neben der Grundausbildung, die zwischen zehn und 12 Monate dauert, machen viele noch weitere Fortbildungen, wie die zum Zug- oder Gruppenführer etwa.

Nicht unbedingt selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass man als THWler in Dachau im Jahr locker auf 200 bis 400 geleistete Einsatzstunden kommt - der "harte Kern" sogar auf rund 1000. Viele, viele Stunden, für die die Ehrenamtlichen nicht immer mit Dankbarkeit entlohnt werden. Zu Angriffen gegen Kollegen sei es seines Wissens noch nie gekommen, sagt Langer. Dass jemand einen blöden Spruch bringe oder die Einsatzkräfte mit Gegenständen beschmeißen würde, das sei allerdings "eher die Regel als die Ausnahme", ergänzt Quirin Rosenmüller, der mit seinen 24 Jahren zum vielversprechenden Nachwuchs gehört.

Gleichwohl habe es bei Hochwassereinsätzen in Frankreich oder an der Elbe auch viele Menschen gegeben, die die Einsatzkräfte mit Brot und Wein beziehungsweise Obst und Bier versorgt hätten. Das kurioseste Geschenk, an das sich Leitenstorfer erinnert, hat ihnen aber vielleicht ein Bauer gemacht, auf dessen Hof sie einen Brand gelöscht haben. Zum Dank hätte der Landwirt ihnen ein lebendes Spanferkel geschenkt. Zunächst seien alle ganz perplex gewesen, schließlich habe man es aber zu einem befreundeten Bauern gebracht und später dann beim Helferfest gegrillt.

Neben solch kuriosen Geschichten sind es aber vor allem Großeinsätze wie der Ausbruch der Schweinepest in Piflitz 1994, das schwere S-Bahn-Unglück in Petershausen 1996, das Pfingsthochwasser 1999, oder die Elbhochwasser zwischen 2002 und 2013, die in Erinnerung bleiben. Und dann gibt es noch diese vergleichsweise kleinen Einsätze, die so tragisch sind, dass sie sich ins Gehirn einbrennen.

Jeder THWler hat da seine ganze eigene Geschichte. Auch Weber erinnert sich an einen Einsatz, den er wohl nie vergessen wird. Er sei eigentlich gerade mit einem Kameraden auf dem Nachhauseweg von einer Geburtstagsfeier gewesen, als der Alarm losgegangen sei, erzählt er. Per Funkruf sei ihnen mitgeteilt worden, dass sich in Petershausen ein Vater mit seinen zwei Kindern angezündet habe. "Wir mussten dann die verbrannten Kinderkörper aus dem Maxi-Cosi mit der Brechstange rauskratzen. Das vergisst du nie". Überhaupt seien Einsätze mit Kindern die schlimmsten, da sind sich alle am Tisch einig.

Auf Lehrgängen, die alle THWler regelmäßig besuchen, werde erklärt, nach einem solchen Einsatz solle man nicht im Nachhinein mit Kollegen noch lange darüber reden. In Günding machen sie trotzdem genau das: In der Laube oder dem Stüberl sitzen bleiben, Bier oder ein Spezi trinken, miteinander reden. Und wenn es nach Weber geht, ist es genau das, was seine Truppe auszeichnet: "Egal, wie der Einsatz war, der Zusammenhalt ist immer da."

Der Ortsverband Dachau hat seinen Sitz in Günding. Laut Pressesprecher Langer kommen deshalb auch die meisten Mitglieder aus Bergkirchen, Dachau und Schwabhausen. Freiwillige Feuerwehren hat jede Gemeinde, die Aufgabengebiete überschneiden sich gelegentlich. Gab es da nie Kämpfe um Mitglieder? "Es gab immer so ein Vorgeplänkel, aber wenn es um die Einsätze vor Ort ging, haben wir stets bestens zusammengearbeitet", erinnert sich Leitenstorfer an seine aktive Zeit. Seine jüngeren Kollegen können das nur bestätigen. Für die kommende Woche etwa sei ein Gespräch mit Thomas Hüller, dem ersten Kommandanten der Freiwilligen Feuerwehr in Dachau geplant, gemeinsame Ölwehrausbildungen wolle man organisieren. Bei dem Treffen wolle er auch die Hauptamtlichen kennenlernen, die seit einigen Monaten im Dienst sind, sagt Weber.

150 Jahre FFW Dachau, 2019

Nicht nur große Lastwagen gehören zum Fuhrpark des THW – auch diese Vespa.

(Foto: Niels P. Joergensen)

In einem normalen Jahr kommen die rund 80 Ehrenamtlichen - unter denen neuerdings sogar 14 Frauen sind - auf etwa 90 bis 120 Einsätze. In diesem Jahr sind es allein bis Anfang September aufgrund der Corona-Krise schon 170 - und die medizinischen Einsätze der sogenannten First Responder sind da noch gar nicht mitgerechnet. Trotz guter Auslastung komme man da schon an seine Grenzen, sagt Weber. Außerdem fehle durch die geltenden Bestimmungen das, was das THW Dachau ausmache, nämlich die Kameradschaft. Gemeinsame Ausflüge: abgesagt. Starkbierfest: abgesagt. Jubiläumsfeier: abgesagt.

Das THW Dachau zeichnet sich aber nicht nur durch einen besonderen Zusammenhalt innerhalb der Gruppe aus, auch über die Grenzen des Freistaats hinweg hat man offenbar schon von dem Ortsverband gehört. Der Grund: Dank eines aktiven Fördervereins und einer nach wie vor guten Zusammenarbeit mit dem Landratsamt besitzt der Verband viele außergewöhnliche Geräte. So sei etwa ihre 15 000 Liter Hochleistungspumpe anfangs die einzige ihrer Art in ganz Deutschland gewesen - mittlerweile sei sie flächendeckend Standard. Auch sei der Abrollbehälter, der bei Ölschäden zum Einsatz komme, einzigartig, so Weber. Innerhalb des THWs sei der hiesige Ortsverband auch der erste gewesen, der einen First-Responder-Dienst angeboten habe. Tiefbauunfälle, also Einsätze bei denen Personen verschüttet sind, würden seitdem mit den Feuerwehren vor Ort betreut - auch deshalb ist der Container mit dem dafür benötigten Equipment ausnahmsweise nicht blau, sondern rot. "Ich weiß nicht, wie viele Landkreise schon da waren und sich das Projekt angeschaut haben und das nachahmen wollten", sagt Weber.

Was ist denn für dieses Jahr noch geplant, was soll die Zukunft bringen? "Einen Hubschrauber", tönt es wie aus einem Mund, dann großes Gelächter. Ein Traum, wäre das schon, sagt Weber, aber derzeit liege der Fokus erst einmal auf der Renovierung der etwas in die Jahre gekommenen Einsatzzentrale. Ein Wasserschaden muss repariert, das Tor zum hauseigenen Museum erneuert werden. Außerdem richten die THWler in Eigenregie das Stüberl her - damit sie dann, wenn es denn wieder möglich ist, einen Raum fürs Beisammensein haben. Schließlich haben Menschen, die in ihrer Freizeit Leben retten, sich auch mal ein Bier verdient.

© SZ vom 29.09.2020

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