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"Geschichten aus dem Dachauer Land":Wo das ganze Jahr über Weihnachten ist

Die Christbäume der Spennesberger aus Oberweilbach finden Abnehmer in der ganzen Region. Die Vorbereitungen beginnen schon im Sommer.

Die ersten Schilder stehen auf der B 304, kurz vor Karlsfeld. Geformt wie ein Pfeil, weiße Schrift auf grünem Grund. "Tannenhof Oberweilbach" steht darauf. An jeder Abzweigung weisen sie den Weg, bis kurz vor dem Ortsschild. Oberweilbach, das Dorf der Christbäume. 18 Hektar rund um den Ort sind von ihnen bewachsen. 95 Prozent Nordmanntannen, fünf Prozent Blaufichten und Fichten. Stefan Spennesberger ist wie immer gut gelaunt. In blauer Arbeitshose und obligatorischem "Tannenhof Oberweilbach"-Poloshirt kommt er über den Hof gelaufen und bittet zum Gespräch ins Wohnzimmer. Sie gehören seiner Familie, die 18 Hektar, und 27 weitere über den Landkreis verteilt, von Petershausen bis Erdweg. Die Christbäume sind heute das Aushängeschild des Ortes. Wer "Oberweilbach" googelt, landet bei den Spennesbergers. Dabei war das nicht immer so.

In Oberweilbach ist nicht viel los.

(Foto: Toni Heigl)

Früher, als Franz Scherm noch jung war, da verband man im Landkreis mit dem Namen Oberweilbach vor allem eine rauschende Feier zur Kirchweih. "Dafür waren wir bekannt, dass sich hier was rührt." Franz Scherm ist 90 und ein Oberweilbacher Original. Er hat immer hier gewohnt. Als Kind ließ er in der verfallenen Kapelle beim Spielen die Glocken ertönen, als junger Landwirt erlebte er den Übergang zur Industrialisierung und stellte den Hof von Milchviehwirtschaft auf Ferkelzucht um, weil es keine Knechte und Mägde mehr gab. Vier Generationen leben heute auf dem Hof. Der älteste sitzt in seiner guten Stube, neben ihm seine Frau Rosi, in diesem Jahr haben sie Eiserne Hochzeit gefeiert. Franz Scherm wird ganz aufgeregt, als er von der Kirchweih erzählt. "Das war eine Mordsgaudi", sagt er. Sonntagmittag ging es los: Grammofon und Tanz auf dem ersten Hof, dann rüber zum zweiten, zwischendrin schnell heim das Vieh im Stall versorgen, und dann auf die anderen beiden Höfe. Am Montag dann das gleiche noch mal. Es gab Spiele, kleine Aufführungen und Bier. Das wurde zuvor in einem Fass vom Wirtshaus geholt und auf dem Hof in Flaschen gefüllt. Sogar aus anderen Orten kamen Leute, um mitzufeiern.

Franz und Rosi Scherm hätten nie woanders als in Oberweilbach leben wollen.

(Foto: Toni Heigl)

Es waren seltene, unbeschwerte Tage. Den Rest des Jahres war vor allem Arbeit angesagt, wie auf allen vier Höfen in Oberweilbach. Urlaub? "War für uns ein Fremdwort", sagt Scherm. In Bad Füssing war er mal, mit Rosi. Aber erst, nachdem der Sohn den Hof übernommen hatte. Dort haben sie in der Therme gebadet, eine Wohltat war es für sie, die sich jahrzehntelang auf dem Hof krumm und bucklig geschuftet haben. Aber vor allem haben sie getanzt. Nachmittags, beim Tanztee, und abends, bis die Musik ausging. Walzer und Tango vor allem. Franz Scherm lächelt wie einer, der an die schönste Zeit im Leben zurückdenkt. "Ich war ein leidenschaftlicher Tänzer", sagt er, immer wieder. "Tanzen, das war für mich das Allergrößte."

Auch Adolf und Resi Spennesberger sowie ihr Sohn Stefan sind hier glücklich.

(Foto: Toni Heigl)

Sonst hat er sein Dorf nur selten verlassen. "Wir sind hier aufgewachsen, wir wollten nie weg." Was sich in all den Jahren verändert hat? Rosi Scherm überlegt. "Nur noch einer hat Schweine", sagt sie dann. Jeder hat noch seinen Grund, die Jüngeren haben die Höfe von den Älteren übernommen. Spennesberger, Scherm, Liegsalz, Fischhaber. Die selben Namen, die selben Familien seit Jahrzehnten. Zuzug gibt es kaum, nur ein paar Wohnungen sind vermietet. Neue Generationen haben ihre Häuser auf die Höfe gebaut, im Außenbereich ist das nicht erlaubt, es gilt der Schutz des ländlichen Raums. Wirklich schlimm scheinen das die Oberweilbacher nicht zu finden. Sie lieben ihr Dorf so, wie es ist. Auch Resi Spennesberger. Ihr Großvater hat den Hof gekauft, wann, das weiß sie nicht mehr genau. 66 ist sie heute, und noch immer glücklich auf dem Hof ihrer Kindheit. "Mir gefällt's hier. Ich will nirgends anders hin." Man kennt sich in Oberweilbach, auch wenn man nicht mehr so viel zusammenkommt wie früher. Man verträgt sich, hilft sich, lebt friedlich nebeneinander her. Das sagt jeder, den man hier fragt.

Nur im Advent wird es voll. Dann kaufen Leute aus der ganzen Region bei Stefan Christbäume.

