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SZ-Serie: Bauen in Dachau, Folge 6:Wohnen wie Gott in Frankreich

"Schlossbergterrassen", "Stockmann-Gärten", "Spitzwegpalais": Wenn es ums Marketing geht, kennt die Kreativität keine Grenzen. Fürstlich sind die Objekte selten, auch die aus Paris bekannten Mansardendächern machen die Bauten nicht besser

Von Gregor Schiegl

Paul Havermann

Paul Havermann war Gründungsmitglied des Architekturforums Dachau. Als Kunstlehrer unterrichtete er an Dachaus Gymnasien und in Mailand. Als Künstler begleitete er Bau und Gestaltung zahlreicher Gebäude in seiner Heimatstadt.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Man kennt das von einsamen Stränden: Kaum hat sich herumgesprochen, wie schön es dort ist, wird dieses idyllische Fleckchen Erde erst von den Massen überrannt und dann von geschäftstüchtigen Leuten mit Hotels zugepflastert und nachhaltig ruiniert. Ein ähnliches Schicksal erleiden auch Wohnquartiere, wie Paul Havermann an vielen Stellen seiner Heimatstadt Dachau beobachten kann: "Zuerst intakte Orte, Gevierte mit einer hohen Aufenthaltsqualität, oft idyllische, gewachsene Lagen, mit einheitlicher Architektur und auch Bewohnerstruktur, mit viel Grün und hohem ökologischen Wert werden von Investoren gekapert, vereinnahmt, aufgeteilt, entwertet und wie billige, endlos zur Verfügung stehende Ressourcen verbraucht. Verbrämt mit einer blumigen, vielversprechenden Bauträgerpoesie, Stockmann-Gärten, Schlossterrassen und ähnlichen Fantasiebegriffen werden die oft billigen, architektonisch fragwürdigen Projekte auf dem Markt angepriesen. Was übrig bleibt, sind zumeist überdimensionierte Architekturkonglomerate, bis auf den letzten Quadratmillimeter nachverdichtet, die allein den wirtschaftlichen Profiten der Investoren Rechnung tragen, ohne Rücksicht auf den Genius Loci. Nach dem Verkauf der überteuerten Wohnungen und Endlosreihenhäuschen bleibt das vorher intakte Viertel als beraubtes Wrack zurück, es sind nur noch Restgärten und keine Parks mehr vorhanden, die ehemalige gewachsene Struktur mitsamt den Bewohnern leidet, das Geviert, das vorher so poetisch beworben wurde, ist entwertet, kaputt gebaut." Und wie man in dieser Folge sehen wird, spielen dabei Dächer eine nicht ganz unwichtige Rolle.

Stockmann-Gärten

Die sogenannten Stockmann-Gärten.

(Foto: Toni Heigl)

Auf dem Areal des früheren Amalie-Nacken-Heims befindet sich seit einigen Jahren eine Wohnanlage mit vierstöckigen Häusern. Von "Gärten" ist hier nicht viel zu sehen, und schon seit ihrem Bau stehen die Stockmann-Gärten in Dachau in der öffentlichen Kritik.

"Als ich noch Lehrer am Gymnasium in Dachau war, durfte, ja musste ich auch in verschiedenen Kursen der Oberstufe Architektur unterrichten", erzählt Paul Havermann. "Wenn ich ein Beispiel für zeitgenössische Architektur zeigen wollte, wo alles, wie oben beschrieben, schiefgelaufen ist, machte ich mit meinen Schülern eine Stundenexkursion zu den sogenannten Stockmann-Gärten in Dachau Süd. Wo einst die Gebäude einer Schule standen, mit weitläufigem Garten und viel Baumbestand, findet man heute ein Konglomerat von wahnsinnig verdichteter Wohnbebauung ohne auch nur den geringsten Anspruch von Gestaltungswillen. Mögen die im hinteren Bereich entstandenen Wohnungen für die Bewohner noch ruhige, abgeschlossene Rückzugsmöglichkeiten bieten, erinnern die Reihenhäuschen in ihrer gestaltlosen Einfachheit eher an eng aneinander gereihte Hutschachteln mit davorgestellten Restmülltonnenhäuschen und die Wohnsilos entlang der Hermann-Stockmann-Straße an zusammengeschusterte und mit unmotivierten Farbornamenten versehene Baukörper, die nur die Maximierung des Bauvolumens beabsichtigen."

Spitzwegpalais

Detail des "Spitzwegpalais".

(Foto: Toni Heigl)

