Theater am Stadtwald Das Tagebuch der Anne Frank

Der jungen Bühne des Theaters am Stadtwald gelingt eine herausragende Inszenierung des Tagebuchs der Anne Frank. Denn das Ensemble kann sich glaubwürdig in die Ängste und Sehnsüchte der fast gleichaltrigen Hauptfigur hineinversetzen

Von Dorothea Friedrich, Dachau

Unterschiedlicher hätten die Reaktionen nach der Premiere von "Anne", dem Multimedia-Theaterstück von Leon de Winter und Jessica Durlacher nach dem "Tagebuch der Anne Frank" nicht sein können: "Super" sagte Yara, 13. "Es ist schrecklich, dass ein Mädchen in unserem Alter so etwas erleben musste", meinte Sabrina, 15. "Die haben so toll gespielt, obwohl die Geschichte so traurig ist, sagte die zwölfjährige Nine, die selbst Theater spielt. Und dann der Schock auf dem Weg zum Parkplatz: Zwei Frauen und ein Mann - alle eher reife Semester und Theaterbesucher - empören sich lautstark über "das Ausländergschwerl" in Dachau. Wobei das noch der harmloseste Ausdruck war. Ja, haben die denn nichts gelernt, nichts kapiert? Wollen oder können sie nicht sehen, was so offensichtlich ist: Dass sie mit ihrer Hetzerei Extremismus und Fremdenfeindlichkeit befeuern, 72 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs?

Plädoyer für die Mitmenschlichkeit

Denn gerade ein Stück wie "Anne" lässt sich nicht nur als "Zeugnis eines ungelebten Lebens" sehen, wie viele Kritiker nach der Uraufführung 2014 schrieben. Es wird zum Plädoyer für Mitmenschlichkeit, für Chancengleichheit, wenn es von so begeisternden Darstellern, wie der Jugendgruppe des Theaters am Stadtwald auf die Bühne gebracht wird. Diese haben die Bühnenbauer in einen kahlen, grauen, spärlich möblierten Raum verwandelt, in dem sich Anne Frank, ihre Familie, Freunde und Bekannte zwei Jahre lang vor den Nazi-Schergen verstecken. Die reale Anne Frank hat in ihrem rot-weißen Tagebuch und auf unzähligen Blättern dieses Leben in ständiger Angst vor der Entdeckung festgehalten. Es ist eines der weltweit bekanntesten Dokumente des Holocaust.

Die Bühne ist ein kahler, grauer, spärlich möblierter Raum, in dem sich Anne Frank, ihre Familie, Freunde und Bekannte zwei Jahre lang vor Nazi-Schergen verstecken.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Ursprünglich hatte Anne Franks Vater Otto die seinerzeit als nicht akzeptabel geltenden Passagen vor der Veröffentlichung gestrichen. Dazu gehören beispielsweise die über die erwachende Sexualität seiner Tochter. Leon de Winter und seine Frau Jessica Durlacher, selbst Nachkommen von Holocaust-Opfern, haben für ihr Theaterstück die Originale verwendet und die Zitate in eine Rahmenhandlung eingebettet. Die Regisseure Korbinian Konwitschny und Bernhard Vieregg (er spielt auch den Vater) haben diese mit Video-Sequenzen, Musik der 1930er und 40er Jahre sowie Gesprächen der nur in der Fiktion der Vernichtung entgangenen Anne mit einem jungen Verleger in einem Café als dramaturgische Mittel eingesetzt.

Scharfer Blick für die Schrullen

Diese Traumsequenzen - alle auf den niedergeschriebenen Hoffnungen und Wünschen von Anne basierend - sind ein brutaler Gegensatz zur Enge des Hinterhauses in der Amsterdamer Prinsengracht 263, in dem Anne vom 6. Juli 1942 bis zur ihrer Verhaftung am 4. August 1944 untertauchen musste. Die aufmüpfige, vorlaute, selbstbewusste Anne (hervorragend: Caroline Guth) kämpft gegen die auch im Versteck hochgehaltenen Konventionen und mit ihrer Pubertät. Sie hat einen scharfen Blick für die Schrullen und weniger guten Eigenschaften ihrer Mitbewohner und schreibt sie in ihrem Tagebuch nieder. Anne ist eine Optimistin, eine Jugendliche, mit der sich Gleichaltrige identifizieren können. Sie können ihre Attacken auf die Mutter (Anja Lietzau) und die großkotzige Frau van Pels (Selina Lauber) ebenso nachvollziehen, wie ihre aufflammende und wieder verschwindende Leidenschaft für deren Sohn Peter (Stefan Krühler) oder ihren Abscheu gegenüber dem schnarchenden und rotzenden Zahnarzt Pfeffer (umwerfend: Sabine Waxenberger), mit dem sie das Zimmerchen teilen muss.

Führte Regie und übernahm die Rolle von Otto Frank, Annes Vater: Bernhard Vieregg am Radio.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Weil junge Menschen und keine Theaterprofis die vielen Personen auf der Bühne verkörpern, wirkt diese Aufführung besonders glaubhaft. Sie lachen und sie streiten um absurde Kleinigkeiten, sie werden zunehmend aggressiver, je länger sie zusammengepfercht sind. Sie fürchten sich vor jedem Laut, vor jedem Schritt auf der Treppe zu ihrem Unterschlupf und finden Trost und Ablenkung in ihren Träumen vom Leben "danach". Und das bis zum bitteren Schluss. Vom Tod gezeichnet, zitternd vor Kälte, kahl geschoren und in Lumpen gehüllt, bleibt Anne und ihrer Schwester Margot (überragend: Julia Gramenz) nichts als die verzweifelte Hoffnung.

Momente des kurzen Glücks in größter Not: die erwachende Sexualität der jungen Frau wird in der Theaterbearbeitung von Leon de Winter und Jessica Durlacher nicht zensiert.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Sie hat sich nicht erfüllt. Anne und ihre Schwester starben im KZ Bergen-Belsen, ihre Mutter und alle Untergetauchten aus der Prinsengracht in Auschwitz. Nur der Vater überlebte. "Mein Tagebuch ist mein Leben", sagt Anne Frank im Stück. Die Jugendgruppe des Theaters am Stadtwald hat dieses Leben mit Empathie, Engagement und Können auf die Bühne gebracht. Eine großartige Leistung aller Mitwirkenden. Das Theaterteam: Korbinian Konwitschny und Bernhard Vieregg haben die Regie übernommen. Das Ensemble besteht aus folgenden Mitgliedern: Caroline Guth, Julia Gramenz, Anja Lietzau, Bernhard Vieregg, Stefan Krühler, Selina Lauber, Marcel Jahn, Sabine Waxenberger, Jenny Schmidberger, Alexander Langer, Korbinian Konwitschny, Lara Günzel, Simone Betz, Ernst Konwitschny, Anna Lena Theis und Norbert Zerbe.

Szenen einer albtraumhaften Lage, in der sich Anne Frank und ihr Vater gemeinsam mit einer Gruppe von jüdischen Flüchtlingen befinden.

(Foto: Niels P. Joergensen)

"Anne" - Das Tagebuch der Anne Frank: weitere Aufführungen des ASV-Theaters: Samstag und Sonntag, 6. und 7. Mai, jeweils 19 Uhr.