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SZ-Serie: Bauen in Dachau:Ansichten einer Stadt

Von Süden präsentiert sich Dachau wie eine Postkartenidylle mit Schloss und Windrad.

(Foto: Toni Heigl)

Die Zersiedelung der Ränder raubt den Orten ihren Charakter. In Dachau findet man neben Discountern aber auch noch dörfliche Idyllen - und die KZ-Bauten, die ein unauflöslicher Teil der Identität Dachaus sind

Von Gregor Schiegl

Nähert man sich einer Stadt, so erblickt man meist schon aus der Ferne ein gebautes Wahrzeichen, das unverwechselbar für genau diesen Ort steht. In Florenz zum Beispiel sieht man den Dom mit seiner einzigartigen Kuppel von Brunelleschi und dem freistehenden Campanile von Giotto schon von der Autostrada aus dem Apennin kommend unten im Tal des Arno. "Unzählige Touristen und Bildungsreisende fahren genau dieser Sehenswürdigkeiten wegen dorthin, erzählen daheim von der Schönheit, die in Fotos dokumentiert und konserviert den Freunden und Verwandten stolz präsentiert werden", sagt Paul Havermann. Auch in seiner Heimatstadt Dachau gibt es solche unverwechselbaren Ansichten und Wahrzeichen, allerdings andere: Es ist ja auch eine andere Stadt mit einer sehr speziellen Geschichte.

Von Gröbenried

Nähert man sich Dachau aus Süden, von der B 471, erblickt man zuerst das Schloss und den Kirchturm Sankt Jakob mit einem Teil der Gebäude des Obermarkts am Kamm der ersten Erhebung vor dem Dachauer Hügel- und Hinterland. Doch was dreht sich da hinter dem Schloss? Ein Windrad! Das passt so gar nicht in die Sehgewohnheiten derer, die durch die Gemälde der Freilichtmaler geprägt worden sind. Als bayerischer Ministerpräsident hatte sich Horst Seehofer im Wahlkampf einst laut tönend gegen "eine Verspargelung der bayerischen Heimat" in Stellung gebracht.

Jetzt ist er Bundesbauminister und "befördert gerade jetzt die Verschandelung unserer Heimat mit dem kürzlich wieder um Jahre weiter verlängertem Paragrafen 13b des Baugesetzes", ärgert sich Paul Havermann ()

. Parallel zur Gröbenrieder Straße verläuft der Stadtwald. Durch viel Grün sieht man zwei Sportanlagen, bis dann am Stadteingang, links eine Wohnanlage der Dachauer Stadtbau zu sehen ist. In den vergangen zehn bis 15 Jahren entstanden hier am Rennplatz, umgeben von viel Grün, in einer fast parkähnlichen Anlage zwölf Häuser und etwa 80 bis 100 Wohnungen im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus.

"Die Häuser wurden von verschiedenen Architekten geplant, in unterschiedlicher Größe und Gestaltung, die diversen verwendeten Baumaterialien, zu sehen an den Dächern, den Balkonen und den Farben, geben den einzelnen Hausgruppen ein individuelles Erscheinungsbild, ohne aber den Zusammenhalt im Gesamten zu verlieren. Bauen ohne Spektakel, solide und kostengünstig aber nicht billig. Ein gutes Beispiel dafür, was gute Architektur leisten kann und auch leisten sollte."

Von Hebertshausen

Fährt man von Hebertshausen nach Dachau Ost, so steht auf der rechten Seite, nach dem Überqueren der Amper, noch weit vor dem eigentlichen Ortseingang der dominante Siloturm im Gebäudeensemble der Würmmühle. Etwas weiter schließen links die Gebäude und Gewächshäuser der ehemaligen SS-Plantage "Kräutergarten" an, auf der KZ-Häftlinge Zwangsarbeit leisten mussten.

Die Gedenkstätte mahnt an das dunkelste Kapitel Dachaus.

(Foto: Toni Heigl)

"Die bald im Anschluss rechts verlaufende Mauer, die wie mit dem Lineal gezogen ist, oben noch mit dem ehemals unter Strom gesetzten Stacheldraht bewehrt, zwingt den Vorbeifahrenden für fast 500 Meter immer geradeaus, während die Fenster der Wachtürme des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau jede Bewegung immer noch zu beobachten scheinen. Auch diese triste, abweisende Mauer mit den Wachtürmen ist Architektur! Brutale Architektur, die nur einem perfiden Zweck diente, nämlich den Terror im Lager zu erhalten und jegliche Flucht zu verhindern.

