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SZ-Serie: Geschichten aus dem Dachauer Land, erste Folge :Aus ganz besonderem Holz

In Obermarbach steht eine Linde, der anscheinend selbst Feuer nichts anhaben kann. Auch die Dorfbewohner halten unverbrüchlich zusammen.

Obermarbach sieht man sich am besten zweimal an. Einmal mit eigenen Augen. Einmal durch die Augen von Ferdinand Huber. Ferdinand Huber ist eigentlich Landwirt. Einer von drei verbliebenen in dem 200-Seelen-Dorf. Aber er ist auch Zeichner. Der Erfolg, den er mit seinen Kohlezeichnungen hat, die er auch in Ausstellungen zeigt, scheint ihn selbst zu überraschen. Vor 20 Jahren etwa, als es der Viehzüchter nach einer Bandscheibenoperation etwas ruhiger angehen musste, besann er sich auf eine Lieblingsbeschäftigung aus Kindertagen. "Jetzt komm' ich nicht mehr davon los", sagt der 65-Jährige. Nicht nur, weil er das nicht will. Sondern weil keiner, der seine Zeichnungen kennt, das zulassen würde. "Das hat sich dermaßen entwickelt", sagt Huber erstaunt.

Obermarbach

Unbedingt sehenswert ist auch die hohle Linde, die hier wohl schon im Dreißigjährigen Krieg stand – und immer noch wächst und gedeiht.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Seine zarten Kohlestiftzeichnungen zeigen Bauern- und Wirtshäuser, Gassen und Ortsansichten der näheren Umgebung. Auch die Menschen, die dort leben. Huber porträtiert sie mit all ihren Eigenschaften: dem skeptischen Blick, dem hintersinnigen Lächeln, den Lach- und Sorgenfalten und Bierbauch. Sei es ein Kassier oder ein Heckenschneider. "Ich zeichne alles", sagt Huber. "Meine Enkelkinder genauso wie die beste Kuh im Stall."

Obermarbach in der Gemeinde Petershausen ist eine der nördlichsten Bastionen des Landkreises. Mittermarbach gehört auch noch dazu; Untermarbach liegt schon in der Gemeinde Hohenkammer im Landkreis Freising. Wer hier etwas sehen will, der muss immer hinauf und hinauf. Die 64 Stufen zum Beispiel, um auf den Kirchhof und zur Pfarrkirche Sankt Vitus zu gelangen. Und die steile Dorfstraße hinauf und dann weiter auf dem Feldweg zu einem der schönsten Aussichtspunkte im Landkreis Dachau: dem Hochzeitsplatz.

Deutschlandweit einzigartiger Baum

Etwas zögerlich spricht Eduard Meßthaler von einem "Kraftort". Der Petershausener Gemeinderat hat hier eine Informationstafel angebracht, auf der ein Dreieck sogenannter geomantischer Punkte in der Gemarkung Petershausen beschrieben wird, von denen der Hochzeitsplatz einer ist. Orte, die vielleicht eine ganz eigene Energie haben. "Da oben war schon immer ein besonderer Ort", sagt Meßthaler. Der kleine Hain wird, wie der Name sagt, genutzt, um Hochzeiten und andere Jubiläen zu feiern oder auch für Dichterlesungen. Besiedlung gab es schon in vorchristlicher Zeit. Westlich von Obermarbach wurden wohl zwischen 1600 und 1350 vor Christus Grabhügel angelegt. Sicher ist: Der Hochzeitsplatz ist ein Platz für die Sinne, ob auch für den sechsten ist eine Frage von Glaube und Aberglaube.

Obermarbach

In Obermarbach sollte man gut zu Fuß sein. 64 Stufen geht es die Treppe hinauf zum Hochzeitsplatz.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Zu sehen sind hier an klaren Tagen die Kirchen von 13 umliegenden Dörfern in beiden Landkreisen. Bei Föhn reicht der Blick bis in die Alpen. Der Radweg, der hier vorbei führt, trägt den weniger romantischen Namen "altbaierischer Oxenweg" und führt weiter nach Mittermarbach. In die andere Richtung führt der Weg zurück ins Dorf und vorbei an der hohlen Linde, die sich über die Straße neigt. Deutschlandweit einzigartig sei dieser Baum, sagt Meßthaler begeistert. Auch hier hat er ein Schild angebracht. Etwa 400 Jahre alt könnte die Linde sein. Damit hätte sie dann, nebst der Kirche, schon den Dreißigjährigen Krieg überstanden. Ferdinand Huber hat sie gezeichnet, in zartem Frühjahrslaub, das Wurzelwerk entblößt, mit Ästen, die wie Arme in alle Himmelsrichtungen greifen.

Obermarbach

Ein Baumhaus der besonderen Art befindet sich ebenfalls in Obermarbach.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Keine Sagen, keine Schauermärchen, keine merkwürdigen Begebenheiten, wie sonst an solchen Orten üblich, ranken sich um die Linde. Ob man nun Gemeinderat Meßthaler fragt oder die Brüder Martin und Ferdinand Huber, die ihr ganzes Leben in Obermarbach verbracht haben, zur Antwort heißt es nur, der Baum habe mehrmals gebrannt. "Wir dachten, er würde eingehen", sagt Ferdinand Huber. "Aber im nächsten Jahr blühte die Linde nur umso mehr." Die Antworten der anderen lauten ähnlich, und jedesmal folgt ein respektvolles oder auch bedeutungsvolles Schweigen. Vielleicht verfügt der Ort wirklich über eine besondere Energie.

