Sagen und Mythen Die abgehackte Hand des Grafen von Dachau

Heute erinnert nur noch eine Gedenktafel an die Kapelle von 1120.

(Foto: Toni Heigl)

Ein Jagdhund überbrachte der Mutter die schreckliche Nachricht von seinem Tod - indem er ihr das fehlende Körperteil brachte.

Von Walter Gierlich, Karlsfeld

Man kennt das aus zahllosen Fernsehkrimis: Die Ermittler kommen zur Mutter eines Mordopfers, um die traurige Nachricht vom Tod ihres Sohnes zu überbringen. Und ganz gleich, wie sensibel und zartfühlend sie die Schreckensnachricht mitteilen: Für die Frau ist es ein schwerer Schock. Doch wie viel grausamer und entsetzlicher muss es sein, wenn nicht mitfühlende Polizeibeamte, sondern der Jagdhund des Sohnes zur Mutter stürmt und dessen abgehauene Hand im Maul trägt? Genau das soll in Dachau passiert sein, allerdings nicht in jüngerer Zeit, sondern vor knapp 900 Jahren. So geht die Sage über den Mord am Grafen Arnold (oder auch Arnulf) II. von Dachau und die Anfänge des heutigen Karlsfelder Ortsteils Rothschwaige.

Überliefert hat sie unter anderem Gelasius Moorhart, der Propst des Klosters Indersdorf, zu dem ein Teil des Gebiets im Moos zwischen Dachau, Moosach und Schleißheim damals gehörte, auf einer Flugschrift aus dem Jahr 1766. Bei dem Druckwerk mit dem Titel "Kurze Historische Nachricht von dem Ursprung des Kirchls auf der sogenannten Rot-Schwaig bey Dachau" handelt es sich um eine Ergänzung einer früheren Chronik des Klosters desselben Autors von 1762, in der er zwar schon die Mordtat erwähnte, aber nicht die Geschichte mit der abgehackten Hand.

Über die Entstehung der Kapelle schreibt der Indersdorfer Propst: "Dieses Kirchl hat seinen Ursprung von einem traurigen Zufall genommen. Als in dem Jahr 1127 der jüngere Sohn der verwittibten Gräfin zu Dachau Beatrix sich in dem nechst anliegenten großen Wald, so sich in der Länge und Breite auf mehrere Stunden weit erstreckte, mit der Jagd belustigte, ist selber von niemand als seinem Hund begleitet von denen Mörderen überfallen, und nach abgehaut rechten Hand grausam umgebracht worden in der Gegend, wo dermahlen das Churfürstliche Lust-Schloß Schleißheim bstehet. Diese Mordthat hatte sogleich sein getreuer Hund entdecket, welcher die abgehaute Hand seines Herrn in dem Maul tragend gerad dem Schloß Dachau zugeloffen, und selbe zu Füssen der Gräfin gelegt, welche sogleich aus dem noch an dem Finger befindlichen Ring mit grösten Herzenleid erkannt, daß es die Hand ihres inniglich geliebten Sohn seye, und dahero dessen Leichnam alsogleich hat aufsuchen lassen, der auch bald gar gefunden worden, indeme zu selben eben dieser Hund den Weeg gewisen."

An der Stelle, wo der Mord geschehen war, schreibt Morhart weiter, habe die fromme Gräfin Beatrix eine kleine Kirche zum Gedenken an ihren ermordeten Sohn errichten lassen. Wegen ihres mütterlichen Schmerzes habe sie diese "Wehe-Kirchen" genannt, so die Chronik des Propsts. In anderen Überlieferungen hingegen ist stets von einer "Wegkirche" die Rede, was nach Ansicht des Historikers Peter Dorner wohl der richtige Name sein dürfte, zurückzuführen auf den Weg von München nach Dachau.

Dorner, der sich 1967 in der Zeitschrift Amperland ausführlich mit der älteren Geschichte der Rothschwaige beschäftigt, sieht keinen Anlass, am historischen Kern der Sage zu zweifeln, obwohl erst im 15. Jahrhundert in Quellen von einer Kapelle berichtet wird, die eine Gräfin von Dachau gestiftet habe. Zwei Gründe nennt der Historiker dafür: Einerseits lasse sich das Geschehen in die Familiengeschichte der Grafen von Dachau einfügen, zum anderen spreche die ursprüngliche Lage der Kapelle für deren Entstehung in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Sie stand nämlich anfangs dort, wo vor der Gründung Münchens im Jahr 1158 die alte Salzstraße auf der Trasse einer alten Römerstraße verlaufen war - also einige Kilometer weiter östlich. Als die Kapelle baufällig wurde, wurde sie 1454 abgerissen und bis 1460 ein Neubau an anderer Stelle errichtet, dort wo bis heute die alte Münchner Straße am Gut Rothschwaige vorbeiführt.