Anfang der Sechzigerjahre, als Jugendlicher erinnere ich mich noch an die Diskussionen, das ganze Konzentrationslager einfach abzureißen, auszulöschen, zu vergessen. Erst später, nach heftigen Auseinandersetzungen in der Politik und Bevölkerung wurde das ehemalige Konzentrationslager, den Initiatoren sei Dank, zum Mahnmal und zur Gedenkstätte. Heute ist es ein Ort des Gedenkens und ein unauslöschlicher Teil der Stadtidentität Dachaus."

Paul Havermann

Paul Havermann war Gründungsmitglied des Architekturforums Dachau. Als Kunstlehrer unterrichtete er an Dachaus Gymnasien und in Mailand und begleitete Bau und Gestaltung vieler Gebäude seiner Heimatstadt.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Links, wo einst freies Schussfeld war, befindet sich heute ein Grünstreifen mit dichten Bäumen. Dahinter verbirgt sich das Dachauer Gewerbegebiet Ost. Biegt man vor dem 2020 neu erstellten Parkplatz der Gedenkstätte rechts in die Pater-Roth-Straße, kommt man bald zur Fußgängerquerung, die zum Eingang der Gedenkstätte führt. Hier entstand vor genau zehn Jahren ein Besucherzentrum, "kein Haus sondern ein Ort, der sich unaufdringlich in die Umgebung integriert", wie es Florian Nagler, der Architekt formulierte, ein Gebäude mit großem Informationsraum, Atrium und Bistro. Havermann sagt dazu: "Holzstützen, eingefasst oben und unten von schmalen, horizontal verlaufenden Betonstreifen, einen Raum einfassend, zugleich durchlässig, als Rahmung aber auch Verbindung der Räume von außen nach innen und umgekehrt, ist ein architektonisch herausragendes, gelungenes Gebäude. Sensibel und doch kraftvoll in seinem Statement eröffnet es den Ort vor dem Eingangsbereich für die Gedenkstätte."

Etzenhausen

Das Anwesen Buchka ist besonders auffällig in Etzenhausen.

(Foto: Toni Heigl)

Ebenfalls von Hebertshausen entlang des Leitenberges auf der Freisinger Straße gelangt man nach Etzenhausen. Ehemals war es ein Dorf mit eigenem Dorfplatz und Kirche und um 1900 als Vorort von Dachau Herberge für einige bekannte Dachauer Künstler. Auch heute sind die städtebaulichen Strukturen noch großteils erhalten.

"Ortsbildprägend sind oben auf dem Berg die Kirche Sankt Laurentius umgeben vom Friedhof, nebenan der sehr gepflegte Welschhof, unten im Ort der kleine Webelsbach, der mitten durch die Gärten der anliegenden Häuser fließt, dazu noch an viel Grün. Nur an einigen wenigen Stellen ein gerade noch erträgliches, verdichtetes Bauen, sonst immer noch ein Dorf von stimmiger Schönheit. Besonders auffällig ist das von der Freisinger-Straße gut sichtbare Anwesen des Künstlerpaares Emmy Buchka-Lehnbach und Carl Buchka. Von Süden präsentiert sich das stattliche Haus in seiner ganzen Pracht. Mit seinem großen, pavillonartigen Erker, im Obergeschoß als Loggia ausgebildet und einem Zeltdach bekrönt, die weißen Fenster mit den roten Fensterläden und das Pyramidendach mit dem gemauerten Kamin unterstreichen den Eindruck einer großzügigen Künstlervilla. An der Nordfassade zur Freisinger Straße hin fallen die modernistischen Erweiterungen des Hauses sofort ins Auge. Sie drängen sich wie fremde Baukörper viel zu massiv um und an das stattliche Haus, leider zu aufdringlich in Form und Material zerstören sie das ehemalige stimmige Erscheinungsbild."

Die übergrünte Villa am Giglberg steht an der Brucker Straße.

