Theater in Bergkirchen:Die Sogkraft der Grausamkeit

Theater in Bergkirchen: Zwei Frauen - sehr verschieden und doch verblüffend ähnlich: Maria Stuart (gespielt von Sarah Giebel, links) und Elisabeth (Janet Bens).

Zwei Frauen - sehr verschieden und doch verblüffend ähnlich: Maria Stuart (gespielt von Sarah Giebel, links) und Elisabeth (Janet Bens).

(Foto: Toni Heigl)

Der Klassiker "Maria Stuart" elektrisiert das Publikum des Hoftheaters Bergkirchen. Die Schauspieler tauchen so tief in ihre Rollen ein, dass sie eine große Diskussion über die Geschlechterrollen auslösen

Von Dorothea Friedrich, Bergkirchen

Selten hat man nach der Premiere von Friedrich Schillers Trauerspiel "Maria Stuart" am vergangenen Freitag im Hoftheater Bergkirchen ein so diskutierfreudiges Publikum erlebt. Themen: Frauen und Männer in festgefahrenen Rollenmustern, Yin und Yang, Perspektivenwechsel und MeToo. Und das alles nach einem Königinnendrama, das einst zur Pflichtlektüre im Deutschunterricht gehörte. Was deutlich zeigt: Die etwas ins Abseits geratenen Klassiker haben auch noch heute viel zu sagen, vor allem wenn sie so hervorragend inszeniert und gespielt sind wie aktuell im Hoftheater Bergkirchen.

Zu sehen war eine für Schulaufführungen gekürzte und auf das wesentliche Personal reduzierte Adaption des Stücks. Ulrike Beckers Bühnenbild mit seinen Collagen aus sorgsam ausgewählten Porträts der Protagonisten und einer Anmutung englischer Adelssitze im elisabethanischen Zeitalter schuf eine fast intime Atmosphäre und hatte die einschüchternde Wirkung von Staatsgemächern, die der realen Maria Stuart übrigens auch während ihrer achtzehnjährigen Gefangenschaft auf verschiedenen Schlössern meistens zugestanden wurden. Brutaler Kontrast zum höfischen Leben: Zwei Sessel, im rechten Winkel zueinander gestellt, sind das einzige Mobiliar. Die Personen, die mit und über die beiden Königinnen entscheiden, tragen modernes schwarzes Outfit, auch Maria. Nur Elisabeth erscheint weiß gekleidet und mit einer aufsehenerregenden, royal dunklen Corsage.

Straff inszeniert und unglaublich dicht ist diese Version des Schiller-Dramas. Es gibt ja nicht nur die um Macht, Anerkennung und Selbstbestimmtheit kämpfenden Königinnen. Auch die ausgekochten Höflinge ringen um Macht - am besten über beide Frauen - und Einfluss. Da ist der ausgebuffte Robert Dudley, Graf von Leicester, ein früherer Lover Marias und Favorit Elisabeths, der ziemlich angesäuert ist, weil die so gerne "jungfräuliche Königin" genannte Elisabeth auf Drängen Lord Burleighs nun doch den ziemlich jungen französischen König heiraten soll beziehungsweise muss. Ansgar Wilk macht aus Dudley ein echtes Charakterschwein - zumindest aus Frauensicht. Er laviert zwischen den beiden Frauen, ganz so, wie es ihm in den Kram passt. Er unterschreibt Marias Todesurteil, will es aber nicht vollstreckt sehen. Er baggert mal die eine, mal die andere Königin an und wird dabei ziemlich übergriffig. Selbst zum bösen Ende hin, das bekanntlich in der Hinrichtung Marias kumuliert, entzieht er sich der Verantwortung, und "ist zu Schiff nach Frankreich" abgefahren.

