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"Geschichten aus dem Dachauer Land":Das Geheimnis des Rockerls

Warum die Familie Haniel auf einem Hügel zwischen Ottershausen und Inhausen - weitab jeder Bebauung - ein Mausoleum errichten ließ.

Jetzt im Sommer sieht man das Rockerl gar nicht, wenn man auf der Hochstraße vom Haimhausener Ortsteil Ottershausen mit seinen knapp 1000 Einwohnern nach Inhausen fährt, einem winzigen Dorf mit 51 Bürgern. Dicht belaubte, bis zu 150 Jahre alte Bäume verstellen den Blick. Rockerl? Was soll das denn sein, dürfte sich mancher Leser fragen, denn das Mausoleum der Familie Haniel, das im Volksmund so genannt wird, gehört zu den eher unbekannten Baudenkmälern im Landkreis Dachau. Vor einigen Jahren schrieb der damalige Kreisheimatpfleger Norbert Göttler über das Rockerl sogar, es dämmere "im modrigen Dornröschenschlaf".

Dabei ist es "ein außergewöhnliches Grabmal in Bayern", wie Aniela von der Burg erklärt, die das Bauwerk von ihrem 1998 verstorbenen Vater Günter Haniel von Haimhausen geerbt hat. Als "ein kreuzförmiger Zentralbau mit Kuppelhaube, 1904/05 nach Plänen von Max Schultze in Neurenaissanceformen errichtet", wird es in der bayerischen Denkmalliste charakterisiert. Nach Auskunft von der Burgs wird das Mausoleum sogar "immer wieder mit der Villa Rotonda verglichen", einem Meisterwerk des Renaissance-Baumeisters Andrea Palladio im italienischen Vicenza.

Serie Rockerl

Hinter dicht belaubten und bis zu 150 Jahre alten Bäume versteckt sich das Mausoleum der Familie Haniel, das im Volksmund Rockerl genannt wird.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Doch warum hat die Familie Haniel, damalige Besitzerin des prachtvollen Rokokoschlosses in Haimhausen, zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Familiengrabstätte weitab von jeder Bebauung auf dem Hügel oberhalb des Ampertals errichten lassen? Die heutige Eigentümerin des Mausoleums hat eine verblüffende Antwort: Der 1904 gestorbene James Eduard Haniel von Haimhausen, der das Schloss 1892 von der Familie der Grafen von Butler-Haimhausen gekauft hatte, war Protestant. Er durfte nicht in der katholischen Schlosskapelle bestattet werden, wie Aniela von der Burg erläutert. Daher gab seine Witwe Henriette von Haniel, die später den Kaiserlichen Wirklichen Geheimen Rat und Botschafter a. D. Graf Anton von Monts heiratete, bei Oberbaurat Schultze aus Regensburg den Bau des Mausoleums in Auftrag.

Zwölf Grabkammern

Bis zur Fertigstellung wurde der Tote in der Klausenkapelle an der Zufahrt zum Schlosspark aufgebahrt. Daran erinnert dort eine Bodenplatte: "Hier ruhte bis zur Überführung in das Mausoleum (sog. Rockerl) vom März 1904 bis 8. November 1905 Eduard James Haniel von Haimhausen." Kurios ist diese Geschichte vor allem deshalb, weil in der ursprünglich katholischen Schlosskapelle heute die evangelischen Gottesdienste für Haimhausens Protestanten stattfinden.

Quelle: SZ-Grafik

Dass Henriette von Haniel ausgerechnet den Hügel im Niemandsland zwischen Ottershausen und Inhausen für das Mausoleum auswählte, könnte mit dem Rockerl zu tun haben. Denn laut Chronik der Gemeinde Haimhausen kommt das Wort vom italienischen "rocollo" - Vogelnetz. Dort wo seit 1904/05 die Haniel-Grabstätte steht, befand sich einst eine Vorrichtung zum Vogelfang - ein Turm, um den in den Büschen und Bäumen Netze gespannt waren. Ein Rockerl eben, wie es im Bayerischen Wörterbuch von Andreas Schmeller heißt, das dann der Grabkapelle den volkstümlichen Namen gab.

