SZ-Serie: Wortschatz, Folge 9 Poet mit Pinsel und Feder

Der Illustrator, Maler und Autor Quint Buchholz erzählt seine Geschichten am liebsten in magischen Bildern. Seine Gemälde kombiniert der in Ottobrunn lebende Künstler mal mit eigenen Texten, aber immer wieder auch mit Erzählungen anderer, oft berühmter Schriftsteller

Von Udo Watter

Es ist fraglich, ob die Welt zu singen anhebt, wenn sie den Begriffen "Heißzeit" oder "Jamaika-Aus" lauscht. Das mögen zwar die Worte des Jahres 2018 und 2017 sein, aber sie sind keine Zauberworte im Eichendorff'schen Sinne, die einen so treffen können, dass sich das moderne, enträtselte Dasein für einen Augenblick in einen schöneren, magischen Ort verwandelt. Solche Augenblicke zu suchen, zu schaffen und zu sammeln - das ist die Kunst und Sehnsucht von Quint Buchholz. Der Ottobrunner Illustrator, Maler und Autor greift dabei bevorzugt zum Pinsel, manchmal auch zur Feder, besonders gerne verführt er seine Leser in der Kombination aus Bild und Text. "Ich will dem Betrachter Raum geben, mit seinen Träumen und Assoziationen rein zu gehen", sagt er.

Quint Buchholz wohnt seit mehr als drei Jahrzehnten in Ottobrunn - kein besonders glamouröser Ort, aber der mittlerweile 61-Jährige fühlt sich dort sehr wohl. Sein Domizil hat ohnehin nicht zuletzt durch seine Bilder einen besonderen, inspirierenden Charakter.

(Foto: Claus Schunk)

Eines seiner schönsten Bücher der vergangenen Jahre heißt "Zauberworte" - befruchtet von Eichendorffs Gedicht "Wünschelrute": "Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort, und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort." Der 61 Jahre alte Buchholz, der die Vorstellung vom Menschen als erzählendem Wesen ("homo narrans") liebt, entfaltet in dem 2016 erschienen Werk genau das, was er wie kaum ein anderer kann: Er erzählt Geschichten mit Bildern, in diesem Fall inspiriert von seinen Lieblingsworten. Sie regen ihn an, sie führen ihn auf Erzählpfade und setzen Fantasien frei. Da ankert zum Wort "Himmelsleiter" ein Ruderboot im Abendhimmel, mit einem Seil am zweiten Stockwerk eines Hauses befestigt, irgendwo an der Küste Frankreichs. Zu "Glücksbringer" hat Buchholz einen Mann mit Anzug, Hochwasserhose und Melone gemalt, der an Pan Tau erinnert, und einem aus dem Stall guckenden Schwein eine Geburtstagstorte mit Kerze bringt. Zum Wort "Seelenruhe" sieht man den Künstler selbst in einer Reihe von Pinguinen warten, die unaufgeregt auf einer Planke anstehen und nacheinander ins Meer springen. Bildhafte, verdichtete Poesie. "Die kurze Form ist etwas sehr Schönes", sagt Buchholz. Die Qualität, "eine Welt in wenigen Worten zu schaffen", setzt er mit seinen vom magischem Realismus geprägten Bildern visuell fort. Er öffnet mit seinen Pinselstrichen das Tor zu imaginären, oft märchenhaft anmutenden Welten. Er ist ein Meister der Blautöne, seine bevorzugten Sujets sind das Meer, die Nacht, immer wieder Tiere, Bücher und Kinder. Man könnte sagen, Buchholz hat sich die Wiederverzauberung der Welt auf Pinsel und Feder geschrieben.

"Einer schaut an unbekannte Orte": Im Land der Bücher ist alles möglich, gerade für Kinder.

(Foto: Hanser Verlag)

Dass ihn der Genius loci seines Wohnorts dabei befeuert, dürfte allerdings eher unwahrscheinlich sein. Besonderes romantisches Fluidum hat der Vorort Ottobrunn nicht gerade zu bieten. Der verheiratete Buchholz wohnt in einer ruhigen Gegend, in einem Reihenhaus, seit rund 30 Jahren. "Reihenhaus war nun wirklich nicht mein bevorzugtes Lebensziel", sagt er schmunzelnd. Nun, damals beim Einzug war es günstig, stadtnah, mit Garten, dann kamen die Kinder, und man blieb.

Wenn das Wetter es zulässt, radelt er jeden Tag von Ottobrunn nach Haidhausen in sein Atelier.

(Foto: Claus Schunk)

