Süddeutsche Zeitung

Sagen und Mythen:Die Burg auf dem Giglberg

Dort, wo in Dachau früher der böse Ritter Arnold getobt und später der Maler Max Feldbauer gelebt hat, spielen heute Kinder. Der Montessori-Verein macht die Geschichte des Ortes immer wieder zum Thema.

Von Petra Schafflik, Dachau

Unter der hellen Wintersonne tobt eine fröhliche Kinderschar. Schneekugeln werden gerollt, Klettergerüste erklommen. Den steilen Hang im Areal des Dachauer Montessori-Kindergartens nutzen die Mädchen und Buben als Rodelberg. In der heiteren Szenerie ist weit und breit nichts zu sehen von feurigen Hunden und wilden Schimmeln, wie sie der Sage nach hier von Zeit zu Zeit ihr Unwesen treiben sollen. Dennoch ist es keine Überraschung, dass sich verschiedene im Volksmund überlieferte Geschichten um diesen steilen Hügel ranken, der Giglberg genannt wird. Die Anhöhe über dem Ampermoos ist nicht irgendein Hügel, sondern ein markanter Punkt der Stadtgeschichte. Das Gebäude, das heute dort steht und in dem seit 15 Jahren Kinder spielen, ließ sich 1911 der Maler Max Feldbauer als Künstlervilla errichten. Doch weit früher, nämlich bereits im 12. Jahrhundert, ragte auf dem Giglberg ein ganz anderes Bauwerk empor: Dachaus erste Burg. Dieses mittelalterliche Bauwerk überdauerte nur wenige Jahrzehnte, dennoch - oder vielleicht gerade deswegen - beschäftigen sich gleich drei Sagen mit Burg und Giglberg.

Die erste Dachauer Burg errichtete zwischen 1104 und 1122 Graf Arnold aus der weit verzweigten Wittelsbacher-Dynastie. Für die Burganlage wurde offenbar eine natürliche Anhöhe so umgestaltet, dass ein Hügel mit Plattform und umlaufendem Graben entstand. Der Graben wurde, so nehmen es Historiker an, von der nahen Amper mit Wasser gespeist, die Burg aus Holz errichtet und mit Palisaden geschützt. Aber schon 1143 ging das Bauwerk während einer Auseinandersetzung mit dem Staufer-König Konrad III in Flammen auf und wurde völlig zerstört. Ein Neubau wurde bald in Angriff genommen, doch entstand die zweite Dachauer Burg dann nicht mehr auf dem Giglberg, sondern im Bereich der heutigen Altstadt.

Die Sage berichtet von einem bösen, hartherzigen Ritter

Diese historischen Tatsachen greift die Sage um "Die Burg am Giglberg" auf. Dort wird berichtet von einem bösen, hartherzigen Ritter, der auf einer Wasserburg am Giglberg ein gottloses, unbarmherziges und ausschweifendes Leben geführt, seine Bauern massiv unterdrückt habe. Die Strafe für dieses Leben in Saus und Braus ließ aber nicht lange auf sich warten. Ein nächtliches Sommergewitter brach herein, "wie man es seit Menschengedenken im Ampertal nicht mehr erlebt hatte", schreibt der Heimatkundler und ehemalige Kreisheimatpfleger Alois Angerpointner in seiner Sammlung Altbairischer Sagen. Auf der Burg, wo laut und wild gefeiert wurde, bekam niemand etwas mit von dem Unwetter, alle fühlten sich sicher in dem massiven Bau. Bis sich plötzlich die Erde auftat und alle verschlang - "die Burg, die Ritter und die Frauen".

Denselben geschichtlichen Kern haben zwei weitere Sagen, die sich um fantastische Tiere ranken. So sollen sich rund um den Giglberg nachts oft böse Hunde herumtreiben. Die wilden Tiere, "deren Fell sich sträubt und denen das Feuer aus den Augen leuchtet wie ein funkensprühender Stern", versperren jedem den Weg, der sich der Anhöhe nähern möchte. Erzählt wird auch von einem ungestümen, wilden Schimmel, der ab und zu vom Giglberg herunter zur Amper stürmt. Dort soll sich das Tier der Sage nach friedlich zu den anderen Pferden gesellen, bis abends dichte Nebelschwaden im Moos aufsteigen. Dann galoppierte der Schimmel sofort zurück zum Giglberg, "einen feurigen Schweif hinter sich herziehend, Feuer und Schwefel aus seinen Nüstern blasend".