Sein Kontrahent William Cecil, Baron von Burleigh, ist der knallharte Oberschatzmeister der Elisabeth. Für ihn zählt einzig und allein, was für das Königreich aus seiner Sicht von Vorteil ist. Jürgen Füser spielt den Großschatzmeister als gefühlsamputierten Mann, der nur höchst selten die Beherrschung verliert und stur seine Ziele verfolgt. Sein einziger Halt ist eine dicke Schwarte in seiner Hand, deren Inhalt er ganz à la Machiavelli einsetzt. Der dritte in der Männerrunde ist der heißblütige und unsterblich in Maria verliebte junge Ritter Mortimer. In ihm findet der listenreiche Dudley einen würdigen Gegner. Denn Mortimer will unbedingt Maria befreien, doch Dudley windet sich wieder mal. Die beiden fechten ein denkwürdiges Verbalduell aus, bei dem Mortimer der klare Gewinner ist - und doch mit seinen Plänen scheitert. Verena Konietschke gibt diesem Heißsporn Gesicht und Stimme, stürmt durch die Handlung und zeigt Mortimers jugendlichen Überschwang als Kontrapunkt zum Rest der in sich selbst gefangenen Gesellschaft.

Die zwei Frauen, um die sich alles dreht, könnten unterschiedlicher nicht sein und sind sich doch in manchen Situationen verblüffend ähnlich. Schlicht gesagt: Die eine kann eigentlich weder mit noch ohne die andere. Die katholische Maria Stuart besteht auf ihrem Anspruch auf den englischen Thron, ist aber zugleich zerrissen und von Schuldgefühlen geplagt, weil sie mindestens mitschuldig am Tod ihres zweiten Ehemanns war. Dann wieder will sie den Jahrzehnte währenden Streit mit Elisabeth beilegen, will auf alle Ansprüche verzichten, will ihr Schicksal annehmen - und sei es der Tod. Sarah Giebel ist eine schottische Königin mit einem Gesicht wie einem Renaissance-Gemälde entsprungen, sie zelebriert die Opferrolle, in der sich Maria sieht. Sie ist aber zugleich die stolze Königin und eine Frau, die fast alles dafür geben würde, sich mit Elisabeth auszusöhnen, in ihr eine Schwester zu finden, eine die sie versteht und akzeptiert.

Und Elisabeth? Ist eingekreist von der Männer-Clique, die zu wissen meint, was gut für sie und für England ist. Immer wieder bricht sie aus, hat aber nicht die Kraft, ihre Berater zum Teufel zu jagen. Schließlich will sie nur noch den Befreiungsschlag, sprich Marias Tod, um endlich aus dem Teufelskreis ihrer Gefühle herauszukommen. Janet Bens ist diese hochmütige und doch so unsichere Frau. Kerzengerade sitzt sie da, zeigt mit großen Gesten royales Gehabe, schreitet auf High Heels über die Bühne - von Kopf bis Fuß zelebrierte Majestät. Ist das alles nur Fassade, wie deutlich zu sehen ist, wenn sie ihr Schuhwerk wegschleudert und sich äußerlich so klein macht, wie sie sich innerlich fühlt? Nicht nur. Sie will das Todesurteil nicht unterzeichnen, will sich irgendwie mit Maria versöhnen - und wird von dieser bei einem Treffen, das tatsächlich nie stattgefunden hat, aufs Tiefste gedemütigt. Nein, 2021 ist Elisabeth nicht die Böse, sie ist eine Getriebene - eine die ihr eigenes Leben nicht leben darf, eine deren Aufbegehren immer wieder von den sie umgebenden Männern niedergedrückt wird. Die kennen keine Rücksicht, denn sie verfolgen gnadenlos ihre eigenen Interessen.

Es lohnt sich, diese "Maria Stuart" anzuschauen. Und zwar in mehrfacher Hinsicht. Da sind einmal die glänzenden Darstellerinnen und Darsteller, die ganz tief in ihre Rollen eintauchen und von der ersten bis zur letzten Minute den Spannungsbogen halten. Was eine ungeheure Sogkraft im Publikum hervorruft, das sich ganz auf dieses an physischen und psychischen Grausamkeiten reiche Geschehen einlässt. Da ist die tatsächlich ungewöhnliche Musik von zarten Klängen bis zu den Sex Pistols und "Let it be" von den Beatles. Und da ist nicht zuletzt reichlich Diskussionsstoff darüber, was sich denn für Frauen und Männer seit der Uraufführung von Schillers Drama am 14. Juni 1800 in unserer Gesellschaft geändert hat.

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