Süddeutsche Zeitung

Talentiade 2019:Hauptsache weg vom Handy

Christian Steinberger hat an der Mittelschule Karlsfeld die Streetball Challenge etabliert. Ein Sport, der jedem offen steht und Jugendliche aller Schularten zusammenbringt. Für sein Engagement ist der Lehrer für den Schulsportpreis der SZ-Talentiade 2019 nominiert

Ein Ball, ein Korb, sechs Spieler - Streetball, eine Variante des Basketballs, wird seit vielen Jahren überall auf der Welt gespielt. In den Neunzigerjahren kam die Sportart aus den amerikanischen Ghettos nach Deutschland. Der Reiz des Spiels liegt in seiner Unkompliziertheit. Es gibt kaum Regeln, kaum Voraussetzungen. Jeder kann mitspielen. Auch deswegen gilt der Sport als eigene Jugendkultur, eine Kultur der Rebellion gegen die Mauern im Kopf. Diesen Geist wollte der Fachbetreuer für Sport an der Mittelschule Karlsfeld, Christian Steinberger, mit der Karlsfelder Streetball Challenge an die Schule holen.

2006 initiierte der Sportlehrer zusammen mit drei Kollegen die Veranstaltung, um bei den Schülern Begeisterung für den Sport zu wecken. Die Schüler treten schulübergreifend in kleinen Teams gegeneinander an. Für die Gewinner gibt es Preise. Im Sportunterricht habe er gemerkt, sagt Steinberger, dass das Interesse am Sport allgemein zwar groß sei, die Beteiligung in Vereinen aber relativ gering. "Fußball ist da so eine Sache", sagt Steinberger, "entweder man beherrscht die Technik, dann kann man mitspielen; oder nicht, dann sitzt man am Rand und muss zuschauen". Beim Streetball sei das anders, hier könne jeder mitmachen. Die Schüler von ihren Handys wegzubringen - das ist das Ziel.

Zu der Sportart kam Steinberger durch die sogenannte Streetball Challenge eines deutschen Sportartikel-Herstellers. Überall in Deutschland wurden hierfür Basketballkörbe aufstellt und Meisterschaften veranstaltet. Der Sport wurde dadurch erst richtig bekannt. "Streetball ist cool", sagt Steinberger dazu, "es ist ein mehr als ein Sport, eher eine Art Lifestyle".

Zu viert begannen sie das Projekt der Karlsfelder Streetball Challenge, nach kürzester Zeit kamen immer mehr Schulen auf die Lehrer der Mittelschule Karlsfeld zu und wollten mitmachen. Die Veranstaltung war von Anfang an auch als integratives Event gedacht. Sechs verschiedene Schulen sind mittlerweile dabei, darunter Gymnasien, Hauptschulen und Förderschulen. Das Wichtigste sei der Spaß am Spiel und die Teilnahme, sagt Steinberger, "auch wenn das pathetisch klingen mag."

Hauptschulen genießen keinen besonders guten Ruf, meint der Lehrer. Zwischen den Schülern aus verschiedenen Schulen besteht häufig gar kein Kontakt. Außerdem ist der Anteil von Kindern, die kein oder nur wenig deutsch sprechen, an der Mittelschule in Karlsfeld hoch. Bei dem Turnier ist das egal, "Sport spricht alle Sprachen", sagt Steinberger. Das Turnier gibt den Schülern die Gelegenheit, ihre Grenzen auszuweiten und neue Freundschaften zu knüpfen. Damit gar nicht erst Vorurteile entstehen können.

Außerdem helfen die Schüler bei der Durchführung, die zehnten Klassen organisieren das Event. Steinberger selbst kümmert sich auch um Sponsoren, die Schule kann jede Form der Unterstützung gut gebrauchen. Die Jugendlichen sind begeistert. Oft kommen bereits in der ersten Schulwoche Schüler zu ihm, und fragen ihn, wann endlich wieder Streetball gespielt werde, erzählt Steinberger lachend.

Mittlerweile ist die Popularität der Veranstaltung eine Herausforderung für den Sportlehrer. Das Teilnehmerfeld ist auf 16 Teams beschränkt. Häufig muss er Teams absagen, über die Plätze wird mittels eines Losverfahrens entschieden. Größer soll das Turnier aber nicht werden, sagt Steinberger. Es soll bei dem einen Tag bleiben.

Er ist stolz auf die Veranstaltung, stolz, wenn er Schüler noch Wochen danach mit dem Trikot und einem Basketball in der Hand sieht. "Dann hab ich mein Ziel erreicht", sagt Steinberger.

Das Event ist Teil des integrativen Sportkonzeptes der Schule. Sport verbindet, das hat man an der Mittelschule Karlsfeld erkannt. Steinberger veranstaltet neben der Streetball Challenge auch ein Boulderturnier. Auch hier klettern verschiedene weiterführende Schulen gegeneinander. Außerdem organisiert der Sportlehrer immer wieder Veranstaltungen, bei denen Schüler neue Erfahrungen im Sport machen können. Sie sollen für andere Perspektiven sensibilisiert werden. Beispielsweise verbinden sich Schüler die Augen, um herauszufinden, wie es sich anfühlt, als Blinder Fußball zu spielen. Auch bei der diesjährigen Streetball Challenge wird es ein solches Rahmenprogramm geben. Die Spieler der RBB Iguanas München werden ihren Sport, Rollstuhl-Basketball, vorstellen. Dieses Jahr gibt es außerdem zwei weitere Ehrengäste, Demond Greene und Steffen Hamann vom FC Bayern Basketball. Mit dem Verein gibt es mittlerweile auch eine Kooperation der Veranstaltung. Steinberger freut sich auf das Turnier. Am 17. Juli ist es soweit, dann wird in Karlsfeld zum 13. Mal die Streetball Challenge stattfinden.

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Quelle:
SZ vom 18.06.2019
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