1911 wurde aus dem Burgberg ein Künstlerberg

Von der sagenumwobenen Burg auf dem Giglberg ist heute nichts übrig. Vielmehr erhebt sich dort die Jugendstil-Villa, die der Maler Max Feldbauer 1911 hat errichten lassen. Der vom Architektenehepaar Delisle und Ingwersen konzipierte Bau, der unter Denkmalschutz steht und originalgetreu erhalten ist, nimmt auf den historisch bedeutsamen Bauplatz Bezug. So erreichte man das Gebäude ursprünglich über eine steile Holzbrücke, die an eine mittelalterliche Zugbrücke erinnerte. Erst bei der Renovierung des Anwesens in jüngerer Zeit wurde Erdreich aufgeschüttet, die Brücke durch eine feste Rampe ersetzt. An eine Burg denken lässt auch die Eingangssituation: In den Innenhof des im Norden von einer Mauer umgebenen Baus gelangt man durch ein schweres, eisenbeschlagenes Tor, das von zwei Türmchen eingefasst wird. Das Gebäude selbst lässt - trotz kindgerechter Umbauten - nach wie vor das ehemalige Künstlerhaus spüren: mit dem fast unveränderten Grundriss, der klaren Gliederung in Wohn- und Ateliertrakt, der imposanten Treppe mit geschwungenem Handlauf und dem großen Rundbogenfenster.

Denkmalgeschützte Künstlervilla auf ehemaligem Burgberg: Wie geht ein Kindergarten mit diesem speziellen Umfeld um? "Zunächst einmal ist das Haus für die Kinder Alltag, ein Haus wie jedes andere", erzählt Leiterin Anna Varga-Schaub. Wo erwachsene Besucher sofort die besondere Atmosphäre des Gebäudes bemerkten, entdeckten die Kleinen erst nach und nach Details und Besonderheiten. In der pädagogischen Arbeit nimmt sich das Team hin und wieder Themen vor, die mit dem Anwesen und seiner Geschichte zu tun haben. Schon gleich beim Einzug der Kita 2001 kam ein mit den Kindern gemeinsam entwickeltes Schauspiel zur Aufführung, das sich mit der Sage um Ritter Arnold beschäftigt. Ein "wahres Märchen um die Prinzessin und den Ritter auf dem Giglberg" haben die Kinder als Buch gestaltet. Auch mit dem ursprünglichen Hausherrn des aktuellen Gebäudes, dem Maler Max Feldbauer, haben sich die Mädchen und Buben in einem Kunstprojekt beschäftigt. Die Kinder haben die Biografie des Künstlers erforscht, sich mit seinen Bildern auseinandergesetzt und selbst ähnliche Motive gestaltet. "Schließlich ist Feldbauer im Haus präsent und Teil unseres Alltags." Allein schon durch das markante Selbstportrait, das als Büste an der Hauswand prangt, ist der Künstler den Kindern vertraut.

Aber wie steht es nun um die geheimnisvollen Kräfte, die hier der Sage nach ihr Unwesen treiben? "Das Areal birgt schon seine Geheimnisse", sagt Varga-Schaub. Zum Beispiel führe von den Schuppen, die in die Tormauer integriert sind, ein unterirdischer Gang zu einer Höhle im Abhang. Die Zugänge wurden beim Umbau zur Kita natürlich aus Sicherheitsgründen geschlossen. Und auch die Lage des Gebäudes, so hoch über der Stadt, schaffe eine besondere Stimmung. Wer einmal allein im Haus ist, merke: "Wenn im Herbst schwere Stürme rund ums Haus toben, entsteht eine seltsame, fast ein wenig unheimliche Atmosphäre."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3342467
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 21.01.2017
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.