Süddeutsche Zeitung

SZ-Serie: Sagen und Mythen, Folge 3:Das Wunder von Einsbach

Die Kirche Heilig Blut war jahrhundertelang ein beliebter Wallfahrtsort. Die Menschen glaubten an die Heilkraft des Wassers, das aus einer Quelle unter dem Gotteshaus kommt. Der Legende nach entspringt sie dort, wo ein Hirte eine geweihte Hostie fallen ließ

Kein elektrisches Licht, das finstere Nächte erhellte, keine Naturwissenschaften, die unheimliche Phänomene hätten erklären können - kein Wunder, dass die Menschen früherer Zeiten versuchten, mit Geschichten zu erklären, was sie ängstigte. Auch historische Ereignisse wurden als Geschichten weitererzählt, oft ausgeschmückt und verfremdet. So entstand über die Generationen ein reicher Schatz an Sagen, Mythen und Legenden. Einige davon werden nun in der SZ nacherzählt.

Wer in den kleinen, zur Gemeinde Sulzemoos gehörenden Ort Einsbach kommt, schaut auf zwei Kirchen: die Pfarrkirche St. Margareta mit ihrem barocken Zwiebelturm und die nur wenige Meter weiter an der Hauptstraße stehende Kirche Heilig Blut mit ihrem gotischen Turm.

Zwei Kirchen für ein nur kleines Dorf? Am Argument, dass eine Pfarrkirche ausreichen müsse, wäre vor einigen Jahren beinahe die dringend notwendige Renovierung von Heilig Blut gescheitert. Dann aber überwog doch die Einsicht, dass ein Gotteshaus mit so interessanter Geschichte und solch architektonischen Besonderheiten, wie sie Heilig Blut zu bieten hat, unbedingt erhalten werden müsse - auch dann, wenn ihr praktischer Nutzen in einer neuen, eher kirchenfernen Zeit nur noch mit Mühe nachweisbar ist.

Heilig Blut nämlich war jahrhundertelang ein vielbesuchter Wallfahrtsort, und das hat Spuren in der Baugeschichte ebenso hinterlassen wie in der Erinnerung der Menschen. Die Entstehung von Wallfahrtsorten ist so gut wie immer mit Ursprungslegenden verbunden: mit der Geschichte eines wundersamen Ereignisses, das die Menschen als Fingerzeig Gottes verstanden. Im Fall der Einsbacher Wallfahrtskirche ist es ein Hirte aus Lauterbach, der frevelhafterweise beim Besuch der Ostermesse eine geweihte Hostie mit nach Hause nehmen will. Er lässt sie beim Übersteigen eines Viehgatters versehentlich fallen, und dort, wo sie zu Boden fällt, entspringt eine Quelle. Die Menschen sind alsbald von der Heilkraft ihres Wassers überzeugt, waschen ihre Augen darin, nehmen es mit nach Hause. Auf einem großen Votivbild in der Kirche ist das Geschehen auf das Jahr 1004 datiert - zu früh, glauben später, im 20. Jahrhundert, Volkskundler und Historiker und kommen auf Grund der Baugeschichte und der ersten urkundlichen Erwähnung einer "Kapellen" 1430 zu dem Schluss, dass die "1" auf dem Votivbild als "4" gelesen werden und das Jahr des Hostienwunders somit 1404 gewesen sein müsse. Die Kapelle wurde später vergrößert. Im Zuge der Barockisierung von Heilig Blut gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurde die Quelle neu gefasst und der große Brunnen mit Ziergitter und der Jahreszahl 1688 errichtet, der heute noch die Besonderheit der Kirche ausmacht.

