SZ-Serie: Geschichten aus dem Dachauer Land, Folge 11 Allein auf weiter Flur

Milbertshofen in München kennt fast jeder. Der gleichnamige Weiler bei Vierkirchen ist nur der Postbotin bekannt, Auswärtige verirren sich selten hierher. Entsprechend irritiert reagierendie Einwohner, wenn sie Besuch bekommen

Von Benjamin Emonts, Vierkirchen

In einer Einfahrt wäscht ein junger Mann sein Auto, man denkt, er müsste sich auskennen in der Gemeinde Vierkirchen. Nach dem Weg nach Milbertshofen gefragt, schaut er dann aber völlig verstört. "Nach Milbertshofen? Da bist du hier ganz falsch. Milbertshofen liegt ja in München", sagt er. Der junge Mann hat damit zwar nicht unrecht. Doch sollten zumindest Einheimische wissen, dass auch die Gemeinde Vierkirchen einen Ortsteil namens Milbertshofen hat. Dort gibt es zwar keine U-Bahnhaltestelle und auch keinen Olympia-Park, aber immerhin fünf Bauernhöfe, ein Fernsehgeschäft und den Hofhund Leo, der es mit den verwöhnten Stadthunden locker aufnehmen kann. Die Postbotin, die in Vierkirchen von Briefkasten zu Briefkasten eilt, kennt immerhin den Weg. Von Vierkirchen aus fährt man einfach nach Giebing und "da biegst an der Wirtschaft rechts ab", sagt sie. Und da liegt auch schon das winzige Milbertshofen.

Es ist zwar nicht mit der U-Bahn, aber immerhin mit der Buslinie 708 von der Großen Kreisstadt Dachau aus zu erreichen, Haltestelle "Milbertshofen Aussiedlerhof". Umgeben ist die Siedlung von Orten mit so klangvollen Namen wie Biberbach, Viehbach, Westerndorf oder Giebing. An der Grenze zu den Gemeinden Haimhausen, Röhrmoos und Fahrenzhausen ist Milbertshofen in der Gemeinde Vierkirchen so etwas Ähnliches wie ein Vierländereck.

Nur halt viel kleiner.

Die landwirtschaftlichen Anwesen in der Ortschaft wirken verwaist, abgesehen von zwei Traktoren, die Gülle auf die Felder fahren. Das Elektronik-Geschäft Liebhart, das auf einem ausrangierten Bauernhof liegt, hat die Jalousien heruntergelassen. Im Garten des anschließenden Wohnhauses weht eine Bayern-Flagge mit dem Freistaats-Löwen, auf der Terrasse ist eine Zapfanlage installiert. Schließlich öffnet ein misstrauischer Mann das Elektronik-Geschäft, nachdem man über die Sprechanlage aufgefordert wurde, eine Weile zu warten. Es ist ein merkwürdiges Gefühl hier in dem halbdunklen Laden. Der Mann grummelt nur, er habe über Milbertshofen nichts zu sagen. "Gehen's doch rüber zum Nachbarn."

Auch dieser Hof wirkt zunächst wie ausgestorben. Eine ältere Frau auf der Terrasse blockt ab: Es gebe nichts zu erzählen, und ihr Mann sei gerade unterwegs. Er kommt dann doch plötzlich hinter der Gardine hervor und tritt auf die Terrasse. Höflich erzählt Anton Gattinger, dass sie früher bis zu 25 Pferde gehabt hätten. Die fünf verbliebenen, die Privatleute bei ihm untergestellt haben, grasen jetzt auf einer Koppel am Ortsausgang. Mehr habe er eigentlich auch nicht zu erzählen. Außer, dass amerikanische Soldaten kurz vor der Befreiung am Ende des Zweiten Weltkriegs auf seinem Hof Rast und Brotzeit gemacht und einige Fässer Bier leer getrunken hätten.

