Geschichten aus dem Dachauer Land Griechische Insel an der Landkreisgrenze

Neun Menschen, 70 Rinder: Das Leben in Xyger ist beschaulich. Seinen Namen verdankt der winzige Weiler einer Marotte des bayerischen Königs Ludwig I.

Von Viktoria Großmann, Altomünster

Die Bezirksgrenze verläuft direkt durchs Silo von Josef Riedlberger. Die Hälfte des Futtermaises für seine 70 Mastbullen liegt in Schwaben. Aber dort ist Riedlberger nicht zu Hause. Weder sprachlich noch überhaupt. Dass seine Felder und Wäldchen am Rande des Landkreises Dachau von drei verschiedenen Ämtern vermessen wurden, hat mit der Kreisreform zu tun, die erst die Grenzen zwischen den Landkreisen Dachau und Aichach neu zog und später auch noch Aichach und Friedberg zusammenzwang.

Riedlberger ist jedenfalls ein Oberbayer. Geboren vor 55 Jahren in Altomünster, seither wohnhaft in Xyger 1. Es gibt auch noch Xyger 2. Und seit wenigen Jahren Xyger 2a. Den überwiegenden Teil der Bevölkerung stellt die Familie Tyroller, sechs Personen, drei Generationen, dazu Josef Riedlberger und seine Eltern, macht insgesamt neun Einwohner. Die alle miteinander verwandt sind. Die Großväter von Josef Riedlberger in Xyger 1 und von Johann Tyroller in Xyger 2 waren Brüder. Zuerst kam Tyrollers Großvater 1906 nach Xyger, 1912 folgte der Bruder. Dass heute nicht mehr alle denselben Namen tragen, rührt daher, dass in der Erbfolge in Xyger 2 öfter mal Frauen eine Rolle spielen, die jemanden auf den Hof mitbringen. So war es bei Tyrollers Mutter und so wird es bei seiner älteren Tochter sein, die den Hof irgendwann weiterführen will.

Auf Google Maps ist der Ort nicht zu finden

Ausgeschildert sind die beiden Einödhöfe nur von Thalhausen aus. Auf Google Maps existiert der Ort nicht, für Navigationsgeräte ist er eine Herausforderung. Dabei hat Xyger sogar eine eigene Bushaltestelle. Riedlberger winkt ab. "Die ist doch in Schwaben." Wer von Dachau immer Richtung Norden fährt, kommt vorbei, vielleicht, ohne es zu merken. Xyger liegt am Weg, Ziel ist es nur für Kenner, für Wurstliebhaber zum Beispiel. In Xyger kann man Weißwürste kaufen. Oder Räucherspeck. Und alles andere vom Schwein. Alles direkt ab Hof von der hauseigenen Metzgerei der Tyrollers. Denn außer neun Einwohnern und Riedlbergers Mastbullen gibt es noch, je nach Saison, bis zu 70 Schweine in Xyger.

Es gibt kaum öffentlichen Grund in Xyger. Wer den Ort betritt, trampelt automatisch in den Vorgarten der Tyrollers oder eben der Riedlbergers. Der Begriff "Ort" ist übertrieben. Xyger ist zu klein für jede Art der Bezeichnung. Nur sein Name macht es zu einer Ortschaft. Ein Name, der vor 200 Jahren gewissenhaft auf- und festgeschrieben wurde, der so fremdartig und verheißungsvoll klingt und damit Auskunft gibt über die Geschichte Bayerns und die Leidenschaft eines seiner Könige.

"Wir sind eine griechische Insel im Dachauer Land", sagt Josef Riedlberger. Recht hat er. Der Name Xyger mutet in den Augen vieler Griechisch an und das soll er auch. König Ludwig I. liebte Griechenland, er ließ München nach antikem Vorbild umbauen und unterstützte mit viel Geld die Befreiungskämpfe. Zum Dank wurde sein Sohn Otto zum griechischen König bestimmt. Ludwig, in seiner Begeisterung, hellenisierte daheim nach besten Kräften die Schreibweise der Orte in seinem Reich. Zuallererst gab er Bayern selbst sein malerisches Ypsilon. In der Folge bemühten sich verschiedene Amtsschreiber, ihrem König einen Gefallen zu erweisen und möglichst viele Ypsilons auf der Landkarte zu verteilen. Hätte es für jeden Buchstaben wie beim Scrabble-Spiel einen Bonus gegeben, wäre Xyger der reinste Glücksfall gewesen. Zu jener Zeit wurde Ordnung in der Schreibweise geschaffen und das Nebeneinander von unterschiedlichsten Formen beendet. Der Historiker Wilhelm Liebhart schreibt es einem besonders ehrgeizigen, aber auch ortsunkundigen und an Namensbedeutungen kaum interessierten schwäbischen Beamten zu, Xyger für alle Zeiten ins Ortsregister geschrieben zu haben.