Insgesamt zwölf Grabkammern gibt es im Inneren des Mausoleums nach Auskunft der 1942 geborenen Aniela von der Burg. Dort waren neben James Eduard und seiner Witwe, der Gräfin von Monts, auch deren Neffe, der 1935 verstorbene Edgar Haniel von Haimhausen und dessen Frau Margarethe, bestattet. Doch weil immer wieder Einbrecher die Totenruhe störten, da sie in den Gräbern Schmuck und Wertsachen vermuteten, ließ Edgars Sohn Günter seine im Rockerl beigesetzten Angehörigen exhumieren und auf dem Haimhausener Friedhof beerdigen. Drei früher vorhandene bunte Glasfenster, die den Innenraum nach Berichten von Zeitzeugen in geheimnisvolles Licht getaucht hatten, sind sinnloser Zerstörung durch Rowdys zum Opfer gefallen. In der Nachkriegszeit wurden zudem Kupferverzierungen vom Kuppeldach gestohlen.

Steckbrief

Gemeinde: Haimhausen

Einwohner: Ottershausen 992, Inhausen 51.

Gründung: Ottershausen wurde 794 erstmals erwähnt, Inhausen 895.

Größter Moment der Geschichte: Beerdigung von Henriette Gräfin Monts 1913, als deutscher Hochadel sowie zahlreiche Politiker, Diplomaten und Unternehmer angereist waren.

Wichtigste Einrichtungen: Die Ausflugsgaststätte Marienmühle, die seit mehreren Monaten geschlossen ist.

Sehenswürdigkeit: Die Kirche von Inhausen um 1450 in gotischem Stil errichtet, im 17. Jahrhundert barock eingerichtet.

Bekannteste Persönlichkeit: Der Maler Adolf Schinnerer, 1945/46 Präsident der Münchner Akademie der Bildenden Künste, der 1949 in Ottershausen starb. W.G.

Zettel mit seltsamen Sprüchen

Auch nach der Umbettung der Verstorbenen gab es keine Ruhe am nun leeren Mausoleum, in dem sich noch ein großes Marmorkruzifix befindet, das wahrscheinlich von einem Schüler des dänischen Bildhauers Bertel Thorvaldsen (1770-1844) stammt. Immer wieder sei das in dem kleinen Wäldchen versteckte Mausoleum auch Ziel von Esoterikern: "Ich habe oft Zettel mit seltsamen Sprüchen gefunden, die an Bäume geheftet waren", erzählt von der Burg. Denn es gebe auch die Vermutung, dass es sich bei dem Ort um einen keltischen Kulthügel handle.

Außerdem wurden die Wände beschmiert und mit Graffiti besprüht. "Ich habe selber versucht, sie zu entfernen und einfach drübergestrichen", sagt Aniela von der Burg. "Auch Sekten haben dort eingebrochen", berichtet die Eigentümerin, die schließlich genug davon hatte: "Ich habe es fest verrammelt." In der Tat sind die beiden Eingangstüren durch massive Eisengitter versperrt, die Fenster mit Brettern dichtgemacht, so ist das Gebäude absolut unzugänglich. "Als ich das Mausoleum geerbt habe, habe ich es schließfest machen lassen", betont sie. Auch eine Stromleitung hat von der Burg dort hin verlegen lassen, so dass es nun eine Lichtanlage mit Bewegungsmelder gibt. All diese Maßnahmen seien vom Landesamt für Denkmalpflege überwacht worden, versichert sie.

So unbekannt, wie es scheint, ist das Mausoleum im Übrigen in ihren Augen nicht: "Wenn ich dort kehre oder putze, sind da oft Leute, die rein wollen, aber das will ich nicht", sagt die Erbin. Auch an eine erneute kirchliche Einsegnung habe sie einmal gedacht, es dann aber doch sein lassen. "Weil ich so viel um die Ohren habe." So bleibt das wunderbare Baudenkmal weiterhin zwischen den alten Linden, Eichen und Ahornbäumen verborgen im Dornröschenschlaf.

© SZ vom 01.09.2016/gsl

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