(Foto: Toni Heigl)

Von Günding

"Auf der Straße aus Richtung Günding kommend sieht man weit im Hintergrund immer noch den Kirchturm von Sankt Jakob, die alten Brauereigebäude und das Dachauer Schloss. Ebenso die Annäherung, unten in den Amperauen über die alte Brucker Straße, die früher alleine die Verbindung weiter nach Fürstenfeldbruck herstellte, über die Maisach mit dem Blick links oben auf dem Hügel liegend die unspektakulär, aber sehr dezent und fein gestalteten Gebäude des Schneiderhofes, bis zur Zusammenführung der beiden Straßen in Mitterndorf ergeben ein weitgehend harmonisches Erscheinungsbild eines Ortseingangs. Vorbei am Giglberg, wo dereinst die erste Burg Dachaus gestanden haben soll, schuf sich Anfang des 20. Jahrhunderts, zur Hochzeit der Dachauer Künstlerkolonie, der Maler Max Feldbauer sein Künstlerdomizil. Unterhalb befindet sich jetzt die Einfahrt zum Parkplatz des anschließenden Discountmarkts. Gott sei Dank wurde hier nicht die gewohnte abscheuliche Serienarchitektur der sonst überallgleichen stupiden Flachhallenkonstruktionen - von Architektur kann man ja nicht sprechen - errichtet. Immerhin bekam das Ganze noch ein Obergeschoss, ein paar zusätzliche Läden und in einem Extrakubus ein Bäckereigeschäft mit Kaffee und Außenfläche. Der riesige Parkplatz nimmt leider die größte Fläche ein. Eine teilweise Überbauung auf Stelzen könnte neben Wohn- oder Büroraumbeschaffung sicher zu einer Aufwertung und erträglichen Nachverdichtung der öden Parkplatzfläche beitragen.

Versteckt hinter dem Parkplatz, nach Süden hin sieht man die Rückseite eines ganz neu errichteten Einfamilienhauses, das sich fast in die Landschaft hinweg duckt. Sichtbar ist von hier aus nur der Eingangsbereich und die Garage, sonst verbirgt sich der Baukörper unter einer halbtonnenförmig ausgebildeten begrünten,Oberfläche, wie zu einem Hügel geformt. Mit dem Bewuchs und durch die gezielte Farbigkeit wird alles in die Natur integriert. Kaum wahrnehmbar von hinten, öffnet sich das Haus jedoch mit einer großen Fensterfront zur weiten Wiesenfläche der Amperauen. Ein sehr schönes, gelungenes und interessantes Beispiel, wo Architektur und Natur zu einer Einheit verschmelzen, der Genius Loci ist hier wahrlich berücksichtigt."

Neuauflage des "Betonparagrafen"

Der Paragraf 13b des Baugesetzbuches, der Wohnbaugebiete ohne Flächennutzungsplan, ohne Umweltprüfung, ohne Eingriffskompensation und mit reduzierter Bürgerbeteiligung vorsieht, ist Ende 2019 ausgelaufen. Vor drei Wochen hat der Bundestag einer Novelle zugestimmt, die diese Regelung bis 2022 verlängert. Gegen den "Beton-Paragrafen" gab es heftigen Protest von Naturschützern. Scharfe Kritik an der von Horst Seehofer (CSU) initiierten Novelle übt auch der Protagonist in unserer SZ-Architekturserie, Paul Havermann: "Ein Bau- und Heimatminister, der sich angeblich um die Verschandelung seiner Heimat durch Windräder, die den Klimaschutz voranbringen würden, so große Sorgen macht, verordnet quasi per Gesetz die weitere ungebremste Zerstörung bayerischer Heimat. Ein Flächenverbrauch, ein Kaputtbauen der Landschaft, wild durcheinander gewürfelte Bauklötze, garniert mit daran anschließenden langweilig gebauten Gewerbegebieten zerstören einst unverwechselbare Ortseingänge für immer bis zur Unkenntlichkeit." GSL

In Folge 8 besucht Paul Havermann mit der SZ Dachau weitere städtische Entrees in Dachau: den Eingang von Nordwesten, Webling, Ziegelacker und Udldinger Hang, den Eingang von Osten, Schleißheimer Straße bis in den Innenstadtbereich und den Eingang Münchner Straße.

© SZ vom 29.05.2021
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