Ein geplatztes Aneurysma, ein Reitunfall oder ein Suizidversuch: Die Gründe, warum Menschen in den beiden Wohngruppen „Judith“ und „Stephan“ landen, sind vielfältig. Im Fall von Wolf M. ist es eine manische Psychose, die ihn ganze sieben Liter Wasser trinken ließ. Diese immense Menge an Flüssigkeit brachte seinen Elektrolythaushalt durcheinander, ein Herzstillstand war die Folge.
2008 war das. Nach Monaten im Koma verbringt der heute 52-Jährige zunächst einige Zeit auf einer Akutstation in Grünwald. Seit mittlerweile zehn Jahren lebt der Mann, der neurologisch blind ist, nun im Franziskuswerk Schönbrunn. Die Wohngruppe „Judith“ ist sein Zuhause geworden, derzeit leben sieben weitere Menschen neben M. hier, in der Gruppe „Stephan“ sind es noch einmal neun. Platz ist insgesamt für 18 Bewohnende, für viele ist hier Endstation. Denn so unterschiedlich ihre Biografien sein mögen, eines eint sie: eine erworbene Hirnschädigung.
Der einstige Filmproduzent Wolf M. ist ein vergnügter Mann, der mit seinem Schicksal nicht hadert. Anders als den meisten sind ihm sein Kurz- und Langzeitgedächtnis erhalten geblieben. „Ich glaube, ich habe wahnsinnigen Schussel gehabt“, sagt er. In der Wohngruppe ist er mit dieser Einstellung eher die Ausnahme, wie Wohnverbundsleiter Moritz Kupferschmid und die pädagogische Fachkraft Franziska Abhir erzählen: Vielen falle es schwer, ihr Schicksal zu akzeptieren. Denn bis zu jenem Tag, der alles verändert hat, haben sie allesamt ganz normale Leben geführt. Erst danach kam die Behinderung in ihr Leben.
Die Vergangenheit zurückgeben kann ihnen das Spendenhilfswerk „SZ Gute Werke“ nicht. Mit zwei gemeinsamen Ausflügen will es den Bewohnerinnen und Bewohnern der beiden Wohngruppen aber zumindest für einen kurzen Moment ein wenig Leichtigkeit in ihr Leben zurückbringen, das sich sonst in vielen Fällen nur mehr zwischen Wohngruppe, Werk- und Förderstätte abspielt. Ein Besuch der Pferdeshow „Cavalluna“ sowie der Zaubershow der „Ehrlich Brothers“ und davor jeweils ein Restaurantbesuch sind geplant, Spenden von großzügigen SZ-Leserinnen und -Lesern machen es möglich.
Es gehe darum, sagt Kupferschmid, „dass die Leute sich nicht aufgeben“. Anders als M., der noch viel Kontakt zu Verwandten und Freunden hat, würden sich nämlich viele Bewohnerinnen und Bewohner zurückziehen. Oft, sagt Abhir, gehe solch eine Hirnschädigung mit einer Wesensveränderung einher. Das sei für die Angehörigen schwer zu ertragen, Überforderung sei die Folge. Für die Betroffenen – sie sind in Schönbrunn zwischen 23 und 60 Jahre alt –bedeutet das: Ihr Leben ist nicht nur von einem Tag auf den anderen ein ganz anderes, auch ihr soziales Umfeld bricht weg. Und weil viele sich nicht als behindert begreifen, gestalte es sich auch schwierig, neue Freundschaften in der Einrichtung zu knüpfen.
Moritz Kupferschmid und sein Team versuchen unter diesen schwierigen Bedingungen dafür zu sorgen, dass die Menschen wieder Lebensmut schöpfen. Sie bieten Ergo- und Physiotherapie an, weil viele kognitiv eingeschränkt sind. Im Alltag ermutigen Kupferschmid und Abhir die Bewohnenden zu Eigenständigkeit, fördern und fordern lautet die Devise. Nur so bestehe, sagt Abhir, die Chance, dass sich gekappte Synapsen wieder nachbilden.
Wolf M. ist froh darüber: Mittlerweile kann er sich dank viel Übung wieder alleine anziehen, er schafft es alleine die Treppe hinunter, sogar zum Einkaufen und in die Kirche geht er ohne Begleitung. Immer wieder besucht er Konzerte, kürzlich war er in der Ausstellung zu Andy Warhol und Keith Haring im Museum Brandhorst. Damit das möglich ist, müssen ihn aber Betreuerinnen wie Franziska Abhir begleiten. Die Antwort auf die Frage, ob er sich auf den gemeinsamen Ausflug mit seiner Gruppe schon freut, kommt daher wenig überraschend: „Das finde ich wunderschön“, sagt Wolf M. Die Betreuerin Abhir und Kupferschmid hoffen, dass die Reaktionen der übrigen Bewohnerinnen und Bewohner ähnlich ausfallen werden – noch ist es eine Überraschung.
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