Früher wurde der Ort Gsiger geschrieben

Die bairische Schreibweise war Gsiger. Daneben kursierte auch Ziger. Liebhart führt beides auf das Wort Sickern oder Versickern zurück, konkret auf das mittelhochdeutsche Wort "sic", in der Bedeutung von "Ort, wo Wasser versiegt". Die natürliche Lage bestätige das. In Xyger gebe es eine Senke, an der Wasser versickert. Josef Riedlberger sieht das nicht so. Das Problem in Xyger, sei gerade, dass es kein Wasser gebe. Auch keines, das irgendwo versickern könnte. Die Trockenheit sei der Grund dafür, dass die Höfe, die erstmals 1466 urkundlich erwähnt wurden, so oft Besitzer oder Pächter gewechselt hätten.

Der Grund gehörte früher einmal dem Kloster Altomünster, was beweist, dass das Land urbayerisch ist. Später wurde es immer wieder verkauft und verpachtet. Riedlberger hat sich für seine Facharbeit zum Landwirtschaftsmeister durch Chroniken und Kirchenbücher gearbeitet und die Geschichte Xygers aufgeschrieben. Die dürren Daten lassen nur erahnen, wie hart das Leben war: Kinder starben früh, Bauern kamen in finanzielle Schwierigkeiten. Im Vergleich halten sich Riedlbergers und Tyrollers bereits am längsten in Xyger.

Rund um Xyger: Felder, Äcker, kleine Wäldchen.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Ein 45 Meter tiefer Brunnen sicherte den Bauern die Wasserversorgung

Neben dem Haus, das Riedlbergers Vater 1956 gebaut hat, gibt es einen verschlossen Brunnen. Ein Betondeckel liegt darauf, seit Jahrzehnten nicht geöffnet, seit Xyger ans Altomünsterer Wassernetz angeschlossen wurde. Unter dem Deckel geht es 45 Meter tief nach unten. Um neun Meter hat Riedlbergers Vater den Brunnen Anfang der Fünfzigerjahre nochmals vertieft. Dann sprudelte endlich wieder Wasser, zuvor war es mit der Landwirtschaft immer schlechter gegangen. So ein tiefer Brunnen, der über so viele Jahrzehnte und Jahrhunderte Bestand hat auf so einsamem Gebiet, lädt zu gruseligen Spekulationen ein. Was oder wer mag darin alles heimlich versenkt worden sein. Riedlberger legt sein hageres, waches Gesicht in Falten, als müsste er darüber ernsthaft nachdenken. Dann sagt er: "Das wäre der Wasserqualität nicht zuträglich." Und lächelt verschmitzt.

Riedlberger bewirtschaftet Felder, deren Erträge - Dinkel, Roggen, Weizen - er über die landwirtschaftliche Kooperative "Dachauer Land" vermarktet. Wald hat er auch, in dem haust gerade der Borkenkäfer und natürlich das Vieh, die Milchkuhhaltung hat er schon lange aufgegeben. Genauso sein Nachbar Johann Tyroller. Der baut auf seinen Feldern Futter für seine Schweine an. Nachdem der heute 57-Jährige 1991 den Hof vom Vater übernommen hatte, baute er ein Schlachthaus. Seither wird auf dem Hof selbst geschlachtet, gekühlt, gewurstet und verkauft. Nur ab Hof, in die Läden kommen die Produkte nicht.

Er allein könnte vom Ertrag seines Hofes vielleicht schon leben, sagt Riedlberger. Doch er verbringt genauso wenig wie Nachbar Tyroller alle seine Tage in Xyger. Tyroller fährt jeden Tag zu seiner Arbeit als Versuchsmechaniker in München. Um Vieh, Schlachterei, Metzgerei, Verkauf und einen Cateringservice kümmert er sich gemeinsam mit seiner Frau abends, am Wochenende, im Urlaub.

