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SZ-Forum "Unsocial Network (?)":Kontaktpflege und Kommunikation

Die Diskussionsteilnehmer auf dem SZ-Podium bewerten die Neuen Medien überwiegend positiv und wehren sich gegen Pauschalurteile von Kritikern, die sprachliche Verarmung und Vereinsamung befürchten.

Von Petra Schafflik

Es ist noch nicht lange her, da hatte Johannes Richter 250 Freunde im sozialen Netzwerk Facebook, wo er auch Details aus seinem Alltag und viele Fotos veröffentlichte. "Das hat schon Spaß gemacht." Vor der Bewerbung um einen Job wollte der Abiturient vom Ignaz-Taschner-Gymnasium (ITG) aber sicherstellen, dass sein künftiger Arbeitgeber die teilweise sehr privaten Informationen nicht findet. "Ich habe ein neues Profil erstellt, das clean ist." Vier Wochen habe dieser aufwendige Prozess gedauert. Seitdem "teilt" Richter sein Leben nicht mehr, nutzt das soziale Netzwerk noch intensiv, aber ausschließlich als Kommunikationsmedium. Diese Erfahrungen, die ein Schlaglicht werfen auf Chancen und Risiken sozialer Netzwerke im Internet, schilderte der Dachauer Schüler am Montagabend im Ludwig-Thoma-Haus beim SZ-Forum zum Thema "Was machen die Neuen Medien mit unseren Kindern?" Gemeinsam mit Johannes Richter debattierten unter Leitung der SZ-Redakteure Helmut Zeller und Gregor Schiegl auf dem Podium Ekkehard Sander vom deutschen Jugendinstitut München, Sabrina Andersen, Lehrerin an der Mittelschule Dachau-Ost, Björn Friedrich, Autor des "Facebook-Buchs für Eltern" und Noemi Nedelcev, wie Richter ITG-Abiturientin.

Dachau Thomahaus SZ Forum Unsocial Network Sabrina Andersen Noemi Nedelcev Johannes Richter Ekkehard Sander Björn Friedrich Foto: Heigl

(Foto: DAH)

Gerade die beiden Schüler gaben den etwa 140 Besuchern immer wieder erfrischend lebendige und konkrete Einblicke in den lässigen Umgang junger Leute mit den Neuen Medien. Für viele der Zuhörer eine wertvolle Information, denn die Mehrzahl, so das Ergebnis einer spontanen Umfrage im Publikum, nutzt das soziale Netzwerk Facebook nicht. Für Richter und Nedelcev dagegen ist es selbstverständlich, ständig online zu sein. Ein Telefonat kann Nachrichten über Dienste wie Facebook oder Whatsapp nicht ersetzen, so die Jugendlichen, die zum Erstaunen der Zuhörer den Anruf als "aufdringlich" bewerten.

Doch die Elterngeneration treibt die Sorge um, die Jugend könnte durch die intensive Internetnutzung körperlich oder geistig Schaden nehmen. "Verarmt nicht die Sprache, wenn Jugendliche nur mehr im Telegrammstil kommunizieren?", so die Frage eines Besuchers. Im Chat seien Grammatik und Rechtschreibung egal, "ich glaube schon, dass Ausdrucksfähigkeit verloren geht", sagte Lehrerin Andersen. Weniger pessimistisch ist Jugendforscher Sander. "Sprache wird in ganz frühen Jahren gelernt", Studien zur Lesefreudigkeit der Jugend gäben keinen Anlass für Pessimismus. "Nicht jeder, der für Erwachsene kryptische Mails schreibt, ist ein Analphabet." Die Abkürzungssprache der elektronischen Kommunikation, in der ein knappes "lw" Langeweile signalisiert, hält Ratgeberautor Friedrich als Teil einer Jugendkultur, die der Abgrenzung dient. "Lange Haare schocken ja niemanden mehr."

Muss aber nicht doch Sorge bereiten, wie viel Zeit junge Leute vergeuden, wenn sie rund um die Uhr online sind? Wie viel Internet ist altersgerecht? Wo beginnt die Sucht? Pauschallösungen gebe es nicht, sagte Friedrich. Vielmehr sollten Eltern beobachten, wie ihr Kind Medien nutzt, bei Problemen "hellhörig werden". Eltern müssten nicht alles wissen, mahnt Jugendforscher Sander und rät zu Diskretion. Junge Leute würden online nicht Zeit vergeuden, sondern Zeit verbringen - und zwar nicht nur zum Spaß, stellt Schülerin Nedelcev klar. Vor dem Abitur habe sie "extrem gute Beiträge zur Prüfungsvorbereitung" gefunden. Studien belegten, dass Jugendliche neben Neuen Medien viele weitere Interessen pflegten, ergänzte Friedrich. Dass es Phasen gibt, in denen Smartphone und Computer exzessiv genutzt werden, räumen die Abiturienten auf dem Podium ein. "Aber das heißt nicht, dass man ohne Smartphone mehr Hausaufgaben macht", sagte Nedelcev. Und im Gegensatz zu der von Kritikern befürchteten Vereinsamung sehen die Schüler soziale Netzwerke vielmehr als effektives Mittel, um in Kontakt zu bleiben. Neuen Medien ersetzten nicht, sondern förderten vielmehr "face to face-Kontakte", so ein Zuhörer. Auch die Integration von Migranten könnten soziale Netzwerke unterstützen, erklärte Lehrerin Andersen auf Nachfrage des CSU-Landtagsabgeordneten Bernhard Seidenath. "Weil schnell Kontakte entstehen." Allerdings führt die enorme Bedeutung sozialer Netzwerke dazu, dass rasch zum Außenseiter wird, wer nicht über Smartphone oder unbegrenzten Internetzugang verfügt. Gemobbt wird auch innerhalb der sozialen Netzwerke, das sei "allerdings kein Medien-, sondern ein soziales Problem", so Facebook-Experte Friedrich. Auch Jugendforscher Sander betont, der Begriff "Cybermobbing" verkürze die Debatte, "das Problem geht über Facebook hinaus".

Noch debattieren Experten, Pädagogen und Eltern über Facebook, da wandert die Jugend bereits ab. Alternative Plattformen und Dienste gewinnen an Interesse, denn vor allem das zunehmende Interesse der "Silver Surfer", der Generation 60 plus also, "macht das Netzwerk für die Jugend zunehmend uninteressant", so Facebook-Fachmann Friedrich. Das bestätigt Abiturient Richter: Wenn Eltern ihre Kinder bei Facebook als Freund adden möchten, "hört für mich der Spaß auf".

© SZ vom 12.06.2013

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