Kleinbürgerliches Flair oder Zinnteller an der Wand erwarten den Besucher, der Buchholz' Wohnung betritt, aber natürlich nicht. Die stilvolle Einrichtung mit vielen Bücherregalen, gepflegtem Mobiliar und schwarzem Klavier erfährt durch die zahlreichen Bilder des Hausherrn noch eine besondere ästhetische Aufwertung. In der Nachbarschaft wohnen die Eltern von Jochen Schölch, Leiter des Münchner Metropoltheaters, der mit Buchholz zusammen dessen Werk "Sammler der Augenblicke" auf die Bühne gebracht hat. Es ist ein Stück, in dem Buchholz Bild und Text kongenial verschmilzt. Der Protagonist erinnert sich darin an seine Zeit, als er in seiner Kindheit im Atelier des Malers Max in den Welten der Bücher versank, als er märchenhaften Geschichten des Künstlers lauschte und sich fragte, welche Geheimnisse die Bilder bergen, die Max umdreht, sobald sie fertig sind. Es ist eine Ode an die Poesie und an den Zauber des Leisen. Eine ähnliche poetische Verknüpfung prägt auch Buchholz' Werk "Im Land der Bücher": In 30, oft hintergründig komischen Bildern und Texten stimmt er eine Hommage an Schönheit und Vielfalt der Bücher an. Da heißt es: "Einer liest Geschichten für ein Kind" und das Bild dazu zeigt einen Mann, der im Schneegestöber schützend ein Buch als Schirm über das Kind hält. Oder: "Einer schaut an unbekannte Orte": Hier sieht man einen Buben, der ein leicht geöffnetes Buch wie ein Fernglas vor sich hält.

Quints Welt

Seit 1979 arbeitet Quint Buchholz als Illustrator, Maler und Autor für deutsche und internationale Verlage. Er hat seitdem zahlreiche Bücher illustriert, für die er viele Preise erhalten hat, teils kombiniert mit Texten anderer Autoren, teils mit eigenen Texten. Den internationalen Durchbruch schaffte er 1993 mit der Gestaltung des Buchcovers von Jostein Gaarders Weltbestseller "Sofies Welt". Andere Schriftsteller, mit denen er zusammengearbeitet, respektive deren Bücher er bebildert hat, sind Friedrich Ani, Elke Heidenreich, Michael Krüger, Amoz Oz oder Stephen Hawking. Er hat auch als Bühnenbildner gearbeitet, die deutschsprachige Theaterfassung seines Stücks "Der Sammler der Augenblicke" wird seit 2011 regelmäßig vom Metropoltheater München gezeigt. Sein Malstil integriert Elemente des magischen Realismus, Fotorealismus und Pointillismus. Als Autor liebt er die kurze Form. Er zeichnet auch für Hörbücher, Plakate, Postkarten und Kalender verschiedener Verlage verantwortlich, und seine Werke werden immer wieder in Ausstellungen gezeigt. Vor allem für seine Illustrationen ist Buchholz mit zahlreichen nationalen und internationalen Auszeichnungen bedacht worden. Geboren 1957 in Stolberg bei Aachen und aufgewachsen in Stuttgart, hat Buchholz in München Kunstgeschichte, Malerei und Grafik studiert. 1976 zog er nach Haidhausen, inzwischen lebt der Familienvater seit mehr als 30 Jahren in Ottobrunn im Landkreis München. wat

Buchholz hat seinen eher prosaischen Wohnort Ottobrunn schon längst zu schätzen gelernt; er ist gerne in der Gemeindebibliothek, besucht die Buchhandlung Kempter oder die "Ottobrunner Konzerte". Mit der in der Gemeinde lebenden Autorin und Musikpädagogin Dorothée Kreusch-Jacob hat er 2017 das Liederbuch "Sonne, Mond und Abendstern" konzipiert. Seine professionelle Kreativität entfaltet er aber gewöhnlich in seinem Atelier in Haidhausen, wohin er oft radelt.

Das Buch, an dem er gerade arbeitet, heißt "Vom Glück der Langsamkeit". Hier greift er auf Texte anderer Autoren zurück, wie Jorge Luis Borges, Salvatore Quasimodo oder aus dem Buch Kohelet ("Alles hat seine Zeit"), die er illustriert. Buchholz, der in seinen malerischen Kompositionen gerne Räume der Ruhe und Geborgenheit schafft und in einem seiner berühmtesten Bilder einen Jungen auf einem in den Himmel gesponnenen Seil Richtung Vollmond wandeln lässt ("Giacomond"), ist ein Erzähler und Poet mit dem Pinsel. Auch wenn beim ihm vieles so glückhaft beseelt (aber nicht gefällig oder harmlos) wirkt und er seine Inspiration aus der Quelle kindlich-erwachsener Fantasie zu schöpfen scheint, ist der kreative Prozess natürlich deutlich komplizierter. Manchmal sitzt er länger vor seiner Staffelei im Haidhausener Atelier, bis er anfängt die Farben zu mischen und eine Eingebung umzusetzen beginnt.

Die nicht zuletzt haptische Liebe zum Buch teilt er mit alten Freunden wie dem langjährigen Chef des Hanser-Verlags Michael Krüger, der viele seiner Werke publiziert hat. Mittlerweile Großvater sieht er besonders gerne, wie junge Leser immer noch in Literatur eintauchen können. "Diese Selbstvergessenheit. Kinder, die ganz bei sich sind, und sich nicht wichtig nehmen." Buchholz ist ein zurückhaltender Mensch, sanfte, tiefe Stimme, oft ein freundlich-gewinnendes Blitzen in den Augen. "Mit Büchern kann man Dinge erleben", sagt er. "Sie haben eine nicht austauschbare Qualität." Freilich betont er, dass es schwerer geworden sei, damit Geld zu verdienen, in einer Zeit, in der die nachwachsende Generation nicht mehr so buch-affin ist. Irgendwann will er wieder mehr schreiben, auch Geschichten ohne Bilder verfassen. Die Suche nach den Zauberworten - sie geht weiter.