Als im Zuge der Säkularisation 1804 der Abriss drohte und die Kirche erst versteigert werden sollte, dann aber als Strohlager genutzt wird, bleiben die Wallfahrer aus. Nach Reparaturen und Umbauten in den folgenden Jahrzehnten war Heilig Blut gegen Ende des 20. Jahrhunderts nur mehr eine Rumpelkammer, in der Altäre und Kirchenbänke unter einer dicken Staubschicht lagen. Am Wasser aus dem Kirchbrunnen hatte niemand mehr Interesse. Das änderte sich erst wieder nach der 2007 abgeschlossenen Renovierung. Michael Schlatterer und seine Frau Margarete, die gleich hinter der Kirche wohnen, berichten, dass es heute wieder Menschen gebe, die das heilkräftige Wasser mit nach Hause nehmen. Und gar nicht so selten fänden Taufen in Heilig Blut statt, bei denen ebenfalls das Wasser aus dem Kirchenbrunnen verwendet wird.

Während die Ursprungslegende der Wallfahrt nach Heilig Blut ins Dunkel der Vergangenheit zurückreicht, ist eine andere mit der Kirche verbundene Geschichte historisch verbürgt. Sie wurde vom früheren Kreisheimatpfleger Alois Angerpointner in sein Buch über altbayrische Sagen aufgenommen und belegt, wie sehr sich die Einstellung zu religiösem Brauchtum und überlieferten Traditionen der Volksfrömmigkeit unter dem Einfluss der Aufklärung geändert haben. Laut Angerpointners Darstellung hat der Einsbacher Pfarrer Johann Baptist Stettner 1864 dem erzbischöflichen Ordinariat München-Freising gemeldet, dass einer seiner Vorgänger, der "glaubenslose Pfarrer Felix Sigler", gegen Ende des 18. Jahrhunderts das Wunder von Einsbach "aus dem Gedächtnis der Einsbacher dadurch zu tilgen versucht" habe, dass er die Altäre verändert und Salz in den Kirchenbrunnen habe werfen lassen, um dessen Wasser ungenießbar zu machen.

Pfarrer Sigler soll Illuminat gewesen sein, sein Tun müsse im Sinne des damals neuen Zeitgeistes verstanden werden, gibt Angerpointner zu bedenken. Der Pfarrer hat in der Tat die Altäre in Heilig Blut umgruppiert. Der Hauptaltar zeigt seit damals den Heiligen Sebastian, den Heiligen der auch heute in Einsbach noch aktiven Sebastiani-Bruderschaft. Das vorher als wundertätig verehrte Gnadenbild eines Christus Salvator wurde vom Hochaltar entfernt und gilt als verschollen.

Aber dann kamen die Dinge doch anders als gedacht und ein neues Wunder geschah: Pfarrer Sigler erkrankt schwer, wird aber durch Reue, Gebet und das Versprechen, Buße zu tun, geheilt. Auf einer 1791 datierten Votivtafel, die heute nicht mehr in der Kirche hängt, soll Sigler dem Wasser von "Heiligen Blut" für seine Rettung gedankt haben.

Legenden verändern sich, werden im Laufe der Zeit neu gedeutet, werden vielleicht auch vergessen. Schon Angerpointner schildert das Hostienwunder etwas anders: Demnach habe der Hirte die Hostie auf den Boden einer bereits existierenden Kirche fallen lassen, aus deren Boden dann die Quelle entsprang. Was die Überlieferung vom "glaubenslosen" Pfarrer Sigler angeht, so interpretiert Michael Schlatterer sie heute auch ein wenig anders, als es Angerpointner getan hat: Vielleicht sei dem Pfarrer ja der ganze Wallfahrtsbetrieb zu viel geworden und er wollte es auf seiner Pfarrstelle nur etwas "gemütlicher" haben, glaubt Schlatterer.

Und vielleicht erzählen die Legenden rund um Heilig Blut auch nicht die ganze, möglicherweise noch in viel ältere Zeiten zurückreichende Geschichte des Ortes. Noch 1621 nämlich wird vom Brauch der Wallfahrer berichtet, durch die Höhlung des nach vorne offenen Altars hindurch zu schlüpfen. Solche Durchkriechbräuche aber werden im Zusammenhang mit religiösen Riten der Kelten gesehen, genauso wie auch der Glaube an heilige Quellen und deren heilkräftiges Wasser.

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Quelle:
SZ vom 30.12.2016
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