Das ehemalige Wirtshaus verfällt

Die Bewohner hat das nicht vor allen Übeln bewahren können. Oben am Friedhof, der schon etwas zu klein wird, erinnern zwei Tafeln an die Gefallenen der beiden Weltkriege. Auch daran, dass einer der Bauern im Ersten Weltkrieg vier Söhne verlor. Der fünfte führte den Hof neben der Kirche weiter. Er besteht bis heute. Die Pfarrkirche selbst, Sankt Vitus, ist etwas vereinsamt. Im Monat gibt es nur noch zwei Gottesdienste, einmal an einem Dienstag, einmal an einem Sonntag. Der am Sonntag sei etwas besser besucht, sagt Kirchenpfleger Martin Huber. Doch trotz Zuzug wird der winzige Kirchenraum, der beinahe quadratisch ist, nicht mehr voll. Zu Beerdigungen müssen erwachsene Ministranten aushelfen, Jugendliche übernehmen den Messdienst kaum noch. Eine Orgel hat es in dem Gotteshaus, dessen Vorläufer auf die romanische Zeit etwa nach dem Jahr 1000 zurückreichen, nie gegeben. Das Harmonium spielt heute zu den Messen eine koreanische Musikerin aus Petershausen. Einen eigenen Pfarrer hat das Dorf bereits seit 1983 nicht mehr. Damals starb der aus Litauen stammende letzte eigene Seelsorger der Gemeinde.

Obermarbach

Ferdinand Huber, Landwirt und Zeichner, mit seinen Enkeln, den Zwillingen Valentina und Vitus.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Ein Pfarrheim gibt es nicht, der Pfarrhof ist vor vielen Jahren abgebrannt und wurde nicht mehr aufgebaut. Ein Wirtshaus? "Das hat schon seit 1952 zu", sagt Martin Huber. Der damals ein gerade mal achtjähriger Bub war. Eine Schule hat der Ort nie gehabt. Früher liefen die Kinder zu Fuß nach Petershausen. "Als wir größer waren, durften wir mit dem Fahrrad fahren", sagt Huber. Heute halten im Ort immerhin vier Buslinien. Das Haus, das vor 65 Jahren noch ein Wirtshaus war, steht gerade noch so. Es verfällt samt seiner hübschen geschnitzten Holzgiebel und soll bald abgerissen werden. Damit verschwindet auch ein Stück Kirchengeschichte. Denn wie die Kirchenschreiber im 19. Jahrhundert vermerkten, wurde das Pfarrhaus unten am Hang 1869 gegen das Wirtshaus oben am Hang vertauscht. Das ersparte dem Pfarrer den Aufstieg zur Kirche und den Dörflern den zum Wirtshaus.

Tradition ist hier noch wichtig

Anlass zur Traurigkeit ist das alles aber nicht. Zumindest, wenn man Ferdinand Huber zuhört. "Wir halten hier gut zusammen", sagt er. Auch mit den Zugezogenen. Bestimmend für das gesellschaftliche Leben ist der einzige Verein im Ort, die Freiwillige Feuerwehr, die auch den Maibaum aufstellt. Vor mehr als 20 Jahren hat sie ein neues Gerätehaus bekommen. Darüber, im Dachgeschoss, trifft sich nicht nur die Löschtruppe, sondern nötigenfalls auch das ganze Dorf zu Versammlungen. Gleich daneben liegt der zweite wichtige Treffpunkt: ein alter Stadel, der ebenfalls zum Hof der Hubers gehört. Wenn hier in jedem Jahr am Pfingstsonntag Dorffest gefeiert wird, dann kommen auch die Nachbarn aus Richtung Oberhausen, Steinkirchen und Pfaffenhofen. Darüber hinaus wird schon auch anderes gemeinsam gefeiert oder ein Hoagartn veranstaltet. "Mein Enkel spielt schon ganz gut auf der Steirischen", sagt Ferdinand Huber stolz. Tradition bewahren und weitergeben, scheint hier noch ein Wert zu sein. Während Huber seinen Hof in die Hände des Schwiegersohns gibt, wird der Nachbarhof sogar von beiden Söhnen fortgeführt.

Obermarbach

Das Wirtshaus ist schon seit geraumer Zeit geschlossen.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Vitus - so heißt Ferdinand Hubers kleiner Enkel. Wie der Nothelfer, dem die Kirche, die über den Ort wacht, gewidmet ist. Die Figur des heiligen Veit oder Vitus, die in der Wand rechts neben dem Altar steht, stammt von etwa 1530 und ist das älteste erhaltene Kunstwerk in der Pfarrkirche. Aus etwa derselben Zeit soll eine der beiden Glocken stammen. Der italienische Heilige, dem als wohl berühmtestes Gotteshaus der Veitsdom in Prag gewidmet ist, ist eigentlich ein Beschützer der Sachsen und Böhmen und neben anderen auch der Gastwirte. Letzteres hat im Ort nicht geklappt. Doch Vitus bewahrt auch vor bösen Geistern und Geisteskrankheiten. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass es in der hohlen Linde nicht spukt.

Obermarbach

Nach dem Heiligen Vitus ist die Kirche im Ort benannt.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Klar ist damit auch, dass diejenigen, die behaupten, dass Obermarbach eine ganz besondere Anziehungskraft besitzt, sicher nicht verrückt sind.

© SZ vom 24.08.2017/gsl

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