(Foto: Toni Heigl)

In einer Sache sind sie sich besonders einig: Hier ist nicht viel los. Nicht mal der Hobbyhistoriker aus Unterweilbach kennt spannende Geschichten über den Ort. Keine großen Ereignisse, kein ungeklärter Mord wie in der Nachbargemeinde Arzbach. "Zum Glück", sagt Resi Spennesberger und lacht. Ach ja, der Bildhauer Karl Halt-Trossbach, in den 80er Jahren Vorsitzender der Künstlervereinigung Dachau und berüchtigt für seine Reden gegen das spießige Kunstverständnis von Dachauer Kommunalpolitikern und für mehr künstlerischen Raum in der Stadt, hat damals ein paar Jahre bei den Spennesbergers zur Miete gewohnt. Und Bernd Schmidt-Pfeil, ebenfalls Bildhauer und vor allem den Älteren im Kopf geblieben wegen einer spektakulären Aktion Anfang der 80er, als er im Erdinger Moos ein mit Aluminium verkleidetes Kampfflugzeug vom Typ "Starfighter" im Absturz darstellte. Damals ein kleiner Skandal. Kurz davor, Adolf Spennesberger erinnert sich noch gut, war er mit dem Flugzeug und einem prozessionsartigen Gefolge durch Oberweilbach gezogen. Mitbekommen hat aber auch das nicht jeder. Da waren andere Dinge wichtiger. Der Hof, die Schweine, die Ernte. Bei Familie Spennesberger waren es die Christbäume. Damals fing alles an. Und deshalb ist es heutzutage einmal im Jahr ganz und gar nicht still und langweilig in Oberweilbach.

Steckbrief

Ort: Oberweilbach

Gemeinde: Hebertshausen

Einwohnerzahl: 44

Gründung: vermutlich im Hochmittelalter, erste urkundliche Erwähnung unter diesem Namen 1329

Größter Moment in der Geschichte: Die Renovierung der Filialkirche St. Johannes Baptist in den 60er Jahren

Wichtigste Einrichtungen: Autos und Fahrräder, mit denen die Oberweilbacher in die nahe gelegenen Orte kommen, zum Einkaufen und für alles andere

Sehenswürdigkeiten: Die Geranien von Resi Spennesberger

Es geht jetzt schon los. Von sechs Uhr in der Früh bis zehn Uhr am Abend ist Stefan Spennesberger beschäftigt. Aus ein paar Fichten Anfang der 80er wurden tausende Quadratmeter mit Nordmanntannen. Jetzt, im Sommer, müssen sie viel gewässert werden, Gras und Unkraut mussgemäht werden, damit die Nadeln eine schöne Farbe bekommen, und die Bäume müssen etikettiert werden. Vier Wochen brauchen zwei Personen dafür. Die Vorbereitungen für die Verkaufsstände laufen, statt zwei werden es in diesem Jahr acht sein. Von Mitte Oktober an werden Tannenzweige und Gestecke verkauft, vor allem als Deko für Geschäfte. Mitte September liefert Spennesberger Bäume ins "Dahoam is dahoam"-Filmdorf nach Dachau, für die Weihnachtsfolgen. Das freut vor allem seine Mutter. Keine Episode, die sie nicht gesehen hat. Verpasst sie doch mal eine, schaut sie am nächsten Morgen. Am Fan-Tag war sie natürlich dort, im fiktiven Ort Lansing in den Studios an der Schleißheimer Straße. "Von zehn bis 18 Uhr."

Ein paar Wochen vor Heiligabend beginnt der ganz große Trubel auf dem Tannenhof Oberweilbach. Dann kommen die Leute aus Dachau und aus Fürstenfeldbruck, aus Freising und aus München, um beim Firmenevent oder mit der Familie den eigenen Christbaum zu schlagen, Glühwein zu trinken und Würstl zu essen. Seit 2009 macht Spennesberger nur noch den Hof, davor hat er als Maschinenschlosser gearbeitet. Erst voll, dann in Teilzeit. 42 ist er heute. "Das Ziel war immer der Betrieb zu Hause. Wenn du angestellt bist, schaust du auf die Uhr um zu gucken, wie lange du noch arbeiten musst. Daheim schaust du auf die Uhr um zu gucken, wie lange du noch arbeiten darfst."

Onlineshop mit Christbäumen

Weihnachten ist das Geschäft der Spennesbergers. Seit dem vergangenen Jahr gibt es einen Onlineshop mit Christbäumen in vier Größen, Lieferung direkt nach Hause. Einer ging nach Berlin, andere nach Dachau und einer nach Hilgertshausen. Spennesberger ist zufrieden. "Bei uns ist das ganze Jahr Weihnachten", ist sein Lieblingssatz. Alle helfen mit. Sein Vater, ein Mann mit wachen blauen Augen und einem bubenhaften Lachen, hat immer etwas zu tun. Von Rente keine Spur. Auch Resi Spennesberger ist nie ohne Beschäftigung. Der Terminplan ist voll. Den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzen, das wäre nichts für sie. Der älteste Sohn des Juniors wird den Hof wohl eines Tages übernehmen. Typisch Oberweilbach.

Bei den Scherms gibt es zwar keinen Christbaum von den Spennesbergers. "Wir haben ja unseren eigenen Wald", sagt Franz Scherm. Aber mit dem Weihnachtstreiben am Tannenhof haben sie trotzdem zu tun. Ausschank und Verpflegung übernimmt der Gartenbauverein Pellheim. Und da ist von jeder Oberweilbacher Familie jemand dabei. Von den Liegsalzens, den Fischhabers und den Scherms. Stefan Spennesberger ist froh um die Unterstützung. Ohne die Nachbarn würde es nicht gehen.

So macht man das in Oberweilbach.

© SZ vom 26.08.2016/gsl

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