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SZ-Adventskalender:Vergebliche Herbergssuche

Fatma M. und ihre beiden Kinder sind seit zwei Jahren obdachlos. Sie ziehen von einer schäbigen Unterkunft in die andere, bald stehen sie wieder auf der Straße. Die elfjährige Tochter Aylin sagt: "Ist alles sinnlos."

Draußen strahlt die Sonne vom klaren, blauen Winterhimmel, drinnen in der Wohnküche kämpft das Licht einer Deckenlampe gegen die trübe Düsternis. Auf einer alten Eckbank, die nicht die ihre ist, sitzt Fatma M. (alle Namen geändert) und schildert ruhig ihre ausweglose Lage. Seit einem Jahr schon lebt die alleinerziehende Mutter mit Sohn und Tochter in dieser Notunterkunft weit außerhalb der Ortschaft. In einem alten Haus bewohnt die kleine Familie zwei Zimmer und teilt sich Bad und Küche mit zwei alleinstehenden Mitbewohnern. Eine eigene Bleibe zu finden ist aussichtslos, überhaupt hat Fatma M. keine Perspektive. Denn selbst diese Bruchbude könnte bald verloren sein. Der Altbau soll abgerissen werden. Auf der Straße stehen werden sie nicht, die Gemeinde wird sie erneut unterbringen. Aber wieder ein Umzug? Wieder ein neues Obdachlosenquartier? Die Verzweiflung ist spürbar. Wo andere Mädchen in ihrem Alter sofort eine Handvoll Weihnachtswünsche aufzählen können, fällt der elfjährigen Aylin nichts ein. Nein, nichts. "Ist alles sinnlos."

"Das ist kein Zuhause"

Das Schicksal nahm seinen Lauf, als der Vermieter Fatma M. vor gut zwei Jahren wegen Eigenbedarfs kündigte. Seitdem steht die kleine Familie auf der Straße, ist auf Notunterkünfte der Gemeinde angewiesen. Einige Monate waren sie in einer Pension einquartiert. Hört sich gut an, ist aber gerade für Familien schwer. Denn eine Küche gibt es dort nicht, Kochplatten sind verboten, also konnte Fatma M. nie selbst eine warme Mahlzeit zubereiten, dafür gab es Dusche und WC auf dem Gang. "Das ist kein Zuhause", sagt Aylin. Dann der Umzug ins abgelegene Haus, wo immerhin die Wohnküche eine eigene Haushaltsführung möglich macht. Aber nun geht es vielleicht zurück in die Pension oder in eine andere Notunterkunft.

Wie Fatma M. und ihre Kinder stehen noch viele andere Familien, junge Leute oder Senioren ohne eigenes Obdach da. Eine Statistik für den Landkreis gibt es nicht, aber allein in der Stadt Dachau leben zurzeit 156 Menschen in einer städtischen Unterkunft, teilt der zuständige Amtsleiter Max Markus Haberl mit. Und Obdachlosigkeit ist kein städtisches Phänomen, auch die ländlichen Gemeinden müssen immer wieder Bürger in Notquartieren unterbringen. Familien mit Kindern sind darunter, die nun das Weihnachtsfest nicht gemütlich im eigenen Wohnzimmer, sondern in einer zugewiesenen Behausung feiern werden. Mehr noch als das bedrückt die Betroffenen die düstere Perspektive. Denn in einer Region, in der bezahlbare Wohnungen fehlen, haben gerade Alleinerziehende, Menschen mit geringem Einkommen oder Migranten kaum eine Chance. Sie finden einfach kein Dach über dem Kopf.

Sobald potenzielle Vermieter ihren ausländisch klingenden Namen hören, ist das Gespräch meist rasch beendet

Das hat auch Fatma M. erlebt. Sie hat nichts unversucht gelassen, um wieder eine Wohnung zu finden. Für eine Sozialwohnung ist sie vorgemerkt, alle Genossenschaften hat sie abgeklappert, Anzeigenblätter und Internet durchforstet, bei offensichtlich leeren Wohnungen in der Nachbarschaft geklingelt und nachgefragt. Manche Menschen sind nett und hilfsbereit - "aber nie hat sich jemand wieder bei mir gemeldet." Sobald potenzielle Vermieter ihren ausländisch klingenden Namen hören, ist das Gespräch meist rasch beendet. Neben den Wohnverhältnissen drückt die finanzielle Not. Fatma M. arbeitet in der Gastronomie, hangelt sich von Job zu Job. Momentan wartet sie wieder einmal auf Lohn vom Vormonat. Wenn sie Pech hat, vergeblich.

Sohn Cem hat sich noch nicht von einem schweren Unfall erholt, dem zahlreiche Operationen folgten und eine Infektion mit Krankenhauskeimen. Tochter Aylin leidet stumm. Die Mitschüler lästern, Freunde kann sie in die marode Unterkunft nicht mitbringen, ihren geliebten Sport musste sie aufgeben, weil der Weg zum Verein abends im Dunkeln zu gefährlich und auch zu weit ist. Die Familie braucht dringend Winterkleidung. Gerne würde Fatma M. mit ihren beiden Kindern auch gelegentlich für ein paar Stunden ihrem Alltag entfliehen, zum Beispiel mit einem Besuch im Schwimmbad.

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