Der Vater des Ermordeten war Arnold I. von Scheyern, der erste aus dieser alten Adelsfamilie, der sich nach seinem neuen Sitz "von Dachau" benannte. Anlass dafür war nach Ansicht Dorners die Heirat mit Beatrix. Diese war nämlich die Erbtochter eines Kuno von Rihpoldisperge, einem Ort, der wohl im heutigen Reipertshofen bei Unterweilbach - also nicht weit von Dachau - zu suchen ist. Arnold I. und Beatrix hatten vier Söhne, von denen wohl der zweitjüngste das Mordopfer sein dürfte, da der älteste Bruder Konrad I. für das Seelenheil dieses Arnold ein Gut an das Kloster Geisenfeld stiftete.

Von der Kapelle zur Brücke

Als die kleine Wegkirche, die an den ermordeten Graf Arnold II. erinnern sollte, baufällig war, riss man sie 1454 ab und errichtete an der Straße von München nach Dachau eine neue. Verantwortlich dafür war der Indersdorfer Propst Johannes Rothuet (1442-1470). Von ihm hat die dortige Schwaige, ein auf Viehhaltung ausgerichteter Hof, wohl ihren heutigen Namen erhalten. Hieß sie auf einer Urkunde 1524 noch Wegkirchenschwaige, wurde schon drei Jahre später in einer Quelle der Bauer "auf der Rothen Schwaige erwähnt", der 32 Kühe und einen Stier hielt. Durchreisende Gläubige füllten den Opferstock des neuen Kirchleins regelmäßig, wie der einstige Kreisheimatpfleger Alois Angerpointner in der Karlsfelder Chronik von 1977 schreibt. Doch 1764 war auch diese Kapelle baufällig, so dass der Indersdorfer Propst Gelasius Morhart (1748-1768) sie abreißen ließ. 1766 wurde an derselben Stelle ein neues Gotteshaus eingeweiht, das aber nicht lange stand. Denn schon 1802 befahlen Kurfürst Max IV. Joseph und sein Minister Montgelas den Abbruch, um Baumaterial für die neugegründete Mooskolonie Karlsfeld zu gewinnen. Nicht weniger als 51 850 Ziegelsteine hat man Angerpointner zufolge erhalten. Aus ihnen baute man an der Straße nach Dachau eine steinerne Brücke über die Würm und Bauernhaus Nummer eins der neuen Kolonie unmittelbar am Würmkanal, das von Joseph Hartmannsgruber aus Oberbachern 1802 errichtete. 1988 wurde es jedoch abgerissen. Heute steht dort ein neuer Komplex mit Büros, Restaurant, Fitness-Studio, Matratzenladen und Parkgarage. W.G.

Falsch ist mit ziemlicher Sicherheit die von Propst Gelasius Morhart genannte Jahreszahl 1127. Der Mord muss bereits einige Jahre früher, um 1120, geschehen sein. Vorher können Bluttat und Stiftung der Kapelle nicht passiert sein, da das Kloster Indersdorf, dem das Kirchlein unterstellt wurde, erst 1120 gegründet wurde. Auch sehr viel später als 1124 hat sich das Geschehen wohl nicht abgespielt, da Gräfin Beatrix in diesem Jahr letztmals urkundlich erwähnt wird.

Die Mörder übrigens wurden nie gefasst. Der ehemalige Kreisheimatpfleger Alois Angerpointner vermutet 1967 in einem Aufsatz sogar, dass man sich um ihre Ergreifung gar nicht bemüht habe, obwohl die Täter bekannt gewesen sein dürften. Zudem ist Angerpointner sicher, dass der getötete Graf Arnold II. von Dachau keinem Raubmord zum Opfer gefallen ist, weil die Täter ihm sonst den Ring vom Finger gezogen hätten. Angesichts der Tatsache, dass hierzulande in jener Zeit unter Rittern noch recht archaische Rechtsverhältnisse geherrscht hätten, müsse man der abgeschlagenen Hand symbolische Bedeutung beimessen: Eidbrecher beispielsweise seien seinerzeit mit dem Abschlagen der rechten Hand bestraft worden.

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