Süddeutsche Zeitung

Szenario:Kunsthungriges Publikum

Volles Haus bei der KVD und in der Kleinen Altstadtgalerie

Bildhauerin Monika Siebmanns braucht an diesem Donnerstagabend starke Nerven. Immer wieder drücken sich Besucher zwischen ihr und den mitten im Raum platzierten Stelen hindurch, die dicke Jacke über der Linken, das volle Weinglas in der Rechten, da kann man leicht mal was umschmeißen. Die KVD-Mitgliederausstellung ist gut besucht, sehr gut sogar, die kleine überheizte Galerie ist voller Künstler und Kunstfreunde. Zu Bruch geht an diesem Abend zum Glück nichts, nur Anna Dietzes Gemäldereihe "Tu was ein Fuchs tun muss" bekommt einige Kratzer ab. Aber das soll so sein. Unter den mit buntem Sprühlack beschichteten Metallplatten hängen Schlüssel, mit denen die Besucher die Oberfläche nach Gusto zerkratzen können. So entstehen sich überschneidende Linien, Kreise und ein Portrait mit Sprechblase: "Aua." Der Künstler Alfred Ullrich, beteiligt sich am kreativen Sabotageakt ebenso wie Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann.

Es ist das Jahr 99 des Bestehens der KVD. "Das darf man schon mal erwähnen", sagt Chef Johannes Karl, Chef der Künstlervereinigung, in einer kurzen, schnörkellosen Ansprache. Er verweist auf die Vielfalt der vertretenen Stile und Themen der Ausstellung, aber viel mehr will er gar nicht sagen, sein kleiner Sohn zupft ihn schon ungeduldig an der Hose. "Es gibt Leute hier, die schon wieder durstig sind." KVD-Mundschenk Florian Marschall hat ordentlich zu tun, Wein ist das Öl im Getriebe der Geselligkeit, und darum geht es hier ja auch. Die meisten ausstellenden Künstler sind persönlich da und erläutern ihre Arbeiten gerne. Monika Siebmanns treibt die destruktive Rolle der Religion im Weltgeschehen um, und so sind ihre formschönen Stelen zugleich als Mahnmal gegen religiöser Intoleranz zu sehen. Jede der drei Stelen hat eine Öffnung, durch die man hindurchschauen kann, mal spitz wie ein gotisches Kirchenportal, mal rund wie der Säulenbogen einer Moschee, mal in der exotischen Kuppelform fernöstlicher Tempel. Hinter jeder Öffnung ist eine Ebene mit einer kleineren Öffnung eingezogen, so dass sich der Durchlass immer mehr verengt.

Großer Andrang herrscht an diesem Abend auch in der Kleinen Altstadtgalerie, wo Marian Wiesner seine Kunstwerke aus Flachs, Wachs und Holz ausstellt. Es sind ziemlich verrückte Gebilde, die er in eigenwilligen Versuchsanordnungen wachsen lässt, Wachsstalagmiten wie außerirdische Lebensformen, artifizielle Naturwunder von bizarrer Schönheit. Bezeichnend der Satz einer Besucherin, das sei "das Abgefahrenste", was sie je in einer Dachauer Ausstellung gesehen habe. Von dem in Vierkirchen lebenden "Landart"-Künstler Marian Wiesner wird man noch einiges hören.

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Quelle:
SZ vom 24.11.2018
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