14 Wohneinheiten mit Zwei- und Dreizimmerwohnung sowie Tiefgarage bietet das erst vor wenigen Monaten fertiggestellte "Spitzwegpalais" an der Spitzwegstraße. Beworben wird der dreistöckige Bau als "exklusive Wohnanlage" auf höchstem Niveau. Es gibt sogar ein Mansardendach. Paul Havermann ist davon jedoch nicht beeindruckt: "Neuerdings wird das Mansardendach im Bauträgersektor immer beliebter, lassen sich doch durch den 70-Grad-Neigungswinkel im Dachgeschoss noch erheblich ausgiebigere Wohnflächen erzielen. Hier wird die einst edle Gestaltungsidee, wie wir sie in Paris am Louvre und anderen dortigen Stadtpalästen so gerne bewundern, zu einer reinen erweiterten Geldquelle degradiert. Spitzwegpalais, was für eine Kraft des Wortes! Palais, vom lateinischen palatium, noch erhalten im Namen des Hügels Palatin in Rom, einst der Wohnort vieler römischer Kaiser, will dem kaufwilligen Interessenten suggerieren, dass er bei einem Zuschlag von Wohneigentum in ähnliche Sphären aufsteigen wird. Der Name Spitzweg steht dagegen für gediegene Biedermeiermalerei, romantisch, verspielt, oft in bukolischen Landschaften als Spaziergänge oder idyllische Kleinstadtsujets illustriert. In seinem berühmten Gemälde 'Der arme Poet' liegt ein mit weißer Schlafmütze schreibender Literat in seinem Bett im winddurchwehten löchrigen Dachgeschoß. Ist es dieses Bild, das dem untergejubeltem Bauvorhaben wohl am nächsten kommt? Nach der Fertigstellung des weiß- anthrazitfarbenen Wohnensembles, das so glatt nie Patina annehmen darf, werden noch schnell die Außenanlagen mit den unterschiedlichsten Zäunen und Eingrenzungen wie aus dem Baumarktsortiment versehen. Die Mülltonnenhäuschen werden nicht mal mehr ins Lot gestellt. Verlassen und schief warten sie auf bessere Zeiten."

Haus, Langhammer Straße 4

Haus, Langhammerstraße.

(Foto: Toni Heigl)

Nach so vielen deprimierenden Eindrücken ist es an der Zeit für ein positives Beispiel. Man findet es unweit des Bahnhofs. "Schauen wir uns die Mansardendächer, die es von Frankreich in unsere Breitengrade geschafft haben und die sich hier mit wohlüberlegter Anpassung an die traditionellen bayerischen Formen des Bauens anpassten, genauer an. Ein sehr schönes Beispiel eines Mansardendaches, nur an der Traufseite heruntergeführt, rot, mit Biberschwanzziegeln eingedeckt präsentiert sich in der Langhammer Straße in unmittelbarer Bahnhofsnähe. Das Haus, Teil eines ganzen Ensembles, wurde gleich mit dem gesamten Umschwung, Hinterhaus, Hof, Garten mit Obstbaum mit großer Umsicht instandgesetzt, bis ins Detail durchgestaltet und mit einer zeitgemäßen, aber sehr fein gegliederten Terrasse in unsere Zeit übersetzt. Besonders fallen die Ortgänge an den Giebelseiten auf. Der Putz ist sorgfältig bis an die Dachziegel geführt, das Dach selbst ist mit Solarpaneelen über den Gauben belegt. Das Ganze ein Beispiel des Miteinanders von gebauter Tradition und moderner Technik."

"Spatzenschlössl"

Das 1899 im neobarocken Stil erbaute "Spatzenschlössl".

(Foto: Toni Heigl)

Ein weiteres schönes Beispiel eines wunderschön gestalteten Mansardendaches, das diesmal rundherum um jede Seite des Hauses verläuft, findet man in der Münchner Straße. Das Künstlerdomizil des Malers Hermann Stockmann, genannt das "Spatzenschlössl".

"Hier handelt es sich um ein herrschaftliches Haus aus den Anfängen des vorigen Jahrhunderts. Auf einem hohen Sockel stehend erheben sich die handwerklich sauber geputzten Wände gelb gestrichen bis hinauf zum weißen Traufgesims. Die stattlichen weißen Fenster, fein mit Sprossen gegliedert, umfasst mit weißen Putzfaschen, geschmückt mit grünen Läden und die weißen Ecklisenen geben dem Haus gerade mit dem wie ein beschützender Schirm aufgesetztem Mansardendach ein schlossähnliches Aussehen, "Spatzenschlössl"! Hier wäre der Marketingslogan", "Wohnen im Schlössl", wie ein Malerfürst ein wahres Versprechen.

Künstlervilla mit Mansardendach, Hermann-Stockmann-Straße..

(Foto: Toni Heigl)

Der einzige Wermutstropfen ist der fehlende Vorgarten zur Straße hin. Eine Villa ohne Garten, ohne den sie betonenden Umschwung ist keine Villa mehr. Hier wäre ein Verschwenken des Gehsteigs auf die jetzigen Parkplätze und eine Wiederherstellung des Vorgartens in naher Zukunft ein großer Gewinn für dieses Hausjuwel", findet Paul Havermann.

Mansardendach

Der französische Renaissancearchitekt Pierre Lescot war der Erfinder des Mansardendaches. Er entwarf diese Dachform im 16. Jahrhundert für den Louvre, den ehemaligen Wohnsitz der französischen Könige, das heutige weltberühmte Museum in Paris. Der Namensgbeber des Daches war aber François Mansart, ebenfalls ein Architekt im Paris des 17. Jahrhunderts, der viele Villen und Stadtpaläste plante und sich dabei der von Lescot erfundenen Dachform bediente und von König Ludwig XIII. zum Hofbaumeister berufen wurde. Der Großneffe, Jules Hardouin-Mansart, teilte sein Liebe zu dieser Dachform und schuf in Diensten des Sonnenkönigs Ludwig XIV. die heute für Paris so typischen, von den Einwohnern und Touristen so geschätzten Dachlandschaften. SZ

In Folge 7 und 8 geht es an den Stadtrand und um die Frage, wie sich das Entree von Dachau seinen Besuchern präsentiert.

© SZ vom 30.04.2021
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