Ein großes, gelbes Bauernhaus mit grünen Fensterläden macht noch den lebendigsten Eindruck. Am Hofeingang, das war schon zu befürchten, stürmt sofort ein kräftiger Hund bellend auf einen zu. Zum Glück beißt er nicht. Leo, ein extravaganter Mischling mit markanten Gesichtszügen, ist der Chef auf dem Bauernhof der Familie Kari - wobei er eigentlich wirkt, als wäre er der König der gesamten Ortschaft. Leo hat ein braunes und ein kristallblaues Auge. Wenn das große Auto der Familie losfährt, hat er den Tick, direkt vor den rollenden Vorderreifen herzulaufen, als würde er den Nervenkitzel suchen. Die Gefahr hat er offensichtlich genauso im Griff wie seinen Hof. "Der hat zwar noch keinem was getan. Aber in der Nacht geht hier kein Fremder rein", sagt der Landwirt Alfred Kari senior. Sein Bauernhof trägt den Namen "Kappenschneider", vermutlich, weil ein Vorgänger hier einstmals Tierhaut zu Leder gegerbt hat. Der Name Kari erscheint erstmals 1857 in Verbindung mit dem Hof, so hat die Familie recherchiert. Sie besteht heute aus sieben Mitgliedern: den Großeltern Alfred und Maria Kari,den Enkelkindern Matthias, 10, Johannes, 9, und Franziska, 6, und ihren Eltern Michael und Rosa. An diesem Mittag sitzen sie alle gemeinsam mit dem Auszubildenden Alexander und ihren zwei Angestellten an einem großen Tisch vor dem Bauernhaus und essen Schweinsbraten mit Knödeln und Kaiserschmarrn als Nachspeise. Michael Kari sagt geradeaus: "Setz' dich halt her."

Der Bauernhof der Karis ist kein ganz gewöhnlicher. In einer großen Maschinenhalle mit integrierter Werkstatt stehen sechs riesige Häcksler, die gerade für die anstehende Maisernte in Schuss gebracht werden. Die schweren Landmaschinen gehören Michael Kari und seinem Cousin. Gemeinsam betreiben sie ein sogenanntes Lohnunternehmen. Etlichen Bauern aus dem Umkreis helfen sie gegen Bezahlung bei der Silage von Mais oder Gras. Die mächtigen Gebisse der Häcksler mähen bis zu zwölf Reihen gleichzeitig ab, über einen GPS-Empfänger und Satelliten halten die Gefährte schnurgerade die Fahrspur, ohne dass man sie lenken muss. "Die Technik ist unser Hobby", sagt Michael Kari, und sein Vater Alfred nickt ihm zu. Der Senior hat als junger Mann mit Ross und einscharigem Pflug geackert. "Man wächst mit der Technik mit. Die Arbeit ist viel leichter und effektiver geworden", sagt er.

Aus ihren 17 Kühen sind inzwischen mehrere Hundert Rinder geworden. Die Karis betreiben eine sogenannte "Fresseraufzucht". Das heißt, sie kaufen junge Kälber, züchten sie 14 bis 15 Wochen und verkaufen sie dann weiter. Angesichts sinkender Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse sind die Karis erfinderisch geworden. Eine große Biogas-Anlage erzeugt Strom, den sie zu 100 Prozent ins Netz einspeisen. Die freigesetzte Wärme bei der Biogas-Erzeugung nutzen sie, um Holzschnitzel und Heu für sich und andere Landwirte zu trocknen. Das geschnittene Gras müsse dadurch nicht so häufig gewendet werden und sei qualitativ deutlich besser, erzählen sie stolz. Dass im April 1992, ausgerechnet am Geburtstag des Opas, der große Stadel neben ihrem Haus komplett abgebrannt war, hat die Familie mittlerweile verwunden. An jenem Tag soll richtig was los gewesen sein in Milbertshofen. Sogar die Feuerwehr war da mit Blaulicht und Sirene.