Den nächsten Ort kann man von Xyger aus nicht einmal sehen

Josef Riedlberger ist CSU-Gemeinderat in Altomünster, Kreisrat, Mitglied im Kreisvorstand des Bauernverbands, Prüfer für Landwirtschaftsmeister und außerdem hat er noch seinen Hauptberuf: Berater für landwirtschaftliche Betriebe. Er fährt zu Bauern im Oberland und bis nach Niederbayern. Er ist soviel unterwegs, dass es schwer ist, ihn überhaupt mal auf seinem Hof anzutreffen. Da klettert er dann gerade vom Traktor, die Sonne steht schon tief, die Rinder sind versorgt, die Äcker abgeerntet, auf einem Feld steht schon die Zwischenfrucht. Eine junge Katze jagt Mäuse. Am Walnussbaum im Hof reifen die Früchte. Wenn nicht gerade ein Auto vorbeifährt oder sich einer der Bullen im Stall bewegt, ist es ganz still. Riedlberger schaut in den Abendhimmel und sagt den Satz, den später auch Johann Tyroller sagen wird: "Ich bin immer froh, wenn ich wieder hier bin."

Ist all diese Betriebsamkeit, das viele berufliche, manchmal private Reisen denn nicht auch eine Flucht aus dieser Abgeschiedenheit? "Es ist gerade andersherum", sagt Josef Riedlberger. Xyger, das sei sein Ausgleich für das mit Terminen und Verpflichtungen vollgestopfte Leben.

"Mein Enkel wächst hier nicht hinterm Holz auf", sagt Johann Tyroller. Schon durch die vielen Leute, die zum Einkaufen auf den Hof kämen, "bis aus Augsburg und München", sei man in Xyger nie viel alleine. Obwohl man von hier aus keine andere Ortschaft sehen kann, nur Felder und Wäldchen, sind die nächsten Siedlungen nicht weit weg. Mit dem Fahrrad seien sie als Kinder schnell in Wollomoos gewesen, in die Schule nach Sielenbach seien sie zu Fuß gelaufen, erzählen Riedlberger und Tyroller. Schon damals hat es auch einen Schulbus nach Sielenbach gegeben, aber "über die Felder hab ich nur zehn Minuten gebraucht", sagt Tyroller. "Wir haben genug Freunde gehabt", sagt er, ebenso wie Riedlberger ist er mit Geschwistern in Xyger aufgewachsen. Bei seinen Kindern sei es genauso gewesen. Die Eltern haben sie gefahren, zum Sport, zum Musikunterricht, zu ihren Freunden. Oder die Freunde kommen her. Das ist bis heute so. "Einsam sind wir hier nicht."

Einsamkeit wird hier anders definiert

Draußen vor den Höfen führt die Staatsstraße 2047 Richtung Aichach entlang, eine Pendlerstraße. Sie nimmt Xyger etwas von seiner Ruhe. Mit viel zu hohem Tempo werde da durchgerast, sagt Tyroller. Der Schulbus für seinen Enkel hält deshalb direkt an der Hofeinfahrt. Das Internet kommt noch nicht so ganz auf dem Hof an. Das ruckelt ein bisschen. "Aber soviel Zeit hab ich auch noch", sagt Tyroller und lacht. Außerdem kommt nächstes Jahr das schnelle Glasfasernetz.

Einsamkeit wird in Xyger anders definiert. Keiner hier kann sich vorstellen, in Dachau, geschweige denn in München zu leben. Johann Tyrollers Tochter hat es am Anfang ihres Berufslebens probiert. "Ein halbes Jahr hat sie es in Dachau ausgehalten." Dann kam sie zurück nach Xyger.

"Sie war so einsam dort." Der Ort, oder was man so nennen könnte, kann nicht wachsen. Außenbereich. Bauen nicht erlaubt. Nicht mal auf dem eigenen Grund. Viele Bauern in den Weilern im Landkreis kennen das, einige ärgert es. Nur eine Umnutzung landwirtschaftlicher Gebäude ist erlaubt. Wenn die Höfe nun doch irgendwann nicht mehr laufen, wenn der Enkel lieber in der Stadt leben will? Wird es Xyger dann irgendwann nicht mehr geben? Josef Riedlberger lacht sein verschmitztes Lächeln: "Es wird immer jemanden geben, der Xyger zu schätzen weiß."